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Ausgezeichnetes Wochenende: So hat Felicitas Hoppe Hameln erlebt

Hameln. Sie ist die erste Schriftstellerin, die in Hameln geboren und mit dem Rattenfänger-Literaturpreis ausgezeichnet wurde: Felicitas Hoppe. Rund um die Preisverleihung am Freitagabend hat die Wahl-Berlinerin ein langes und terminreiches Wochenende in ihrer Heimatstadt verbracht. Exklusiv in der Dewezet erzählt sie, wie sie diese Tage erlebt hat.

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Hameln. Sie ist die erste Schriftstellerin, die in Hameln geboren und mit dem Rattenfänger-Literaturpreis ausgezeichnet wurde: Felicitas Hoppe. Rund um die Preisverleihung am Freitagabend hat die Wahl-Berlinerin ein langes und terminreiches Wochenende in ihrer Heimatstadt verbracht. Exklusiv in der Dewezet erzählt sie, wie sie diese Tage erlebt hat.

Donnerstag
Lesung im Literaturhaus Hannover. Danach die Hotelbar, wir stoßen schon mal auf Hameln an, die Vorfreude wächst. „Sei froh, dass du eine Karte hast,“ sage ich einem alten Freund, „denn in Hameln wird’s voll“.
Freitag
Mit der S-Bahn von Hannover nach Hameln. Heimatlandschaft im ersten Schnee. Vorfreude wächst weiter. Interview in der „Rattenfalle“ im Hotel Jugendstil. Danach erste Gäste. „Hoppe-Spaziergang“ durch meine Stadt: Deisterstraße 48 (Geburtshaus), Augustinuskirche (Taufkirche), Viktoria-Luisen-Schule (Abitur), Bürgergarten (Sonntagsspaziergänge), Osterstraße, Marktplatz, Weihnachtsmarkt, Kirche und Hochzeitshaus und um 15.35 (was für ein Timing!) Glocken- und Rattenfängerspiel, noch schöner als beim ersten Mal!
Zurück zum Hotel, Dusche und Spiegel (soll ich wirklich die rote Jacke anziehen?). Vorfreude wächst weiter, Aufregung auch. 18.30 Uhr: Mit Eltern, Freunden und Honoratioren zum Weserberglandzentrum. Bekannte Gesichter, geliebte Geschwister, furchtlose Neffen. Die Halle, voll und prächtig geschmückt, ein verwunschener Hamelner Immerwald. Neben dem Pult (woher haben sie den?) ein riesiger Löwe, der wird mich beschützen. Trotzdem habe ich schweißnasse Hände, während ich den Schülern vom Vikilu dabei zusehen darf, wie sie „Iwein Löwenritter“ grandios in Szene setzen. Keine Frage, sie haben mehr Mut als ich.
Musik und Reden, beides rührt mich und bringt in Verlegenheit. Und dann (wer hätte damit gerechnet) zieht, als hätte Hameln mir den Wunsch von den Lippen gelesen, plötzlich der Rattenfänger ein, als Ratten verkleidete Kinder im Schlepptau. Hier wird Wirklichkeit, wovon andere nur träumen: Scheck und Blumen und eine Riesenratte aus Brot, die mich durch jeden Winter bringt, was kann mir jetzt noch passieren?
Jede Menge: Im Foyer warten Freunde, Gäste, Fans und Schulkameradinnen, die Vorfreude hat sich in Freude verwandelt. Und in Arbeit, denn ich finde mich wieder an einem Tisch, den ich nie mehr verlassen werde, weil sich hinter dem Tisch ein Rattenschwanz bildet, der wächst und wächst und weiterwächst und aus lauter Namen und Gesichtern besteht, die ich immer wieder von vorn buchstabiere. Bis mich das Kulturamt erlöst und ich endlich zum Essen darf. Wie gut das schmeckt, muss ich nicht erwähnen, auch nicht, wie gut an diesem Abend das erste Glas Wein war. Und wie kurz die Nacht danach.
Samstag
Am nächsten Morgen die Krypta des Münsters, Leserinnen, Leser und jene, die am Abend davor keinen Platz mehr in der Halle bekamen. Große Stille und höchste Aufmerksamkeit und danach, wie auch am Nachmittag, eine Fortsetzung jenes Rattenschwanzes aus Gesichtern von Bekannten und Unbekannten.
Montag
Nach einem freien Sonntag in Bad Pyrmont (beim Erwachen auf dem Kissen die herrliche Ratte!) wache ich montags wieder auf. Die Woche fängt mit einem Geburtstag an, meine Mutter wird 75. Weil ich gleich wieder nach Hameln muss, feiern wir schon um sieben Uhr früh, bevor ich durch die Kälte zum Bahnhof laufe. Um kurz vor neun sitze ich, mit Blick auf die Weser, in der Sumpfblume vor 150 Kindern, die mich lauthals im Chor begrüßen: „Guten Morgen Frau Hoppe!“ So hat man mich weltweit niemals begrüßt. Wir lesen und reden, und dank der Geduld der Hamelner Lehrer bildet sich wieder, gut organisiert, ein Rattenschwanz vor meinem Tisch, der mich nicht nur um Unterschriften bittet, sondern auch Briefe überreicht, die ich später im Zug nach Berlin in aller Ruhe lese und die zu den schönsten Briefen gehören, die ich je bekommen habe.
Dienstag
Ich sitze wieder im Zug, wieder nach Hameln, wo ich in der Hermannschule mit den „Besten der Besten“ der Vikilu noch einmal den Löwenritter beschwöre und den Rattenfänger. Diese Kinder, so kommt es mir vor, wissen alle viel besser als ich, wie Schreiben und Erzählen geht. In einer knappen halben Stunde schreiben sie Geschichten auf, von denen wir, die Großen, nur träumen, und in denen sie Antwort auf Fragen finden, die ich selbst nie beantworten könnte, zum Beispiel: „Abenteuer – was ist das?“
Am Abend zurück nach Berlin, wo der Zug kurz hinter Hannover plötzlich stecken bleibt. Aber was macht das? Ich habe so viele Hamelner Briefe zu lesen, dass es mich auch nicht stören würde, wenn wir tagelang auf den Gleisen stünden. Ich sitze bei Tee und Gulaschsuppe im Speisewagen und lese und lese. Die Nachfreude wächst. Und die Vorfreude auf meinen nächsten Besuch in meiner Heimatstadt Hameln, wo man mich besser empfangen hat als in jeder Stadt dieser Welt!

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