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Anja Lutz, Pressesprecherin im Bundesamt für Strahlenschutz, steht Rede und Antwort

Wie gefährlich ist die Stromautobahn?

Die Bürger im Weserbergland sind elektrisiert, stehen gewissermaßen unter Hochspannung. Sie sorgen sich um ihre Sicherheit und um ihre Gesundheit. Hintergrund sind die Pläne des Netzbetreibers Tennet, die Stromtrasse Suedlink durch das Weserbergland zu führen. Doch wie gefährlich sind solche Hochspannungsleitungen? Anja Lutz, Pressesprecherin im Bundesamt für Strahlenschutz, steht Rede und Antwort.

veröffentlicht am 02.07.2014 um 16:06 Uhr

Magnetische Felder, Elektrosmog – Stromtrassen durchziehen die Republik und sorgen für Diskussionen. Foto: dpa
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Frau Lutz, bislang führen Wechselstrom-Trassen durch Deutschland. Mit Suedlink soll erstmals eine Gleichstrom-Trasse rund 800 Kilometer von der Küste bis nach Bayern durch Deutschland führen. Warum Gleichstrom statt Wechselstrom?

Welche Technologie zur Stromübertragung eingesetzt werden soll, ist letztlich eine Entscheidung des jeweiligen Netzbetreibers. Wenn man Strom über größere Strecken leiten möchte, hat Gleichstrom den Vorteil, dass weniger Energie verloren geht als bei Wechselstrom.

Von Gleichstromtrassen gehen statische Magnetfelder aus. Wie stark sind diese Magnetfelder?

Bisher gibt es in Deutschland keine größeren Gleichstromtrassen, deswegen fehlen konkrete Erfahrungswerte. Es ist davon auszugehen, dass das statische Magnetfeld direkt unter einer Gleichstromleitung etwa der Stärke des natürlichen Erdmagnetfelds entspricht. In Deutschland sind das etwa 50 Mikrotesla.

Welche Auswirkungen haben die Magnetfelder auf die menschliche Gesundheit?

Unterhalb des Grenzwertes für Gleichstromleitungen – er beträgt 500 Mikrotesla – sind nach dem heutigen Stand der Wissenschaft keine gesundheitsrelevanten Wirkungen bekannt. Da es aufgrund der geringeren Erfahrung mit Gleichstromleitungen aber weniger wissenschaftliche Studien gibt als für die niederfrequenten Felder der Wechselstromleitungen, sollte weitere Forschung betrieben und der Grenzwert nicht ausgeschöpft werden. Neue Leitungen sollten so geplant werden, dass sie nur zu einer geringen zusätzlichen Belastung führen.

Auch die Medizin arbeitet mit statischen Magnetfeldern, beispielsweise beim MRT. Wie stark sind diese Magnetfelder?

In Magnetresonanztomographen werden üblicherweise magnetische Flussdichten bis 3 Tesla erreicht. Umgerechnet sind das 3 Millionen Mikrotesla. Auch in diesem Bereich sind keine gesundheitsschädigenden Auswirkungen bekannt, allerdings können unangenehme Empfindungen wie Schwindel auftreten. Wichtig für die Sicherheit von Patienten ist vor allem, dass vor einer Untersuchung im MRT geprüft wird, ob sie Implantate tragen, die magnetisierbare Metalle enthalten: Die magnetische Kraftwirkung auf die Implantate könnte zu inneren Verletzungen führen. Herumliegende magnetisierbare Gegenstände wie Münzen oder Scheren können bereits durch Magnetfelder von einigen Millitesla – das sind einige Tausend Mikrotesla – in Bewegung versetzt werden. Stärkere Magnetfelder können sie zu gefährlichen Geschossen machen.

Welche Auswirkungen haben diese Feldstärken für Frauen und Kinder?

Es gibt keine Hinweise darauf, dass Frauen und Kinder besonders gefährdet wären. Ob die starken Magnetfelder von MRT langfristig Risiken für das ungeborene Kind bergen, sollte aber noch im Detail untersucht werden. Gerade bei Schwangeren kann ein MRT aber eine sinnvolle Möglichkeit sein, um eine Computertomographie oder eine Röntgenuntersuchung zu vermeiden. Denn anders als bei statischen Magnetfeldern geht man bei Röntgenstrahlung davon aus, dass sie in jedem Fall schädlich ist.

Warum liegt der Grenzwert für Magnetfelder in der Schweiz um das Hundertfache niedriger?

Für Gleichstromleitungen besteht in der Schweiz kein Grenzwert. Für Wechselstromanlagen gilt – neben den gleichen Grenzwerten wie in Deutschland – vorsorglich ein sogenannter anlagenbezogener Emissionswert. In Deutschland wird dieser Vorsorgeaspekt durch ein Minimierungsgebot erreicht.

Welche Strahlung geht von Wechselstromtrassen aus?

Wie Gleichstromtrassen erzeugen auch Wechselstromtrassen Magnetfelder. Anders als die statischen Felder, die von den Gleichstromtrassen ausgehen, wechseln sie zusammen mit dem Strom ihre Richtung. Bei 50 Hertz ist das 100-mal pro Minute. Sie heißen deswegen niederfrequente Felder.

