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Mit dem Bau wetteiferte das reiche Bürgertum mit dem Adel

400 Jahre Hochzeitshaus: Ein monumentales Wahrzeichen

Das Hochzeitshaus ist das hervorragendste Zeugnis der kulturell und politisch bedeutendsten Phase der Stadtgeschichte Hamelns, der Zeit der Renaissance im 16. und frühen 17. Jahrhundert. Wir blicken auf 400 Jahre Hochzeitshaus zurück.

veröffentlicht am 04.01.2017 um 13:29 Uhr
aktualisiert am 26.05.2017 um 13:16 Uhr

Das Hochzeitshaus Anfang der dreißiger Jahre nachdem das Dach komplett abgenommen worden war. Foto: Stadtarchiv
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Autor

Bernhard Gelderblom Reporter

Die Hamelner Großkaufleute waren besonders durch Getreidehandel zu Reichtum gelangt. Mit dem wirtschaftlichen Aufbruch war ein kultureller Neuanfang verbunden.1540 hatte die Stadt die Reformation eingeführt und öffnete sich auch dem Gedankengut des Humanismus und der Renaissance.

Damals entstanden in Hameln die prächtigen Bauten der Weserrenaissance. Ihre Reihe beschloss das Hochzeitshaus. Sein Bau wurde 1610 begonnen und 1617 fertiggestellt – unmittelbar vor Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648). Hier setzte sich die Bürgerschaft ein monumentales Wahrzeichen. Von einem nicht genannten Baumeister ähnlich dem von Eberhard Wilkening entworfenen Schloss Hämelschenburg gestaltet, wollte sie mit dem Adel wetteifern und ihre Macht zur Schau stellen.

An der markantesten Stelle, welche die Stadt zu vergeben hatte – parallel zur Marktkirche und im rechten Winkel zum Rathaus – fügt sich der Bau geglückt zu den Bauten des städtischen Zentrums. Obwohl in ganz verschiedenen Stilepochen entstanden, bildeten Marktkirche, Rathaus und Hochzeitshaus eine gelungene Einheit.

Das Hochzeitshaus während der Entkernungsarbeiten im Jahr 1930. Foto: Stadtarchiv
  • Das Hochzeitshaus während der Entkernungsarbeiten im Jahr 1930. Foto: Stadtarchiv

Der gewaltige Block des Bauwerkes – 43 Meter lang, 15 Meter tief und 11 Meter hoch – erstreckt sich über drei Stockwerke. Horizontale Gesimse und umlaufende Quaderverzierungen betonen seine Länge. Eine vertikale Gliederung findet sich nur in den beiden Giebeln nach Westen und Osten und den drei nach Süden schauenden sogenannten Zwerchhäusern, die das mächtige Dach gliedern.

So wenig gegliedert, wie es sich heute präsentiert, war das Gebäude früher nicht. An der Ostwand befand sich ursprünglich ein über zwei Geschosse gehender Erker, der in die Tiefe der Osterstraße schaute. Von ihm aus begrüßte der städtische Trompeter einziehende hohe Gäste. Der Erker wurde im 18. Jahrhundert beseitigt. Auf der Nordseite ragte in den Lütgen Markt eine mächtige, gewinkelte und reich mit Bildhauerarbeit geschmückte Steintreppe, welche die oberen Stockwerke erschloss. Verschwunden ist auch der ursprünglich farbige Putz der Fassade.

Die beiden Schauseiten des Bauwerkes, also die nach Süden gerichtete Front und die östliche Giebelseite, sind reich gestaltet. Ein über dem ersten Stockwerk verlaufender Fries zeigt über den drei Portalen Frauengestalten und Löwen, die das Stadtwappen tragen, sowie zwei Brustbilder von Kriegern. Zahlreich sind die von oben herabschauenden, aus der Fassade heraustretenden Köpfe in den Giebeln nach Süden und Osten.

