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Der Schaulustige - Arno Schmidt und das Kino

Thomas Mann hat angeblich im Kino "geheult wie ein Dienstmädchen". Franz Kafka schrieb in einem Brief, er sei "verliebt in das Kino". Und der deutsche Schriftsteller Arno Schmidt? Er war gar nicht der Kinofeind, als der er lange Zeit wahrgenommen wurde. Darüber klärt nun ein neues Buch von Dr. Guido Erol Öztanil auf.

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Thomas Mann hat angeblich im Kino "geheult wie ein Dienstmädchen". Franz Kafka schrieb in einem Brief, er sei "verliebt in das Kino". Alfred Döblin wäre ohne die aus dem Spielfilm geliehene Montagetechnik wohl kaum ein so sprachgewaltiger Großstadtroman wie "Berlin Alexanderplatz" gelungen. Und ohne das Kino und den damit verbundenen Herzenswunsch, ein "Glanz" beim Film zu werden, wäre Irmgard Keun im "Kunstseidenen Mädchen" glatt die Handlung ausgegangen.  Und der deutsche Schriftsteller Arno Schmidt? Er war gar nicht der Kinofeind, als der er lange Zeit wahrgenommen wurde. Darüber klärt nun ein neues Buch von Dr. Guido Erol Öztanil auf.

 

Filmkunst und Literatur sind schon vor langer Zeit eine Liaison eingegangen, in der es mitunter heftig knistert und doch zuweilen gewaltig kracht. Wie das mit den jeweils neuen Medien so ist: Die Dichter und Denker halten sie nicht selten für Verblödungsbeschleuniger. So galt auch das Kino anfangs als anrüchiger, lasterhafter Ort jenseits moralischer Vorstellungen. Viele Literaten distanzieren sich von dem Medium Film. So galt auch der Schriftsteller Arno Schmidt lange Zeit als ein Kinofeind. Dass er dies aber nie war – sondern eher ein Kinoskeptiker – zeigt der Hamelner Dr. Guido Erol Öztanil in seinem umfangreichen Buch „Stumme Lichtzeichen – Arno Schmidt und das Kino“. Erschienen ist es im hannoverschen Wehrhahn Verlag, den der ehemalige Vikilu-Schüler Matthias Wehrhahn seit 1997 erfolgreich betreibt. „Stumme Lichtzeichen“ ist Öztanils mittlerweile fünftes Werk, das sich mit dem Schriftsteller der Nachkriegszeit auseinandersetzt. Darin widmet er sich sehr ausführlich und kenntnisreich einem Thema, das bislang unbeachtet blieb. Guido Erol Hesse Öztanil, 1965 in Stuttgart geboren, ist seit 2006 als Redaktionsleiter für den „Hamelner Markt“ und seit kurzem für die Anzeigenblätter „Hallo Sonntag“ und „Hallo Mittwoch“ tätig. Für sein 560-seitiges Mammutwerk hat er beeindruckend akribisch recherchiert: Hier kommen Zeitzeugen zu Wort, erinnern sich ehemalige Klassenkameraden und Nachbarn von Schmidt, wird aus Archiven und historischen Zeitungen zitiert. In „Stumme Lichtzeichen“ erzählt er Hamburger Stadtgeschichte und deutsche Literaturgeschichte, er rekonstruiert fachkundig mehrere Kapitel deutscher Filmgeschichte und wagt sich sogar an Fernsehtheorie heran. Knapp 100 Seiten lang ist allein die Filmographie, die all jene Werke ausführlich porträtiert und bebildert, die Alice und Arno Schmidt im Kino gesehen haben; darunter sind späte Stummfilme ebenso wie frühe Tonfilme. Und – was wiederum die Literaturwissenschaftler und Kenner freuen wird: Öztanil belässt es nicht dabei, sondern schlägt den Bogen zu Arno Schmidts Werk.

 

Mehr über den Schriftsteller, der 1970 das schweste und größte Buch der deutschen Literaturgeschichte herausgab, über Arno Schmidts Inspiration, die er aus Kinobesuchen schöpfte, und über seine Tagebuchnotizen lesen Sie auf der Kulturseite unserer Samstagsausgabe.


Dr. Guido Erol Öztanil: "Stumme Lichtzeichen: Arno Schmidt und das Kino", Wehrhahn Verlag, 560 Seiten, 39,80 Euro.

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