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Teil 1 der Serie

Die Landschaftsfresser: Wie Windparks Deutschland verändern

Von wegen Naturschutz: Auf breiter Fläche zerstört die Energiewende Kulturlandschaften und Wälder. Im Namen des Klimas werden seltene Vögel geopfert und Idyllen in Industrieparks verwandelt. Umweltpolitiker applaudieren dazu Schulter an Schulter mit der Lobby der Erneuerbaren Energien. Lesen Sie dazu unseren Dreiteiler über die Nachteile der Windenergie. Heute Teil 1.

veröffentlicht am 27.04.2017 um 18:14 Uhr
aktualisiert am 28.04.2017 um 08:44 Uhr

Malerischer Sonnenuntergang nebst Windrad: Die Landschaftsveränderung wird von Kritikern der Windenergie oft als nachteilig angeführt. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Autor:

Michael Miersch und Fritz Vahrenholt
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Deutschlands Wappenvogel ist eine Fehlbesetzung. Der Seeadler könnte ebenso gut Polen, die Türkei, Island oder den Iran repräsentieren. Denn überall dort und in etlichen weiteren Ländern kommt er vor. Dennoch prangt der als „fette Henne“ verspottete Greif über dem Plenarsaal des Bundestages, ziert das Staatswappen und amtliche Dokumente.

Es gibt einen heimlichen Wappenvogel. Der ist zwar ebenfalls Europäer, doch die meisten seiner Art leben tatsächlich in den Grenzen der Bundesrepublik. Man könnte den Rotmilan biologisch korrekt als den deutschen Greifvogel bezeichnen. Leider zählt er zu den seltensten Vogelarten der Welt und wird immer seltener. „Für den Rotmilan sieht es nicht gut aus“, sagt Oliver Krüger, einer der führenden Ornithologen Deutschlands. „Und gerade für den Rotmilan tragen wir eine besondere Verantwortung.“ Krüger führte für das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie die sogenannte PROGRESS­Studie durch, die bisher umfangreichste Forschung zum Konflikt zwischen Windwirtschaft und Vogelwelt. Die Ergebnisse wurden nur in aller Stille im Internet veröffentlicht, ohne Pressekonferenz oder Ministerwort.

Der Startschuss für den Sinkflug des Rotmilans fiel am 1. Januar 1991 und wurde vom CDU­Umweltminister Klaus Töpfer abgegeben. Damals trat das Energieeinspeisungsgesetz in Kraft, Vorläufer des späteren Erneuerbare­Energien­Gesetzes (EEG). Wer in Windkraft­ oder Biogasanlagen investierte, bekam für den Strom eine staatliche Abnahmegarantie für 20 Jahre zu hochsubventionierten Preisen.

Erst langsam, dann unübersehbar und immer rasanter begann damit die größte Landschaftsveränderung seit dem Zweiten Weltkrieg. Circa 28 000 Windkraftanlagen prägen heutzutage das Gesicht Deutschlands: von Ostfriesland bis zur Pommerschen Bucht, vom Niederrhein bis zur Lausitz, vom Schwarzwald bis zum Harz und Weserbergland. Etwa 1200 Anlagen wurden mittlerweile in Wäldern errichtet. Moderne Typen, wie die Enercon E126, sind 200 Meter hoch und haben einen Rotor-Durchmesser von 127 Metern. Um einen dieser Türme aufzustellen, müssen mehr als 5000 Quadratmeter Wald gerodet werden.

Ihr enormer Flächenbedarf ist der große ökologische Nachteil der alternativen Energien. Dies gilt besonders für Biogas, aber auch für Solarkraftwerke und Windindustrie. Als sich in den 80er Jahren ein paar Windrädchen in den Gärten von Ökotüftlern drehten und allgemein bestaunt wurden, dachte niemand an den Landschaftsfraß, den diese Technologie mit sich bringen würde. Um beispielsweise das Hamburger Kohlekraftwerk Moorburg durch Windkraft zu ersetzen, müsste die gesamte Fläche des Stadtstaats mit Rotormasten zugebaut werden.