Wie der Name „Neues Gebäud“ bzw. „Neues Rathhaus“ nahelegt, den das Gebäude fast 250 Jahre lang trug, war der Bau zur Entlastung und Erweiterung des angrenzenden Rathauses gedacht. Die Bezeichnung „Hochzeitshaus“ taucht vereinzelt zum ersten Mal 1654 auf, ist also ebenfalls alt, setzt sich aber erst um 1860 als ausschließlicher Name durch. Bis heute sorgt sie für Missverständnisse, was die Zwecksetzung des Bauwerkes angeht.

Das Erdgeschoss war Funktionen gewidmet, die der Stadt bedeutende Einnahmen sicherten. Das linke Rundbogenportal führte zur Ratswaage. Hier befand sich deswegen eine Wagendurchfahrt, die auf den Lütgen Markt mündete. Die mittlere Tür öffnete sich zur Ratsapotheke, die rechte zur Ratsweinstube.

Gereimte lateinische Sinnsprüche bezeichnen die unterschiedlichen Funktionen der Portale. So steht über dem Tor zur Weinstube: „Hier winkt gastliches Heim dem Müden, ... sonnengereifter Trunk lösche den brennenden Durst“. Werbewirksam ließ die Stadt auch eine Inschrift zur Rattenfängersage anbringen: „Nach Christi Geburt 1284 Jahr gingen bi den Koppen unter verwahr hundert und dreyßig Kinder in Hameln gebohren von einem Pfeiffer verfürt und verloren.“

Weil die Ratswaage im gegenüberliegenden Haus blieb, zog die Apotheke in die westliche Gebäudehälfte und teilte sich mit der Weinstube das Erdgeschoss. Die überflüssige mittlere Tür wurde zugemauert und erst 2005 für die „Erlebniswelt“ wieder geöffnet.

Im ersten Stock lagen in Richtung Westen Repräsentationsräume (u.a. die später so genannte Tilly-Stube), im Osten der über zwei Stockwerke gehende Festsaal. Er besaß farbige Glasfenster und auf zwei Seiten Balustraden und bot für Empfänge, Hochzeiten und Festgelage einen würdigen Rahmen.

Im Dachgeschoss befand sich die städtische Rüst- oder Gewehrkammer, Zeichen bürgerlicher Selbstverteidigung. Die Keller waren tonnengewölbt und durch einen Gang mit dem Ratsweinkeller unter dem Rathaus verbunden. Trotz seines repräsentativen Auftretens war das Gebäude in seinem Inneren also auf Funktionalität bedacht. Seinem ursprünglichen Zweck diente das Hochzeitshaus nicht lange, begann doch bereits ein Jahr nach seiner Fertigstellung der Dreißigjährige Krieg mit seinen verheerenden Folgen für die Stadt. Das Haus wurde zur Bühne wichtiger politischer Ereignisse, welche zeigten, dass Hameln zum Spielball großer Mächte geworden war.

„Auf der Eckstube über der Apotheke“ soll General Graf Tilly Anfang Mai 1631 Kriegsrat gehalten und die Belagerung Magdeburgs beschlossen haben. Als Tilly in seinem Zorn über die unbotmäßige Stadt mit der Faust auf den Tisch geschlagen habe, habe sich ein „unmenschlich Wind“ erhoben, der nicht nur in Hameln Verwüstungen anrichtete, sondern auch im weit entfernten Magdeburg die Helme von den Türmen riss. Dieser Sturm ist tatsächlich für den 26. November 1630 belegt.

Nachdem Herzog Georg von Lüneburg 1633 Tillys Truppen aus der Stadt vertrieben hatte, ließ er sich im Hochzeitshaus vom Hamelner Rat den Huldigungseid schwören. Für seinen Einsatz um die Stadt belohnte er sich mit den farbigen Glasfenstern des Festsaales. Seitdem sind sie verschollen.

1721 – die Stadt war nach dem Verlust ihrer Selbstständigkeit inzwischen verarmt – untersagte der Magistrat die Abhaltung von Hochzeiten im Festsaal. Die Kosten sollten „besser zur ersten häuslichen Einrichtung der Verheiratheten verwandt werden“. Da die Stadt Landesfestung geworden war und das Recht auf Selbstverteidigung verloren hatte, war die Waffenkammer entbehrlich geworden. Sie wurde in Lagerräume umgewandelt.

