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Die verwundbare Seite der Pop-Diva

Aufstieg und Fall: Kino-Dokumentation „Whitney – Can I be me“

Es dauert keine fünf Minuten und schon ist da diese Stimme. Schon ist da dieser Ton, diese eine Stelle. Kurze Pause, die Sängerin holt Luft, tropft sich den Schweiß ab und dann: „And I... Will Always Love You“. Der Ausschnitt stammt aus dem Jahr 1999. Bei einem Konzert in Frankfurt kämpft sich Whitney Houston durch den größten Hit, den sie je haben sollte. Nun kommt eine Doku über die Ikone ins Kino.

veröffentlicht am 07.06.2017 um 15:32 Uhr
aktualisiert am 07.06.2017 um 18:10 Uhr

Sie war eine der erfolgreichsten Sängerinnen aller Zeiten: Whitney Houston. Foto: Arsenal Film Verleih/dpa

Autor:

Christian Fahrenbach

Schon mit diesem kurzen Clip setzt „Whitney – Can I be me“ einen Akzent. Zu sehen ist in diesem Moment nicht nur eine Jahrhundertsängerin mit einer Stimme, die Millionen Menschen die Sprache verschlug. Stattdessen steht da eine Frau, die allen anderen das geben will, was die von ihr verlangen – und von der die Zuschauer wissen, dass sie letztlich an der Erfüllung all dieser Wünsche selbst zugrunde ging. Früh ist klar, wie ernst es Houston mit dem titelgebenden Spruch gewesen sein muss, den sie auf Tournee ihren Musikern immer wieder gesagt hat: „Can I be me?“ – „Darf ich bitte ich selbst sein?“

Auf den Konzertausschnitt folgt ein Schnitt, erzählt wird von Houstons Kindheit in Newark, einer Industriestadt direkt neben New York. Weggefährten und Familienmitglieder erzählen in Interviews von den ersten Schritten in der Karriere der im Alter von 46 Jahren gestorbenen Sängerin, zum Beispiel darüber, wie runtergekommen das Viertel war, aus dem die später so brav positionierte Popsängerin stammte. „Sie wurde als Prinzessin präsentiert, das war es doch, was das weiße Amerika wollte“, heißt es an einer Stelle.

Schnell geht es auch darum, dass früh Drogen in Houstons Leben eine Rolle spielten, weil sie diese von ihren älteren Brüdern bekam. Auch später lassen die Filmemacher kein knalliges Detail aus, beispielsweise wenn sie viel Zeit auf die geheimgehaltene Liebesbeziehung mit der als Freundin und Beraterin präsentierten Robyn Crawford verwenden. Houstons religiöse Mutter Cissy darf erzählen, dass sie keine lesbische Beziehung geduldet hätte und auch Ehemann Bobby Brown gerät mehrfach vor laufender Kamera mit Crawford aneinander. Letztlich bedient sich „Whitney“ ein paar Mal zu oft der saftigen Laienpsychologie einer Reality-Soap.

Im Vergleich mit den wirklich herausragenden Musikerdokus der vergangenen Jahre fehlt „Whitney“ letzten Endes auch ein Quäntchen Zwangsläufigkeit. Anders als beim oscarprämierten „Amy“ über Amy Winehouse wird beispielsweise die Schuld eines Publikums ausgeblendet, das sich lieber über Skandale amüsiert, als tatsächlich zu helfen versucht.

Durchgängig gut funktionieren dafür Erzählweise und Rhythmus der Doku. Regisseur Nick Broomfield kann auf die Erfahrung aus seinen Dokumentationen über Kurt Cobain und Courtney Love sowie über Notorious B.I.G. und Tupac Shakur zurückgreifen und zusammen mit den von Rudi Dolezal gedrehten Konzertszenen ergibt sich eine fesselnde Erzählung, in der sich Tourneeausschnitte aus 1999 immer wieder mit aktuellen Interviews und der chronologischen Nacherzählung von Houstons Leben abwechseln.

Die wahre Leistung des Filmes ist es aber, dass er dem skandalgeprägten Bild von einer der erfolgreichsten Sängerinnen aller Zeiten einige weitere Pinselstriche hinzufügt. Die Zuschauer erleben einen freundlichen, unsicheren und verwundbaren Menschen und sie sehen auch, dass Houston diese Unsicherheit klar war. An der stärksten Stelle des Films sagt sie: „Du musst wissen, wer Du selbst bist, bevor Du in dieses Geschäft einsteigst.“


„Whitney – Can I be me“ läuft im Hamelner Maxx-Kino am Sonntag um17.20 Uhr und am Dienstag um 20.20 Uhr.

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