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Traute Römisch und Andy Mokrus mit Roald Dahls „Küsschen, Küsschen“ im TAB

Bussi, Bussi

HAMELN. Analog der Gedichtzeile „John Maynard – wer war John Maynard“ könnte man fragen: „Roald Dahl – wer war Roald Dahl“? Seit Montagabend wissen wir es – wenn wir es nicht schon vorher gewusst haben. Ein Schriftsteller, Erzähler haarsträubender Geschichten, nicht nur vom „Onkel Oswald“.

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In „Küsschen, Küsschen“ – Titel auch der Lesung von Traute Römisch, die Dahl – den Hundertjährigen, wenn er es erlebt hätte – jetzt am Montagabend aufs TAB brachte.

„Ein schöner, guter Winterabend“, so die Römisch – wenn auch immer noch Herbst und natürlich mit Andy Mokrus am Klavier. Sehr viel mehr gab es nicht zu sehen. Noch ein Pult und hinten ein schwarzer Hänger – dafür Tische im Publikum und ein paar Sitzreihen. Links die Züge, Theaterinnenleben, nackte Wände rechts und viel Luft Richtung Schnürboden. So ein bisschen Warmlaufen für die beiden Künstler, die seit 20 Jahren nicht nur das TAB dominieren und auf eine Fan-Gemeinde zählen können, um die sie andere beneiden – und am 12. März „kein bisschen leise“ ihr Jubiläum mit Gästen feiern wollen. Natürlich „großes Haus“.

Jetzt erst mal den Dahl mit Impressionen aus „Boy“, in denen der 1916 in Cardiff Geborene an seine Internatszeit erinnert, mit einer Heimleiterin mit „Donnerbusen“ und jeder mit eigenem Nachttopf. Und so ein Gepinkel einfühlsam von Mokrus auf dem Steinweg tröpfelnd begleitet. Ein prügelnder Priester, der es dennoch zum Erzbischof von Canterbury brachte und einem Mathe-Lehrer, der alles, nur nicht Mathe lehrte, dafür aber ein beeindruckender Pupser vor dem Herrn war. Klanglich, auch in die Texte improvisiert, ein bisschen „Peter und der Wolf“, „We Are The Champions“ – und zum Mitsingen – was dann doch niemand wollte: „Lobe den Herren“.

Das titelgebende „Küsschen, Küsschen“ ausgewählt aus elf ungewöhnlichen Geschichten: „Die Wirtin“ – eine liebenswürdige ältere Dame, die Zimmer mit Frühstück an ebenso „große wie junge und hübsche“ Jungs vermietet. Zuletzt an Billy, der erst beim bitteren Geschmack von Mandeln stutzig und hellhörig wird.

Der zweite Teil beginnt – perfekt auf’s Grimm-Jahr abgestimmt – mit zwei, sagen wir, eigenwillig gereimten Märchen aus „Konfetti“. „Schneewittchen und die sieben Jockeys“ und „Die wahre Geschichte vom Aschenbrödel“. Schneewittchen ist bei Dahl sozusagen der „letzte Schrei“, wie es heißt und an den Jäger kaltblütig von Stiefmama Königin befohlen: „Und leg sie um“. Und nachgelegt: „Und hau schon ab“ – und das auf „im Trab“ gereimt. Und triumphierend: „Die kleine Schlampe, die ist hin“ und Römisch und Mokrus als perfekt eingespieltes Team und Text und Musik eine einzige rhythmische Einheit. Auch bei „Aschi“ beim Ball zu Walzerklängen und alles ein bisschen anders mit vielen Köpfen, die da rollen.

Ebenfalls aus „Küsschen, Küsschen“ eine hinreißend abstruse Geschichte um „Mrs. Bixby und der Mantel des Obersten“. Sie hintergeht ihren Mann, erhält vom Liebhaber als Abschiedsgeschenk einen kostbaren Nerzmantel, den sie im Pfandhaus parkt. Und den Pfandzettel als Fund ausgibt, der vom Ehemann ausgelöst wird. Für Mrs. Bixby bleibt nur ein kleiner Nerzkragen übrig, während die Assistentin ihres Mannes im Nerz daherschwebt. Natürlich wird der Herr des Hauses an diesem Abend erst spät nach Hause kommen.

Dazwischen immer wieder reizvoll improvisierte Musik, und die Römisch, die ihre Texte weniger liest als eindrucksvoll interpretiert – kunstvoll spielt, was gar nicht so einfach ist. Eine Könnerin, die mit Worten jongliert, sie in der Luft hängen lässt, dann wieder den Turbo zuschaltet, um den nächsten Satz eiskalt zu verzögern. Das ist, manchmal fast schon zu perfekt, dass man der Römisch mehr Aufmerksamkeit schenkt als dem, was sie zum Anlass für virtuose Spielereien nimmt.

Roald Dahl, ein Meister des schwarzen Humors potenziert um britische Schwärze. Und bei so viel Küsschen ein begeistertes „Bussi, Bussi“ an Dahl, Römisch und Mokrus.

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