Wie gefährlich ist diese Strahlung?

Ab einer gewissen Schwelle können niederfrequente magnetische Felder die Nervenleitung im Körper störend beeinflussen. Nach heutigem Wissen schützen die Grenzwerte vor solchen nachgewiesenen gesundheitlichen Auswirkungen. Der Grenzwert für niederfrequente Magnetfelder von Stromtrassen beträgt 100 Mikrotesla.

Es gibt Studien, die einen Zusammenhang zwischen Hochspannungsleitungen und Leukämie sehen. Vor allem Kinder scheinen gefährdet zu sein. Wie groß ist die Gefahr?

Zunächst sollte man wissen, dass die durchschnittliche Belastung in deutschen Haushalten etwa bei 0,1 Mikrotesla liegt. Sie wird zum größten Teil durch die elektrischen Leitungen und Geräte im Haus oder in der Wohnung verursacht. Der Verdacht, dass niederfrequente Magnetfelder das Leukämierisiko bei Kindern erhöhen könnten, gilt für eine über 24 Stunden gemittelte Belastung von 0,3 bis 0,4 Mikrotesla. Solche Belastungen treten nur selten auf, sodass höchstens ein Prozent aller Leukämiefälle bei Kindern erklärt werden könnte. Die Hinweise auf ein höheres Leukämierisiko stützen sich im Wesentlichen auf statistische Daten, in Experimenten ließen sie sich nicht belegen. Einen Mechanismus, der erklären könnte, wie Magnetfelder Leukämie verursachen könnten, wurde bisher nicht gefunden. Man muss diese Hinweise ernst nehmen – dennoch darf man sie nicht als Beweise missverstehen.

Welche Konsequenzen werden aus den Studien gezogen?

Das Bundesamt für Strahlenschutz empfiehlt, beim Neubau von Stromleitungen den Strahlenschutz schon in der Planung zu berücksichtigen und zusätzliche Belastungen vorsorglich so weit wie möglich zu vermeiden. Die Bundesimmissionsschutzverordnung enthält inzwischen zusätzlich zu den Grenzwerten ein Minimierungsgebot. Das bedeutet, dass bei wesentlichen Änderungen oder dem Neubau von Leitungen die davon ausgehenden Felder so gering wie möglich sein müssen. Was im Einzelfall möglich ist, hängt vom Stand der Technik und den Gegebenheiten vor Ort ab. Weil wenig über die Ursachen von Leukämie bei Kindern bekannt ist und verschiedene mögliche Auslöser im Gespräch sind, ist es auch wichtig, mehr über die Ursachen der Krankheit zu erfahren. Deswegen treibt das BfS die Forschung auf diesem Gebiet voran.

Erdverkabelung wird oft als eine sinnvolle Alternative zu Freileitungen genannt. Können auch von Stromkabeln unter der Erde Gefahren ausgehen?

Erdkabel erzeugen die gleichen magnetischen Felder wie Freileitungen. Bei Wechselstrom-Erdkabeln ist der Bereich, in denen Sie auftreten, aber schmaler. Dafür kann das Magnetfeld direkt über der Leitung höher sein als direkt unter einer Freileitung. Welche Lösung besser geeignet ist, lässt sich nicht pauschal beantworten.
Gibt es technische Möglichkeiten, mit denen die Belastung reduziert werden kann?
Die einzelnen Leitungen einer Wechselstromtrasse lassen sich so anordnen, dass sich ihre Magnetfelder teilweise gegenseitig aufheben. Auch der Abstand der Leitungen untereinander spielt dabei eine Rolle. Bei Erdkabeln ist das Magnetfeld zum Beispiel deswegen schmaler, weil die Leitungen in der Erde mit einer Isolierschicht umgeben sind und dadurch näher beieinander liegen können als auf einem Hochspannungsmast. Sofern dies räumlich möglich ist, ist die einfachste Möglichkeit allerdings, den Abstand zu Wohnungen und Büros möglichst groß zu halten.

Haben Wechselstromtrassen Auswirkungen auf elektrische Geräte in der Wohnung?

In den meisten Haushalten sind die Haushaltsgeräte selbst die stärksten Quellen elektromagnetischer Felder. Technische Vorschriften für die Geräte sollen Störbeeinflussungen vermeiden. Träger von Herzschrittmachern und elektronischen Implantaten sollten sich allerdings von ihrem Arzt beraten lassen, weil auch unterhalb der Grenzwerte für Wechselstromleitungen unter Umständen Störungen möglich sind. Die Empfindlichkeit eines Schrittmachers hängt von der Art der Implantation, von der Programmierung und vom Gerätetyp ab.

Bleibt die grundsätzliche Frage: Sind Stromtrassen gesundheitsschädlich?

Die Grenzwerte für Stromtrassen schützen nach dem aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand vor nachgewiesenen gesundheitlichen Wirkungen. Um wissenschaftlich diskutierten, aber nicht nachgewiesenen Risiken vorzubeugen, sollten die zur Verfügung stehenden Mittel genutzt werden, um die Belastung durch Stromtrassen möglichst gering zu halten.

Interview: Matthias Aschmann

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