weather-image
15°
Folge zwei unseres Dreiteilers zur Windkraft: So leiden vor allem die seltenen Vogelarten

Schredder-Maschinen

Ob durch Kollision mit den Rotoren oder durch gefährlichen Unterdruck: Bis zu 100.000 Vögel und Fledermäuse sollen jährlich durch Windturbinen getötet werden. Zwischen Naturschützern und Energie-Lobbyisten herrscht seit Jahren eine erhitzte Debatte um die wirkliche Gefahr für die Tierwelt.

veröffentlicht am 30.04.2017 um 10:00 Uhr
aktualisiert am 02.05.2017 um 10:33 Uhr

Vor allem Großvögeln wie Störchen oder dem seltenen Rotmilan werden die Wände aus schnell rotierenden Windradflügeln zum Verhängnis – wie hier bei Coppenbrügge. Foto: Heiko Brede

Autor:

Michael Miersch und Fritz Vahrenholt
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Paradoxerweise waren die Grünen die treibende Kraft hinter dieser Entwicklung. Eine Partei, die in den 80er Jahren angetreten war, um die Natur zu retten, wandelte sich zum Sachwalter großflächiger Naturzerstörung. Ohne den Druck der Grünen und der ihnen verbundenen Umweltverbände hätten weder Kohl noch Schröder oder Merkel den Ausbau von Windkraft, Bioenergie und Solarstromerzeugung so forciert, wie sie es getan haben.

Als Landwirtschaftsministerin gab Renate Künast einst den verheerenden Schlachtruf aus: „Bauern werden die Ölscheichs von morgen!“ Jürgen Trittin verkündete als Umweltminister die fahrlässige Prognose, dass die Subventionierung von Windkraft nur eine Kugel Eis im Monat pro Haushalt kosten werde. Fatale Irrtümer. Die Naturzerstörung durch die flächenfressende Wind­ und Biogasindustrie ist „genau das Gegenteil von dem, was die Umweltbewegung einst forderte“, sagt der Ökologe Patrick Moore, der 1971 mit seinen Freunden Greenpeace gründete.

Da der Landschaftsfraß, anders als eine Ölpest oder ein Chemiefabrikunfall, nicht plötzlich passiert, sondern sich über Jahre hinzieht, wird er von vielen Menschen nicht sofort wahrgenommen. Seine Auswirkungen sind jedoch viel heftiger als solche punktuellen Umweltkatastrophen, denn der Wandel findet fast überall und auf breiter Fläche statt. Es gibt immer weniger Rückzugsräume für die wilde Natur.

Wildgänse fliegen an einem Windrad vorbei. Der Ausbau der Windenergie ist nach Ansicht von Vogelschützern schuld am Vogeltod und am Raubbau an der Natur allgemein. Foto: Patrick Pleul/dpa
  • Wildgänse fliegen an einem Windrad vorbei. Der Ausbau der Windenergie ist nach Ansicht von Vogelschützern schuld am Vogeltod und am Raubbau an der Natur allgemein. Foto: Patrick Pleul/dpa

Zwei Prozent ihrer Landesflächen wollen die meisten Bundesländer für die Windkraft reservieren. Das klingt wenig, doch es gibt nur die von den Rotoren überstrichene Fläche wieder, der wahre Einwirkungsbereich auf die Vogelwelt liegt um ein Vielfaches höher. Sechs Kilometer soll der Abstand zu einem Schreiadlernest nach Ansicht der staatlichen Vogelschutzwarten betragen. Damit dürfte in ganz Vorpommern kein einziges Windkraftwerk mehr aufgestellt werden.

„Zwei Prozent der Fläche können 100 Prozent unserer Landschaften zerstören“, sagt Harry Neumann. Bis 2014 war er Landesvorsitzender des BUND Rheinland­Pfalz. In diesem Bundesland wurden bisher über 300 Windenergieanlagen in Wäldern aufgestellt. Naturschützer wie Neumann mussten machtlos zusehen. Weil die nationale Führungsspitze des BUND jedoch den Ausbau der Windkraft unterstützt, trat Neumann von seinem Amt zurück.

Zwei Prozent der Fläche können 100 Prozent unserer Landschaften zerstören.

Harry Neumann, Ex-BUND-Chef Rheinland-Pfalz

BUND­Chef Hubert Weiger verkündet dagegen: „Wir sind zum Schluss gekommen, dass es aktuell keine Daten gibt, die in Deutschland eine Gefährdung von Populationen von Tier­ und Pflanzenarten nahelegen oder belegen.“ Eine Einschätzung, über die Neumann und viele andere BUND­Mitglieder nur den Kopf schütteln können, unter ihnen Enoch zu Guttenberg, Mitgründer des Naturschutzverbandes.