Mit dem Siebenjährigen Krieg (1756-1763) wurde der Abstieg des Bauwerkes dramatisch. Nach der Schlacht bei Hastenbeck (1757) nutzten die Franzosen mit Ausnahme der dringend benötigten Apotheke den gesamten Bau als Lazarett. Nach ihrer Vertreibung wurden hier französische Soldaten gefangen gehalten. Später diente das Gebäude der Hamelner Garnison als Mehlmagazin.

Das 19. Jahrhundert brachte keine Rückkehr zur alten Bestimmung. Nachdem die Ratsapotheke, deren berühmtester Leiter Friedrich Wilhelm Sertürner war, 1864 in das gegenüberliegende Fachwerkgebäude umgezogen war, wurden an ihrer Stelle zunächst Wohnungen, später Räume für die städtische Verwaltung eingerichtet. 1887 zog die Stadtsparkasse im Erdgeschoss ein. Am längsten – wenn auch mit Unterbrechungen – blieb die Ratsweinschänke im Gebäude. Ihr letzter Pächter war seit 1923 Fritz Kropp.

Damals machte der bauliche Zustand des Gebäudes größte Sorgen. Schon um 1900 war der Dachstuhl derart morsch, dass man die schweren Sandsteinplatten durch ein leichteres Schieferdach ersetzte. Der dritte Stock und das Dachgeschoss waren nicht mehr nutzbar und wurden geräumt.

Senkungen des tragenden Gebälks von bis zu 70 cm ließen die Böden tief durchhängende. Mithilfe von Ausgleichshölzern hatte man versucht, einigermaßen waagerechte Fußböden zu bekommen. Die leeren Zwischenfächer wurden mit Häcksel ausgestopft.

Stadtbaurat Schäfer beschrieb 1932 das Innere als ein Gewirr von kleinen und kleinsten Räumen, „wie Kraut und Rüben nebeneinandergeschachtelt“ und durch zwei enge Treppenhäuser erschlossen. Unbeschreiblich sei der Zustand im zweiten Stock gewesen. „Die Fenster saßen bis auf 40 cm am Fußboden, und oben rannte man mit dem Kopfe an den Mauerbogen.“

Ende 1929 räumte die Stadtsparkasse das Gebäude. Für die geplante Nutzung durch die Verwaltung, die im Rathaus aus allen Nähten platzte, war eine grundlegende Renovierung unumgänglich. Dafür in den Notzeiten der Weimarer Republik die Mittel aufzubringen, schien noch im Februar 1930 ein Ding der Unmöglichkeit.

Doch schon im August 1930 begannen die Renovierungsarbeiten. An den Umbaukosten von 300 000 RM beteiligte sich das Land Preußen zu einem Drittel. Die Stadt verfügte über Mittel aus dem Verkauf der Garnisonskirche an die Stadtsparkasse. Spenden aus der Bürgerschaft halfen.

In fast zwei Jahren Bauzeit wurde unter Leitung von Schäfer und Architekt Wilhelm Vollmer das Bauwerk vollständig entkernt und ein Stahlgerüst als Tragwerk eingezogen. Dessen Füße durchbrachen die Kellergewölbe und waren im Untergrund verankert. Im Mai 1932 konnte das Hochzeitshaus eingeweiht werden.

Die Renovierung führte zu einem überzeugenden Ergebnis. Neben lichten, funktionalen Dienstzimmern entstanden repräsentative Räume für den Oberbürgermeister und die Sitzungen des Magistrats. Besonders gelungen war das großzügige Treppenhaus mit seinem schlanken schmiedeeisernen Gitterwerk und dem weißbronzenen Geländer.

Der Maler Rudolf Riege gestaltete für den neu errichteten Erker des Erdgeschosses und für den Sitzungssaal im zweiten Stock farbige Fenster, der Bildhauer Hans Walther eine eindrucksvolle Skulptur im Eingangsbereich. Das Dach erhielt wieder Sandsteinplatten.

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