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Hamelns Promenade hat Potenzial – man sollte es nutzen / Dewezet startet Ideen-Serie

Weserufer: Zeit für Visionen

Hameln (wer). Hameln, eine Stadt am Fluss? Man verliert leicht die Orientierung, wenn man sich dem Ufer nähern möchte. Stadtplaner sprechen liebevoll von „Spontanvegetation“, die sich mannshoch in den Weg stellt. Noch höher ragt nur die Promenade empor. Von hier aus stört selbst das wuchernde Grün nicht, denn vom Ufer ist rein gar nichts mehr zu sehen. Wie einen Festungsgraben schotten die dicken Mauern die Weser ab. Seltsam, wie unnahbar ein Fluss sein kann, der mitten durch die Stadt fließt. Oder soll man besser sagen: Mitten an der Stadt vorbei?
Zugänge schaffen, die Promenade aufwerten, die Weser erlebbar machen – das sind Evergreens der Hamelner Politik. Wann immer in den letzten Jahren ein Konzept zur Stadtentwicklung geschrieben wurde, an Absichtserklärungen hat es nie gefehlt. Schon 1999 hieß es: „Das Erlebnispotenzial der Weser wird bisher nicht genutzt.“ Und acht Jahre später: „Es ist ein erklärtes Ziel der Stadtentwicklung, das ,Ansehen‘ der Weser und ihre Funktion im Stadtraum zu stärken.“ Seitdem ist viel Wasser die Promenade entlanggeflossen.
Gut, einige Lichtblicke gibt es. Vor 15 Jahren hat das Werder eine Fußgängerbrücke und einen Biergarten erhalten, auf beides möchte niemand mehr verzichten. Ebenso nicht auf die Brücke über den Hafen. Und zwischen Sumpfblume und Me Lounge lässt sich das Flair des Flusses tatsächlich erleben.
Aber das sind Inseln des Fortschritts. Als Ganzes gesehen dümpelt die Promenade seit Jahrzehnten vor sich hin. Hamelns Weserufer schläft einen durch Anrainer-Initiativen und Architekten-Workshops nur selten gestörten Dornröschenschlaf. So verliert die Stadt den Anschluss, andere Weserstädte sind längst aufgewacht.
Es muss nicht gleich ein „Skywalk“ wie in Bad Karlshafen sein, auch auf kleinerer Flamme lässt sich kochen. Rinteln hat es vorgemacht: Binnen weniger Jahre verwandelte sich hier ein Parkplatz in eine Promenade, die Stadt hat die Halbinsel am Alten Hafen gekauft und durch eine Fußgängerbrücke erschlossen, Kanuanleger und Strandbar sind entstanden.
Und in Hameln? Uferdschungel, wenig Zugang zum Wasser, ein staubiger Parkplatz in bester Lage, ein mit seinen Reizen äußerst sparsam umgehender Hafen, der Reiz von Industrieruinen, ein in die Jahre gekommener Kanuanleger, ein mickriger Wohnmobilplatz mit Hinterhof-Charme und ein still vor sich hin rostendes Brücken-Wahrzeichen. Willkommen in der Touristenstadt.
Andererseits: Es eröffnen sich neue Chancen. Was lässt sich aus dem Erbe der Wesermühlen machen? Welche Möglichkeiten bieten die ehemaligen Flächen der Briten? Und welcher große Wurf gelingt, wenn die Elisabeth-Selbert-Schule den Langen Wall verlässt? Im Rathaus hat Stadtbaurat Hermann Aden Kontakte zu Fachleuten geknüpft. Nach der Konversion der Militärflächen soll das Projekt „Weserufer“ auf die Agenda, sagt der Dezernent. Doch da steht es schon seit Jahren. Und bis jetzt funktionierte zuverlässig der Ja-Aber-Reflex: Ja, es muss etwas passieren, aber es fehlt das Geld. Oder konkreter: Wie soll eine Stadt, die sich gerade beim Bau eines Schulzentrums verhebt, eine neue Promenade stemmen?
Geht es nach Professor Heiner Haass, Lehrstuhlinhaber für „wasserbezogene Stadtentwicklung“ an der Hochschule Anhalt, ist die Frage falsch gestellt. Haass weiß aus Erfahrung: Investitionen in den Faktor Wasser zahlen sich aus. „Eine Stadt wird dadurch attraktiver, private Investoren ziehen nach, am Ende stehen messbare Effekte bei der Gewerbesteuer“, sagt der Stadtplaner. Der „Erfolgsschlüssel“ sei, auf Freizeit und Gastronomie am Wasser zu setzen – ein Trend, der sich weltweit durchgesetzt habe. Hameln habe hier noch „gewaltiges Potenzial“.
Vorschläge, wie man die Weserpromenade aus dem Dornröschenschlaf wecken könnte, liegen in der Schublade. Das Entwicklungskonzept von 2007 ist nicht gerade visionär, aber es wagt sich immerhin mit dem Gedanken vor, zwischen Thiewallbrücke und Pfortmühle neue Abgänge zu schaffen, die auf einen parallel zur Promenade, aber dichter am Ufer verlaufenden Holzsteg führen.
Weiter aus dem Fenster lehnt sich da der Berliner Architekt Fabian Lippert. In seinem „Wassergarten“ schwimmen Pontons mit Liegestühlen, Hängematten und Lounge-Bereich, Kanuwanderer halten im Drive-In-Café, Kinder planschen auf dem Wasserspielplatz mit Schiffchenrennstrecke und Fisch-Streichelzoo. Gedanklich ist der Berliner komplett in Hameln angekommen: Die Pläne enthalten sogar ein Becken mit Wasserratten. So futuristisch diese Ideenskizze anmutet: Auch das Berliner Badeschiff in der Spree begann einmal als Planspiel. Inzwischen gehört es zu den außergewöhnlichsten Orten der Hauptstadt, die ARD hat die schwimmende Lounge als Sendeplatz während der Fußball-WM genutzt. Lippert hat das Badeschiff maßgeblich mitgeplant und umgesetzt.
Genau solche Ideen braucht Hameln. Die Dewezet wird die Sommerferien nutzen, um über die Zukunft des Weserufers nachzudenken und Visionen Raum zu geben. In der heute beginnenden Serie „Vision Weserufer“ geht es darum, den Status quo kritisch zu betrachten und zugleich nach Möglichkeiten und Potenzialen der Veränderung zu fragen. Nicht zwingend erforderlich sind in diesem Stadium diensteifrige Bedenkenträger. Es liegt auf der Hand, dass am Ende nicht jede Idee in die Tat umgesetzt werden kann. Darum geht es auch nicht. Es geht vor allem darum, mutig und kreativ das Wünschenswerte zu umreißen, bevor der Pragmatismus des Machbaren greift. 

veröffentlicht am 01.08.2014 um 13:58 Uhr
aktualisiert am 06.08.2014 um 14:04 Uhr

ieht so die Zukunft des Weserufers in Hameln aus? Pontons mit Liegestühlen, ein Drive-In-Café für Paddler. Die Ideenskizze stammt vom Berliner Architekten Fabian Lippert.

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