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Am Ende steht die EWR-Pleite

Was aus dem Hochzeitshaus werden soll, steht in den Sternen

Es ist eine sehr wechselvolle Geschichte, die das Hochzeitshaus in den vergangenen 400 Jahren erlebt hat. Einst von den Bürgern der Stadt Hameln in der Blütezeit zu Anfang des 17. Jahrhunderts errichtet, erlebt es jetzt mit einer nur teilweisen Nutzung fast einen Dämmerschlaf und wartet darauf, mit mehr und vor allem mit nachhaltigem Leben erfüllt zu werden.

veröffentlicht am 05.01.2017 um 18:00 Uhr
aktualisiert am 26.05.2017 um 13:15 Uhr

Das Erdgeschoss des Hochzeitshauses nach der Räumung durch die Stadtbücherei. Foto: Stadtarchiv
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Autor

Wolfhard F. Truchseß Reporter

Zwei große Sanierungen hat das Hochzeitshaus im vergangenen und auch in diesem Jahrhundert erlebt. Die erste in den Jahren von 1930 bis 1932, die zweite mit dem Umbau für die „Erlebniswelt Renaissance“ (EWR) vom Jahr 2004 an. War das erste Projekt vor mehr als 80 Jahren der Baufälligkeit im Inneren des Hauses geschuldet, ging es Anfang dieses Jahrhunderts einerseits darum, erforderliche Brandschutzmaßnahmen umzusetzen, andererseits aber auch, das Haus einer langfristigen touristischen Nutzung zuzuführen, wie sie durch die EWR erreicht werden sollte. 200 000 Besucher sollten nach den Prognosen von Freizeit- und Marketingforschern die EWR jährlich besuchen; doch das Projekt scheiterte an seinen technischen Unzulänglichkeiten und der finanziellen Plünderung durch den Generalunternehmer, dem seine Verwirklichung anvertraut worden war.

Doch blicken wir zunächst zurück bis in die 1970er Jahre. Damals diente das Hochzeitshaus mit seinen vielen kleinen Räumen noch als Sitz der Stadtverwaltung; es war das Rathaus mitten im Zentrum der Stadt. Dort, wo die Verwaltung heute residiert, hatte damals das BHW seinen Sitz. Als das Unternehmen aus allen Nähten platzte und an der Springer Landstraße seinen Neubau realisiert hatte, übernahm die Stadt den Bau und zog bis auf wenige Abteilungen um. Fortan fand die Stadtbücherei hier für 18 Jahre ihre neue Heimat, auch das Stadtarchiv, das Standesamt, die Tourismus-Info, das Kulturamt und später auch die Polizei erhielten Räume im Hochzeitshaus. Bis 2003 war hier auch das Rechnungsprüfungsamt angesiedelt und im zweiten Obergeschoss ein noch heute genutzter Empfangsraum der Stadt, wo sich prominente Besucher ins Goldene Buch Hamelns eintragen können.

Ende der 1980er Jahre fasste der Rat den Beschluss, die Pfortmühle, eine alte Industriebrache, die seit Jahren leer stand, zu sanieren und dort die Stadtbücherei unterzubringen. Der Umzug wurde im Jahr 1990 vollzogen. Damit wurde im Hochzeitshaus der große Raum im Erdgeschoss ebenso frei wie die Magazinräume der Stadtbücherei und die Jugendbücherei, die ebenfalls im Hochzeitshaus untergebracht war. In den folgenden Jahren konnten die Bürger der Stadt Hameln, Vereine oder Organisationen jedweder Art, den Raum im Erdgeschoss für Veranstaltungen oder Ausstellungen mieten. „Das war eine Zeit, in der wieder sehr viel Leben im Hochzeitshaus war“, erinnert sich Silke Schulte, die Leiterin des Stadtarchivs. „Das war auch für uns eine gute Zeit, denn häufig kamen Schüler im Verlauf ihrer Stadtrallyes bei uns vorbei, um sich bei ihren Aufgabenstellungen helfen zu lassen“, berichtet sie. „Wir hatten auch durch den Verkauf von Broschüren über die Geschichte der Stadt viel mehr Laufkundschaft. Das ist heute bei uns hier in den Räumen der Pfortmühle im dritten Stockwerk nicht mehr der Fall“, stellt sie bedauernd fest.

Die Erlebniswelt Renaissance (EWR) zog nach einem Umbau des altehrwürdigen Hochzeitshauses im Jahr 2004 in das Gebäude ein. Allerdings floppte die EWR und ging pleite. Seither steht das Hochzeitshaus mehr oder weniger leer. Foto: Archiv
  • Die Erlebniswelt Renaissance (EWR) zog nach einem Umbau des altehrwürdigen Hochzeitshauses im Jahr 2004 in das Gebäude ein. Allerdings floppte die EWR und ging pleite. Seither steht das Hochzeitshaus mehr oder weniger leer. Foto: Archiv
Letzte Reste des Stadtarchivs in einem der Obergeschosse des Hochzeitshauses vor dem Umzug in die Pfortmühle. Foto: Stadtarchiv
  • Letzte Reste des Stadtarchivs in einem der Obergeschosse des Hochzeitshauses vor dem Umzug in die Pfortmühle. Foto: Stadtarchiv
Das ehemalige Büro von Silke Schulte im Hochzeithaus. Foto: Stadtarchiv
  • Das ehemalige Büro von Silke Schulte im Hochzeithaus. Foto: Stadtarchiv

Doch Silke Schulte erinnert sich auch der Nachteile, die es für das Stadtarchiv mit sich brachte, im ersten und zweiten Obergeschoss auf der Höhe der Zwerchhäuser untergebracht zu sein. „Die Statik reichte nicht aus, um unsere Unterlagen raumhoch unterzubringen“, berichtet sie. „Auf halber Höhe war Schluss.“ Zwar verfüge das Stadtarchiv heute über weniger Fläche, die Räume seien für die Archivregale aber wesentlich besser geeignet und ökonomischer zu nutzen.