Während monumentale Windparks Landschaften zu Industriekulissen umformen, sorgen am Boden Mais-Monokulturen auf 2,5 Millionen Hektar für die grenzenlose Eintönigkeit des Panoramas. Eine Fläche so groß wie Sizilien. „In den vergangenen 30 Jahren hat es eine Versiebenundzwanzigfachung der Maisanbauflächen gegeben“, sagt Torsten Reinwald vom Deutschen Jagdverband. Das Einheitsgrün wird nicht allein für die Biogaserzeugung angepflanzt, auch viel Futtermais ist darunter. Doch allein die deutsche Energiepflanzenerzeugung frisst 1,5 Millionen Hektar Fläche. Weder Hase noch Feldhamster, weder Schmetterlinge noch Wildbienen können in der Maisödnis leben. Keine Lerche singt mehr und kein Kiebitz ruft. Grauammer, Wachtel und Schafstelze verschwinden.

Rebhühner waren einst die typischen Bewohner der Feldflur, die man auf Spaziergängen häufig sah. Ihre Bestände sanken seit den 80er Jahren um 94 Prozent. Bei anderen typischen Vogelarten der Agrarlandschaft liegen die Rückgänge der vergangenen 20 Jahre zwischen 20 und 50 Prozent. „Insgesamt muss man das bittere Fazit ziehen, dass Auswirkungen des Klimawandels selbst auf die biologische Vielfalt bisher wenig nachweisbar, die Auswirkungen der Klima­ und Energiepolitik dagegen dramatisch sind“, sagt Martin Flade, Ornithologe und Herausgeber der Zeitschrift „Die Vogelwelt“. „Das Hauptproblem im Natur­ und Artenschutz“, so Flade, „liegt in der Intensität der Landwirtschaft.“ Der Wegfall von Stilllegungsflächen, der vermehrte Maisanbau und der Ausbau der Windkraft multiplizierten sich gegenseitig zu einem großen Problem. Während es früher mehr Brachflächen als Maisfelder gab, habe sich das Verhältnis umgekehrt. „Das wirkt sich unmittelbar auf den Bestand von Brutvögeln aus“, sagt Flade. Mittlerweile liege das Verhältnis von Brache zu Mais bei 1 zu 20. Für den Vogelexperten ist das der „absolute Schlüsselfaktor“.

Im Jahr 2013 erhielt Martin Flade für seine Arbeit den Preis der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft. In der Begründung hieß es: „In der Folge des unüberlegten und übereilten Ausbaus Erneuerbarer Energien aus landwirtschaftlicher Biomasse und Windkraft hätten die Bestände von fast 50 Prozent aller Vogelarten deutlich abgenommen.“

Nicht nur die Tiere, auch die Landschaften selbst verschwinden. Ein Blick in die Weite ist nicht mehr möglich, wenn rechts und links der Landstraßen drei Meter hohe Wände aus Energiemais die Sicht verstellen. Johannes Bradtka ist Vorsitzender des Vereins für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern. Der Förster im Staatsdienst begrüßte die Energiewende, doch die Umsetzung entsetzt ihn: „Die Energiewende ist vollkommen aus dem Ruder gelaufen.“ Es handle sich um eine „schleichende und immer manifester werdende Zerstörung unseres über Jahrhunderte gewachsenen Landschaftsbilds“. Es nehme ihm das „Heimatgefühl und die Identität“.

Obendrein ist fraglich, ob der Anbau von Energiepflanzen überhaupt einen Nutzen für das Klima bringt. Josef H. Reichholf, Ökologe, Bestsellerautor und Botschafter der Deutschen Wildtier Stiftung, hält es für grundsätzlich falsch, mit Pflanzen Energie zu erzeugen. Der Aufwand an Energie sei viel größer als der Ertrag. „Um Mais für Biogas verwerten zu können, muss entsprechender Dünger eingesetzt werden.“ Andernfalls kann nicht binnen weniger Monate aus einem Korn eine drei Meter hohe Pflanze emporwachsen. Doch in die Gesamtbilanz zur Verstromung von Biomasse würden weder dieser Dünger noch die Regenwaldabholzungen in Übersee berücksichtigt. Denn von dort kommt das meiste Futter für die Tiere, die die Gülle liefern.

Lesen Sie online unser Dossier zum Thema.

Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen Nachdruck mit Genehmigung der Tichys Einblick GmbH.

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