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„Es geht wieder von vorne los“: Neuer Vorschlag für Bildungscampus stößt nicht überall auf Gegenliebe

Den Planern läuft die Zeit davon

Hameln. Einen Bildungscampus auf dem Areal der Linsingen-Kaserne wird es nicht geben – wenn es nach dem Willen von Stadt und Landkreis geht. Zumindest auf Verwaltungsebene. Oberbürgermeister Claudio Griese (CDU) und Landrat Tjark Bartels (SPD) zumindest demonstrieren in dieser Frage Einigkeit. Entscheiden muss aber letzten Endes die Politik. Und was halten die Schulen, die auf dem Bildungscampus Einzug halten sollten, von der Kehrtwende?

veröffentlicht am 26.11.2015 um 16:26 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 12:59 Uhr

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Kerstin Hasewinkel

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Kerstin Hasewinkel Stv. Redaktionsleiterin zur Autorenseite
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Begeistert von der neuerlichen Zeitverzögerung sind weder die Elisabeth-Selbert-Schule noch die Technische Akademie. Sowohl Schulleiterin Elisabeth Grimme als auch Werner Thiele, Vorstandsvorsitzender der TA, warten schon lange darauf, ihre Einrichtungen zu erweitern beziehungsweise im Fall der Selbert-Schule die maroden Gebäude zu verlassen und in einen Neubau ziehen zu können. „Seit 15 Jahren bemängele ich unsere Situation“, sagt Grimme, die seit zwei Jahrzehnten Schulleiterin ist. Dringend notwendige Renovierungen seien immer wieder verschoben worden – mit dem Hinweis auf die Umzugspläne. „Es muss dringend etwas passieren“, meint Grimme. Dabei sei die Standortfrage für sie zweitrangig.

Anders bei Thiele, für den die Zeit ebenfalls „brennt“: Der Bailey Park stößt bei ihm nicht auf Begeisterung. Die TA will dringend erweitern – nach wie vor in Hameln. „Der Bildungscampus wäre ein Traum“, sagt der Vorstandschef, einfach, weil sich für die Schulen Synergien ergeben würden. Die Akademie suche die Stadtnähe – die Thiele am Reimerdeskamp nicht gegeben sieht. Nach seinem Kenntnisstand sei aber „noch alles offen“, da der Vertrag zwischen Land und Landkreis zur Flüchtlingsunterkunft noch nicht unterschrieben sei. Und natürlich werde es die Akademie auch ohne Bildungscampus weiterhin in Hameln geben. Der Standort an der Bahnhofstraße werde ohnehin erhalten bleiben, reiche aber nicht mehr für die ständig steigende Teilnehmerzahl aus. „Hameln verlassen werden wir definitiv nicht“, versichert Thiele mit Blick auf anderslautende Gerüchte. Der Hamelner hätte sich gewünscht, dass das Thema Campus vor einem Dreivierteljahr in trockenen Tüchern gewesen wäre: „Jetzt müssen wir wieder neu denken.“

Allerdings: Einen Schwarzen Peter wegen der neuen Ausgangslage wollen Grimme und Thiele weder den Verwaltungen noch der Politik zuschieben. Beide sehen die Herausforderung, die Flüchtlinge unterzubringen. „Wir müssen eine Lösung für die Menschen finden, die zu uns kommen“, sagt Grimme. In alle Planungen sei sie einbezogen worden – auch wenn „die unterschiedlichen Standortmodelle 99-mal durchgespielt“ worden seien.

Einen Zusammenhang mit der Flüchtlingsfrage stellt auch die Gruppe FDP/Die Unabhängigen im Hameln-Pyrmonter Kreistag her. Sie will, dass das politische Gremium beschließen, an den ursprünglichen Plänen festzuhalten. An der Entscheidung zum Bau der Selbert-Schule auf dem Gelände der Linsingen-Kaserne solle nicht gerüttelt werden, die Schaffung eines Bildungscampus auf diesem Areal im Zusammenwirken mit der Technischen Akademie müsse Ziel der Kreispolitik bleiben. Darüber soll der Kreistag in seiner Sitzung am kommenden Dienstag, 8. Dezember, entscheiden.

FDP-Fraktionschef Heinrich Fockenbrock hält die Festlegung, sich von den bisherigen Linsingen-Plänen zu verabschieden, für verfrüht. Zum jetzigen Zeitpunkt sei nicht zu erkennen, „welche Auswirkungen die politischen Beschlüsse der Bundesregierung“ in Bezug auf den Flüchtlingsstrom in Deutschland und damit auch auf die Not-Erstaufnahmestelle in Hameln haben werden. Die Gruppe meint außerdem, der alternative Standort am Reimerdeskamp habe erhebliche Nachteile: Er liege zu weit vom Stadtzentrum entfernt, sei zu Fuß nur mit großem Zeitaufwand zu erreichen und würde „aus einer möglichen Einheit einer lokalen Bildungsregion“ aus Schulzentrum Nord, dem Bildungscampus Linsingen-Kaserne, der Kielhorn-Schule sowie der Schulbehörde des Landkreises Hameln-Pyrmont herausgelöst. Die Folge wäre, dass die Selbert-Schüler „die vorhandenen Infrastrukturen wie zum Beispiel die Halle Nord, den VfL-Sportplatz sowie das Hallenbad Einsiedlerbach nicht beziehungsweise nur mit großem Zeitaufwand nutzen können“.

Das vor drei Monaten erfolgte Angebot von Landrat Bartels an das Land, eine Not-Aufnahmestelle in der Linsingen-Kaserne einzurichten, wird von der Gruppe FDP/Die Unabhängigen als „absolut richtig“ erachtet. Fockenbrock geht aber davon aus, dass die politischen Entscheidungen auf nationaler, europäischer wie internationaler Ebene getroffenen Maßnahmen „zu einem erheblichen Nachlassen der Flüchtlingsströme führen werden“. Und er nennt die „Tatsache, dass das an sich zuständige Land Niedersachsen inzwischen strukturell nachgebessert (…) hat, die Aufnahme von Flüchtlingen selbst zu übernehmen“.

„Jetzt geht alles von vorne los“, sagt Hans-Ulrich Siegmund, CDU-Chef im Kreistag. Seine Fraktion habe noch nicht beraten, es stelle sich eine völlig neue Situation dar. Weil es noch zu wenig Informationen über die Alternativen gebe, möchte er noch nicht über den FDP-Antrag abstimmen, das gehe zu schnell. Gleichwohl: „Bei der Linsingen-Kaserne wollten wir bereits weiter sein.“

Auch für Kurt Meyer-Bergmann, stellvertretender SPD-Fraktionschef im Hamelner Rat und Vorsitzender des Schulausschusses, ist längst nicht alles klar: „Es sind die Verwaltungen, die ihre Pläne vorgestellt haben.“ Die Politik sei nicht in Gänze einbezogen worden, von den neuen Plänen überrascht worden und müsse nun erst beraten. Ein Bildungscampus auf dem Kasernen-Areal – das sei doch der Reiz gewesen, auch mit Blick auf den möglichen Bahn-Anschluss. Meyer-Bergmann will das Thema nicht parteipolitisch sehen; die Diskussion bestimmen müsse die Frage: Was steht auf dem Spiel? An zügige Beschlüsse glaubt der Sozialdemokrat jedenfalls nicht.

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