An die Brandschutzbegehung in den ersten Jahren nach 2000 erinnert sie sich ungern. „Wir hätten im Brandfall keinen Fluchtweg gehabt und die Fenster wurden als zu klein bewertet, um uns von außen retten zu können. Da wurde uns schon mulmig.“ Unter den Dachschrägen der Obergeschosse hätten sich nur Holzeinbauten befunden, auch die Böden seien komplett aus Holz gewesen. „Das hätte gebrannt wie Zunder, wenn etwas passiert wäre.“ Ihr Büro hatte Silke Schulte an der Ostseite des Hochzeitshauses. Richtung Westen lagen die Magazine des Stadtarchivs, darüber im zweiten Obergeschoss das Aktenlager des Standesamts. Insbesondere im zweiten Obergeschoss sei die Tragfähigkeit zu gering gewesen, um die Räume komplett auszulasten. So kam es nach dem Beschluss des Stadtrats, große Teile das Hochzeitshauses an den Landkreis zu vermieten, um die Erlebniswelt Renaissance zu etablieren, im November 2003 zum Umzug des Stadtarchivs in die Pfortmühle. Auch das Standesamt musste dem Umbau und der Entkernung des alten Weserrenaissancebaus zeitweise weichen und war vorübergehend am Ostertorwall untergebracht, zog später aber wieder in seine angestammten Räume ein.

An die Hochzeiten in dem Gebäude hat Silke Schulte eine besondere Erinnerung. Sie glaubt, auf vielen Hochzeitsfotos verewigt worden zu sein, „denn oft, wenn ich das Gebäude verlassen wollte, fand auf den Treppen noch der Sektempfang einer Hochzeitsgesellschaft statt und ich musste am Eingang warten, um nicht zu stören“. Das sei hin und wieder „schon ganz schön nervig“ gewesen.

Immerhin, das Hochzeitshaus hatte den 30jährigen Krieg von 1618 bis 1648 überstanden, den Ersten Weltkrieg ebenso wie den Zweiten Weltkrieg. Mit dem Beschluss, in dem Bau die EWR unterzubringen und nach der Entkernung einen Betonbau innerhalb des Gebäudes zu errichten, aber „wurde das Haus in seine größte Krise gestürzt“, wie die Dewezet am 3. September 2011 bilanzierte. Rund 15 Millionen Euro wurden in den Sand gesetzt. Der Schwachpunkt eines Projekts, das vom Leiter des Bremerhavener Auswanderermuseums später als „nicht marktfähig“ beurteilt wurde, waren nicht nur die E-Guider, mit denen den Besuchern die Ausstellungsinseln erläutert werden sollten, sondern auch die Inhalte der Themen-Inseln, die nie eine wirkliche Verbindung zur Welt der Renaissance hätten herstellen können. Kritiker sprachen damals von einem untauglichen Projekt im Disney-Stil. Als die E-Guider am Eröffnungstag, dem 1. September 2005, nicht funktionierten, durften die Besucher kostenlos besichtigen, was im Hochzeitshaus installiert worden war. Aber mehr, als sich von den 15 extra ausgebildeten EWR-Führern erläutern zu lassen, was denn erlebt werden könne, wenn, ja wenn die E-Guider denn einst funktionieren würden, gab es für sie nicht zu erleben. Und selbst als sich der größere Teil der Themen-Inseln, rund 75 Prozent, vier Wochen später mit den elektronischen Führern erschließen ließ, kamen in diesem Jahr nicht mehr als rund 15 000 zahlende Besucher. Und diese brauchten auch nur 75 Prozent des eigentlichen Ticketpreises zu bezahlen – sieben Euro.

Abgesagte und erneut verschobene Eröffnungen sorgten dafür, dass die in großer Breite eingeladene Presse erst gar nicht in Hameln erschien und das Objekt erst wieder das Medien-Interesse weckte, als nicht nur der Generalunternehmer m.a.k. in Köln im Jahr 2005 Insolvenz angemeldet hatte, sondern auch die EWR am 17. August 2009 den Gang zum Konkursrichter antreten musste. Der Fall wurde ein Fall für die Staatsanwaltschaft und die Ermittler des Landeskriminalamtes.

Seither sind mehr als sieben Jahre ins Land gegangen, ohne dass sich Entscheidendes getan hätte. Das Haus ist zwar wieder komplett in der Hand der Stadt Hameln, aber was mit dem Hochzeitshaus geschehen soll, steht weiter in den Sternen. Temporäre Ausstellungen erwiesen sich laut der Hamelner Marketing und Tourismus GmbH (HMT) als auf Dauer nicht wirtschaftlich durchführbar. Auf eine bundesweite Ausschreibung, im Hochzeitshaus eine „gehobene Gastronomie“ einzurichten, gab es keine ernst zu nehmenden Reaktionen. Der Investor Bar Celona scheiterte mit seinen Plänen am Denkmalschutz. Auch der Plan des Bürgervereins, den alten historischen Saal wieder herstellen zu lassen, scheint im Augenblick nur ein Traum zu sein.

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