weather-image
Wie die Biesterfelder Stromtrassen-Gegner die Strategie der Sued-Link-Macher sehen

„Wir werden ruhig gehalten“

Lügde / Biesterfeld. Man dürfe „nicht den Fehler machen und vorschnell den Menschen einen staatlich festgestellten Bedarf präsentieren und ihnen allenfalls eine Mitsprache bei der Ausgestaltung dieses Bedarfs belassen“, hatte der damalige NRW-Wirtschaftsminister Harry Voigtsberger vor zwei Jahren dem Westdeutschen Rundfunk erklärt. Stattdessen müsse man versuchen, bereits bei der Bedarfsfeststellung „möglichst viele Beteiligte mitzunehmen“. Doch es ist anders gekommen. Dass die „Sued-Link“-Stärkststromleitung kommen soll, ist längst beschlossene Sache. Aber erst, seit Netzbetreiber Tennet vor zwei Monaten seinen „Vorzugstrassenkorridor“ benannte, ist der Plan im Gespräch.

veröffentlicht am 23.05.2014 um 10:36 Uhr

Marita und Martin Hottel am Rand ihres Grundstücks in Biesterfeld. Foto: jl
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

„Dass die Trasse jetzt so ein Wahlkampfthema geworden ist, finden wir ein bisschen putzig“, sagen Martin und Marita Hottel. Denn zu Beginn ihres Kampfes gegen die Streckenführung durch ihre lippische Heimat fühlten sie und die anderen Trassengegner aus der Lügder Südstadt sich längst nicht überall ernst genommen. „Da war die Resonanz eher mäßig“, erinnern sie sich zum Beispiel an die Sitzung des lippischen Umweltausschusses Mitte März, wo sie ihre Transparente zeigten. Von der Mitunterzeichnung der länderübergreifenden Resolution war der Kreis da noch ein Stück entfernt. Doch dann wendete sich das Blatt.

Jetzt sind die Hottels gespannt, wie es mit dem Widerstand nach der Wahl weitergeht. Ein gutes Beispiel für den Umgang mit dem Thema habe der Kreis Höxter mit diversen Informationsveranstaltungen zum Thema gegeben. „Da fühlt man sich wirklich ernst genommen“, sagt die Pädagogin Marita Hottel (55). Anders sei das bei den „Meinungsmärkten“. „Die waren ein genialer Schachzug von Tennet“, findet ihr Mann. Solche „Dialoge“ erweckten zwar den Anschein von Bürgerbeteilung, sollten die Leute aber letztlich wohl vor allem ruhig halten.

Hottels ist bewusst, dass mancher sie wohl in die Spinner-Schublade steckt. Die üblichen Totschlagsargumente wie „Wollt Ihr denn im Dunkeln sitzen?“ oder „Wollt Ihr lieber Atomkraft?“, haben sie auch schon gehört. „Wir wissen: Ohne Strom geht es nicht. Niemand will ans Lagerfeuer zurück“, sagt der Bauingenieur Martin Hottel. „Aber die Umsetzung der Energiewende ist eine Katastrophe. Sie schalten die AKWs ab und wollen am nächsten Tag alles grün haben. Aber gut gemeint ist nicht gleich gut gemacht.“ Mit Blick etwa auf die Einspeisegarantie für Kohlestrom glaubt der Biesterfelder: „Das ist ein Riesen-Geschäft.“ Mit der Energiewende sei es wie wie bei anderen Themen: „Einer schüttet Geld aus – und dann stehen gleich Leute da, die kassieren wollen.“

Beim Blick aus dem Küchenfenster ihres alten Hauses in Biesterfeld sehen die Hottels schon jetzt auf die 380-kV-Leitung. „Aber es geht uns nicht in erster Linie um die Optik“, betonen sie. Vielmehr fürchten sie – wie viele andere – um die Zukunft der Region. „Das Einzige, was wir hier haben, ist doch die Natur.“ Die Leute, die hier hinkommen, wollen wandern und die Natur genießen.“ Da seien die Stärkststromtrasse ebenso wie das vom Baukonzern Hochtief ins      Mörth geplante Pumpspeicherkraftwerk „natürlich kontraproduktiv“. Solche Projekte würden alle Bemühungen um die Attraktivität der Gegend gefährden. Wettbewerbe wie „Unser Dorf hat Zukunft“ könne man dann auch bleiben lassen. Doch die Hottels und ihre Mitstreiter wollen nicht aufgeben. Vielmehr betonen sie, was inzwischen auch
aus allen Rathäusern und Kreisverwaltungen zu hören ist: „Der Schlenker, den die
Trasse in unsere Gegend macht, ist in keiner Weise nachvollziehbar!“

Über einen Grund lässt sich bisher allenfalls mutmaßen: „Nordrhein-Westfalen hat, anders als Niesersachsen, keine Abstandsregelungen zu Siedlungen“, sagt Martin Hottel – und ärgert sich. „Wenn ich ein bundesweites Projekt mache, kann ich doch in den einzelnen Bundesländern keine unterschiedlichen Abstandsregeln schaffen“, findet er.

Dass die auch in NRW hermüssen, steht für den 56-Jährigen und seine Frau fest. Denn Gesundheitsgefahren durch die Stärkststromleitung seien keineswegs auszuschließen. „In der Schweiz liegt der Grenzwert für neue Anlagen bei 1 Mikrotesla. In Deutschland sind es 100.“ Ihr Eindruck: Die Bundesnetzagentur nehme bewusst Risiken in Kauf, die noch gar nicht verlässlich erforscht seien. So habe eine Studie schon bei einer elektromagnetischen Strahlung von 0,2 Mikrotesla eine erhöhte Leukämierate bei Kindern ausgewiesen. Doch verlässliche Informationen seien kaum zu finden. Denn schnell beweise ein nächstes Gutachten das Gegenteil. Marita Hottel empfindet den deutschen Grenzwert deshalb als reine Willkür – zumal sich die Strahlenschutzkommission, die das Bundesumweltministerium berät, bisher außerstande sah, verlässliche Grenzwerte zu benennen.

„Eine große Verarsche“ nennt ihr Mann die allenthalben geforderten Erdkabel in sensiblen Bereichen. „Wie kann ich denn eine Alternative ins Gespräch bringen, die gar keine ist?“, fragt er mit Blick etwa auf die höhere Strahlungsbelastung, die von den im Boden verlegten ausgehen dürfte.

Ebenso enttäuscht ist er vom Umgang der Projekt-Betreiber mit der Öffentlichkeit: „Wenn uns die Regierung ein solches bundesweites Projekt aufs Auge drückt, dann erwarte ich komprimierte, sachliche Informationen“, sagt Hottel. „Ob die Kabel grün oder blau gestrichen werden, ist mir völlig egal.“

Was die Kommunikation mit Tennet oder der Bundesnetzagentur betrifft, so gibt er sich keinen Illusionen hin: „Ob ich da hinschreibe oder in Hamburg platzt ein Würstchen…“, sagt er, halb im Scherz.

Und doch steht die nächste Info-Veranstaltung am Montag, 26. Mai, um 19 Uhr im Vahlbrucher Festzelt im Kalender der Biesterfelder und ihrer Mitstreiter vorwiegend aus den anderen Lügder Südstadt-Ortsteilen. Ruhighalten lassen wollen sie sich dort allerdings nicht.

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2017
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare