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Ab in die Erde!?

Fragen und Antworten rund um den SuedLink

Eine Stromtrasse quer durch das Weserbergland - und dann auch noch oberirdisch? Die Betroffenen haben viele Fragen zum SuedLink. Wir geben Antworten rund um  die Trassenplanung.

veröffentlicht am 27.03.2014 um 21:32 Uhr
aktualisiert am 14.11.2016 um 16:24 Uhr

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Auf der eine Seite des Dorfes die Hochspannungsleitung zum Atomkraftwerk Grohnde, auf der anderen Seite die Höchstspannungstrasse Suedlink – Erich Pluquet aus Sehlde bei Elze macht sich Sorgen um seine Heimat. „Der Ort wäre nicht mehr entwicklungsfähig“, sagt er angesichts der Pläne der Netzbetreiber Tennet und TransnetBW für die Windstromautobahn von Schleswig-Holstein nach Bayern. Er befürchtet einen Wertverlust für die Häuser in der Nähe der Kabel und plant, mit Nachbarn eine Bürgerinitiative zu gründen. Diesen Schritt ist Frank Borchers aus Esperde bereits gegangen. „Das hatte ich vor wenigen Monaten nicht gedacht, mich in dieser Weise engagieren zu müssen“, sagt der Maschinenbauingenieur. Als Sprecher der noch jungen Bürgerinitiative Weserbergland, die bereits 200 Mitglieder hat, sucht er den Dialog mit den Tennet-Vertretern, um die Argumente gegen den Trassenvorschlag anzubringen: die Beeinträchtigung der Natur, die Schwächung der Dörfer, die Störung des Tourismus, zu befürchtende gesundheitliche Gefahren. Wie Borchers hatte sich auch Michael Thielcke aus Neersen „bewusst fürs Wohnen auf dem Lande entschieden“, er fühlt sich nun aber „wie in einem Industriepark“. Neersens Ortsvorsteher Willi Brankov zählt auf: In allen Richtungen blicken die Bewohner des Dorfes auf der Ottensteiner Hochebene auf große Windkraftanlagen; in geringem Abstand laufe die mächtige 380-kV-Leitung vorbei – und nun sollen die noch größeren Masten der 500-kV-Gleichstromtrasse folgen. Die Betroffenen haben viele Fragen.

Wie kam es zu dem Vorschlag, den Suedlink quer durchs Weserbergland zu bauen? Der Bedarf für die 800 Kilometer lange Stromtrasse ist von Bundestag und Bundesrat per Gesetz festgestellt worden. Der ökologisch erzeugte Strom aus dem Norden soll nach dem Abschalten der Atomkraftwerke verlustarm zu den Verbrauchern im Süden befördert werden – deshalb die für Deutschland neuartige Gleichstromübertragung mit besonders hoher Spannung, HGÜ genannt. Die Unternehmen Tennet und TransnetBW, die Strom von den Kraftwerken zu den Verteilpunkten befördern, wurden beauftragt, geeignete Routen zu finden. Dazu wurde auf der Landkarte zwischen den festgelegten Endpunkten – die bestehenden Stromnetzeinrichtungen nahe den Atomkraftwerken Brokdorf bei Hamburg und Grafenrheinfeld bei Schweinfurt – eine Ellipse gezeichnet, die halb so breit wie hoch ist. Das sich daraus ergebende Untersuchungsgebiet entspricht mit 100 000 Quadratmetern einem Viertel Deutschlands. Danach wurde der „Raumwiderstand“ ermittelt: Wo liegen Siedlungen, denen nicht zu nahe gekommen werden darf? Wo befinden sich Naturschutzgebiete? Wo stehen Windkraftanlagen, die umgangen werden müssten? Andererseits wurde eine Bündelung mit vorhandenen Stromtrassen, Autobahnen oder Eisenbahnstrecken angestrebt, um nicht in bisher verschonte Naturregionen vorzustoßen. Aus dem Wust an Informationen wurden, so Tennet, vier „möglichst konfliktarme“ 15 Kilometer breite „Grobkorridore“ abgeleitet. Der Trassenkorridor „Mitte-West“, der von Hildesheim den Bogen nach Höxter und Kassel schlägt, „erreicht bei jeder der drei Planungsgrundsatzgruppen die jeweils günstigste Bewertung“.

Wird das Weserbergland bei Tennet nicht als Naturraum und Torurismusregion gesehen? Thomas Wagner, Referent des Projektteams, erklärt: „Uns ist bewusst, dass auch das Weserbergland ein sehr schwieriges Gebiet ist. Es gibt keine guten Varianten – wir sind auf der Suche nach der am wenigsten schlechten Variante.“ Der Weg längs der Autobahn 7 wäre zwar 30 Kilometer kürzer, im Weserbergland gebe es aber eine geringere Annäherung an Wohngebiete. Die Ost-Route an Wolfsburg vorbei sei in dieser Hinsicht zwar in langen Abschnitten günstiger, im Thüringer Wald dann aber so problematisch, dass doch alles fürs Weserbergland spreche. Ausgerechnet die Existenz des Atomkraftwerks in Grohnde, für das die deutsche Energiewende betrieben wird, führt dazu, dass der Region ein „Bündelungspotenzial“ zugeschrieben wird: Weil hier Hochspannungsleitungen existieren, könnten ohne allzu großen Schaden weitere hinzukommen, so die Überlegung. Die Trassen sind dabei nicht überall direkt benachbart. Die Wechselstromleitungen für das AKW werden auch nach Inbetriebnahme der HGÜ noch benötigt.

Ist die Entscheidung für das Weserbergland damit gefallen? Laut Tennet ist noch alles offen. In dem Grobkorridor sei eine Schneise von 500 bis 1000 Metern Breite gesucht worden. Dieses „Zwischenergebnis“ soll nun mithilfe des Detailwissens der Anrainer ganz genau betrachtet werden: Was ist bisher übersehen worden, wo gibt es Konfliktpunkte und Alternativen? Ziel ist es, in diesem Jahr für die Bundesfachplanung, das Genehmigungsverfahren, einen Vorschlag für die favorisierte, aber auch für weitere Strecken zu machen. Die Unterlagen werden für zwei Monate öffentlich ausgelegt, danach werden die Stellungnahmen erörtert. Die Bundesfachplanung endet nach sechs Monaten mit der Festlegung des Trassenkorridors; die Entscheidung wird für sechs Wochen ausgelegt. Danach beginnt das Planfeststellungsverfahren, während dem die Standorte der Masten und die Abschnitte der Erdkabel gesucht und beschlossen werden. Klagen vor den Gerichten sind möglich. Angesichts der Widerstände und bei vier Jahren Bauzeit ist die Inbetriebnahme im Jahr 2022 ein „sehr ambitioniertes Ziel“, wie Tennet-Sprecherin Ulrike Hörchens einräumt.

Wollen die Bayern überhaupt den Strom aus dem Norden? Wegen Bürgerprotesten und angesichts pochte Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) im Kommunalwahlkampf darauf, die Planungen für die HGÜ vorerst auf Eis zu legen. Dabei sind die Planungen von Bayern mitgetragene Gesetzeslage und zentrales Projekt der Energiewende. Christoph Thiel von Tennet verweist darauf, dass im vorigen Jahr Deutschland im großen Stil Ökostrom exportieren musste, weil die Infrastruktur in Richtung Süden unvollständig sei. Wenn die dortigen Atomkraftwerke abgeschaltet sind, werde in Hessen, Bayern und Baden-Württemberg 30 Prozent mehr Strom von außen gebraucht als bisher – idealerweise aus erneuerbarer Quelle aus Norddeutschland. Der größte deutsche Stromnetzbetreiber Amprion warnt vor Stromausfällen in der Bundesrepublik, falls sich der Ausbau der Hochspannungstrassen verzögern sollte. „Die Situation ist schon jetzt zeitweise kritisch, und es wird immer schwieriger, das System stabil zu betreiben“, sagt Amprion-Chef Hans-Jürgen Brick.

Wo werden die Kabel in der Erde verlegt? Kann der in Niedersachsen vorgeschriebene Trassenabstand von mindestens 400 Metern zu einer Siedlung oder 200 Metern zu einem Einzelgebäude nicht eingehalten werden, darf das Verlegen in die Erde geprüft werden. Suedlink gilt hierfür als Modellprojekt. Das Erdkabel soll mindestens drei Kilometer lang sein. Es erfordert einen Korridor von 25 Metern, für die Bauphase sind es 40 Meter; bei der Montage muss in 900-Meter-Abschnitten ein Container in Reinraumtechnik aufgestellt werden – Eingriffe in die Natur würde es also auch geben. Die Kabel erhalten eine Überdeckung von 1,80 Metern. Darüber kann der Boden landwirtschaftlich bearbeitet werden, erklärt Projektleiter Christoph Thiel. Nur Tiefwurzler, etwa Bäume, dürften dort nicht gepflanzt werden. Für den Wartungszugang sind in größeren Abständen oberirdische Bauten und entsprechende Zuwegungen nötig. Weil die Kabel Wärme abgeben, müssten eventuell „Maßnahmen getroffen werden, damit der Boden in der Umgebung nicht austrocknet“.

Die Erdverkabelung wird vier- bis achtmal so teuer sein wie die Freileitung. Warum sollte Tennet das investieren? Die Freileitung wird rund 1,4 Millionen Euro pro Kilometer kosten. Die Kosten für das Projekt werden der Bundesnetzagentur geprüft. Der Aufwand wird später auf die Netzentgelte umgelegt – letztlich also vom Stromverbraucher bezahlt. Für Tennet sind die Erdkabel „eine tolle Option“, wie Wagner sagt. Schließlich kann damit an Konfliktpunkten vorbeigegraben werden. Hörchens weiß: „Das steigert die Akzeptanz in der Bevölkerung.“

Dürfen FFH-Schutzgebiete wie der Ith überhaupt durchquert werden? Der reine Status als Flora-Fauna-Habitat schließt den dortigen Bau der Stromtrasse nicht aus, erklärt Thiel. Es müsse auf die Details geschaut werden. So sei in einem Vogelschutzgebiet die Verlegung eines Erdkabels denkbar.

Gibt es gesundheitliche Gefahren? Die Belastungen der HGÜ sind den Betreibern zufolge geringer als bei Wechselstrom, weil es sich um eine magnetische statt elektromagnetische Strahlung handelt. Der Grenzwert liegt bei 0,5 Millitesla. „Er ist so gewählt, dass Störbeeinflussungen von Herzschrittmachern durch statische Magnetfelder ausgeschlossen werden“, schreibt das Bundesamt für Strahlenschutz. Dieser Grenzwert werde sehr deutlich unterschritten, sagt Wagner. Wie Ulrike Platz von der Bundesnetzagentur berichtet, erstellt die Technische Hochschule in Aachen eine klinische Studie zu elektromagnetischen Feldern. Die Netzagentur als Genehmigungsbehörde habe sich an die geltenden gesetzlichen Grundlagen zu halten.

Machen die Höchstspannungsleitungen Geräusche? Wie bei den Wechselstromleitungen wird bei feuchtem Wetter ein leichtes Knistern wahrnehmbar sein, sagt Wagner.

Wie können Anwohner ihre Bedenken äußern? Schon vor Beginn des behördlichen Planungsverfahrens lädt Tennet jedermann ein, Anmerkungen zum Trassenvorschlag oder Hinweise zu Alternativen einzureichen. Man wolle den „Planungskorridor gemeinsam mit den Menschen vor Ort weiterentwickeln und optimieren. Keine Stimme und kein Hinweis darf verlorengehen“, so der Anspruch. Hameln-Pyrmonts Kreisverwaltung wie auch die Bürgerinitiative Weserbergland bemühen sich, den Protest der Region zu bündeln.

Kontakte: TenneT TSO GmbH, SuedLink, Bernecker Straße 70, 95448 Bayreuth, Tel. 0921/50740-5000, E-Mail suedlink@tennet.eu, Internet www. tennet.eu; Landkreis Hameln-Pyrmont, E-Mail andreas.manz @hameln-pyrmont.de, Tel. 05151/903-9300; Bürgerinitiative Weserbergland, E-Mail: info@bi-weserbergland.de

Tausende Bewohner des Weserberglandes stehen unter Strom, wenn sie auf die Planungen für die Höchstspannungsleitung Suedlink schauen. Sie befürchten viele Nachteile durch das Projekt, das Teil der Energiewende ist – und als Voraussetzung für das Abschalten von Atomkraftwerken wie das in Grohnde gilt. Viele Fragen seien noch zu klären, heißt es – auf beiden Seiten.

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