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Hameln ist nicht München: Straßenmusiker wehren sich gegen Casting und Gebühren

Vorsingen im Rathaus? Nein, danke!

Eine Auftrittsgebühr und ein Casting für Straßenmusikanten – mit dieser Idee sorgt die CDU-Fraktion im Hamelner Rat in einem gemeinsamen Antrag mit der Grünen-Fraktion für Aufregung. Während viele Menschen den Vorschlag ablehnen und als „Regulierungswut“ abkanzeln, gibt es unter den Musikern auch abwägende Meinungen.

veröffentlicht am 14.05.2016 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 12:50 Uhr

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Nicole Trodler

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Nicole Trodler Onlineredakteurin zur Autorenseite

„Nichts Wichtigeres zu tun?“, „Schwachsinn“, „lächerlich“ – die Kommentare auf der Facebookseite der Dewezet zum Vorstoß der CDU sprechen eine klare Sprache. Gerade eine Fußgängerzone lebe doch von der Vielfalt und der Straßenmusikkultur, meinen viele. Außerdem sei Hameln nicht München. Dort gibt es schon länger Proben für Straßenmusiker. Was aber sagen die Betroffenen selbst?

Der Schüler Bastian Baumgart will mit den Auftritten sein Taschengeld aufbessern. Eine Gebühr lehnt er deshalb kategorisch ab. Auch beim Thema verpflichtende Probe hat er Bedenken: „Warum sollen nur die Guten auf die Straße kommen?“ Man könne doch vorschreiben, dass nur zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten gespielt werden darf. Einen Ortswechsel nach einer Stunde schreibt die Stadt bereits jetzt vor – aus Rücksichtnahme auf die Einzelhändler und die Anwohner.

Für den Musiker Nick March ist der CDU-Vorschlag „Aktionismus“. Einerseits sei eine Auswahl angesichts der stark gestiegenen Zahl der Straßenmusiker zum Teil gerechtfertigt, andererseits halte er diesen Vorschlag für Hameln aber überzogen. Ihm sei nicht klar, wem eine solche Regelung nütze und wie sie überhaupt umsetzbar sei. Wenn nun eine Gebühr fällig würde, sei es auch mit der Spontaneität vorbei, meint March. Zudem müsste dann ja auch kontrolliert werden, dass nur angemeldete Musiker spielen. Er setzt auf Dialog. „Wenn sich die Ladenbesitzer gestört fühlen, sollen sie doch einfach mit den Musikern reden“, sagt der Musiker. Dass die Idee umgesetzt wird, bezweifelt March – und tatsächlich regt sich auch in der Politik Widerstand.

Auch Isaak Guderian, der seit Ende letzten Jahres regelmäßig in der Innenstadt spielt, hat zu dem CDU-Vorschlag eine gespaltene Meinung. Eine Gebühr zu erheben, findet er verkehrt. „Wofür? Ich für meinen Teil drücke schon Steuern für die Musik ab, habe ich damit meinen Teil nicht schon geleistet?“, meint der Gitarrist, der sich als Musiker selbstständig gemacht hat. Ein Casting hält er derweil zum einen für eine gute Idee, andererseits aber auch wieder nicht. Nach seiner Beobachtung seien immer mehr Straßenmusiker unterwegs, darunter auch viele schlechte. Proben könnten zu einer Verbesserung der Qualität beitragen, meint Guderian.

Allerdings bestehe auch die Gefahr, dass ein Casting vielen Nachwuchsmusikern den Weg verbaue. Wenn junge Leute gar nicht erst auftreten dürften, gebe es auch keine Chance für sie, sich auszuprobieren und besser zu werden, sagt Guderian. Durch das regelmäßige Spielen auf der Straße und die Reaktion des Publikums könnten die Musiker ihr Selbstbewusstsein und ihre Leistung steigern. Auch er selbst habe am Anfang viel Kritik einstecken müssen. Das Spiel auf der Straße habe geholfen.

Das Publikum auf dem Pferdemarkt scheint ihm zuzustimmen. Noch während er seine Version von James Morrisons „Broken Strings“ zum Besten gibt, werfen Passanten Münzen in seinen Gitarrenkoffer.

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