Auch Klaus Richarz, der 22 Jahre lang die Staatliche Vogelschutzwarte für Hessen, Rheinland­Pfalz und das Saarland leitete, ist erschüttert, dass einige grüne Verbände den Naturschutz beiseiteschieben und gemeinsame Sache mit der Lobby der Erneuerbaren Energien machen. Seine Studie „Windenergie im Lebensraum Wald“ belegt eindrucksvoll die Dringlichkeit des Problems: Allein 12 000 Greifvögel fallen den Windkraftanlagen alljährlich zum Opfer. Mit einem Tempo von 300 Stundenkilometern kreisen die Spitzen der Rotorblätter, ihr Radius ist dabei so groß wie ein Fußballfeld. Gegen diese riesigen Propellerwände haben Rotmilane und andere Gefiederte keine Chance.

Nach Schätzungen von Hermann Hötker vom Michael-Otto­Institut im Naturschutzbund Deutschland liegt die Zahl der Vogelopfer insgesamt bei einem bis fünf Tieren pro Anlage und Jahr, folglich zwischen 28 000 und 140 000. Genaues ist schwer zu ermitteln, da Ratten, Marder, Füchse, Wildschweine und andere Aasfresser die Kadaver nachts beseitigen.

Das sei nicht viel, sagt die Windkraftlobby, im Vergleich zu Millionen Vögeln, die mit Glasscheiben, fahrenden Autos, Strommasten und anderen Hindernissen kollidieren. Ein Trugschluss. Denn es kommt darauf an, welche Arten betroffen sind. Ob zehn Stadttauben gegen Autos fliegen, hat keine Auswirkung auf die Population der Vögel. Doch wenn ein brütendes Rotmilanweibchen von einem Rotorblatt erschlagen wird, ist dies ein spürbarer Verlust für die Art.

Wenn nur alle acht Jahre ein Rotmilan von einem Windpropeller erwischt wird, sind dies bei der jetzigen Zahl von 28 000 Anlagen 3500 Vögel weniger. Bei einer Gesamtpopulation von nur 15 000 Brutpaaren in Deutschland ein relevanter Verlust. Wenn nach dem Klimaschutzplan der Bundesregierung die Zahl der Windmasten verdoppelt wird, könnte es bald vorbei sein mit dem heimlichen Wappenvogel. Denn das würde bedeuten, dass durchschnittlich alle 2,7 Kilometer eine 200 Meter hohe Windenergieanlage aufgestellt wird, quer durch das Land, ohne Rücksicht auf Landschaft, Seen, Berge, Wälder, Städte. Nur werden die Anlagen nicht in den Städten stehen. Der Traum der städtischen Elite von der Energiewende wird auf Kosten der ländlichen Bevölkerung verwirklicht.

Große Vögel wie Störche, Greifvögel und Enten werden besonders häufig von den Rotoren erwischt. „Greifvögel“, sagt Oliver Krüger, „sind relativ selten, brauchen große Flächen, aber sie kollidieren überproportional häufig. Das ist eindeutig.“ Die PROGRESS­Studie ergab, dass sogar der häufige Mäusebussard bei weiterem Ausbau der Windenergie bedroht wäre. Es trifft nicht alle gleichmäßig, doch die Empfindlichsten ganz besonders heftig. Und leider sind unter diesen Verlierern die Juwelen des Naturschutzes.

Einer dieser Windkraftflüchtlinge ist der scheue Schwarzstorch, der versteckt in Wäldern nistet. Als in der hessischen Vogelsbergregion 170 Windkraftanlagen errichtet wurden, verschwanden neun von 14 Schwarzstorchpaaren.

Völlig unzutreffend ist der Einwand, auch Glasscheiben und andere Hindernisse würden Opfer kosten, wenn es etwa um Fledermäuse geht. Durch ihre Ultraschallortung kollidieren die fliegenden Säugetiere fast nie mit solchen Barrieren. Sie schaffen es sogar, durch die sich drehenden Rotoren zu fliegen. Dennoch fallen sie tot vom Himmel. Ursache ist ein Barotrauma: Ihre Lunge platzt durch den Druckabfall hinter den Rotoren. Dies widerfährt zirka 240 000 Fledermäusen pro Jahr. Die Dunkelziffer ist vermutlich wesentlich höher, weil die Tiere meist noch ein wenig weiterflattern. Seltsam: Bei Bauvorhaben wie Autobahnen, Flughäfen, Gewerbeparks oder Brücken löste das Vorhandensein einer Fledermauskolonie jahrelangen Streit aus oder verhinderte sogar das Projekt. Der Massentod der Tiere durch die Windindustrie rief bisher noch keine vergleichbare Empörung hervor.

Lesen Sie Dienstag weiter: Die dritte Folge unseres Dreiteilers zur Windkraft.

Lesen Sie online unser Dossier zum Thema: Im Web finden Sie unter www.dewezet.de ein Dossier mit zahlreichen Beiträgen zur Windkraft im Weserbergland.

Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen Nachdruck mit Genehmigung der Tichys Einblick GmbH.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare