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Der scheidende Musikschulleiter Ulrich Schulz über Streicher, David Garrett und die Zukunft seiner Einrichtung

Privatisierung? „Keine gute Idee“

Hameln. Seit 35 Jahren leitet der 63-Jährige die Jugendmusikschule in Hameln. Ende März geht der gebürtige Wittener, der Geige, Bratsche und Klavier unterrichtet und ein Orchester dirigiert, in den Ruhestand. Zum Abschied haben wir mit Ulrich Schulz gesprochen.

veröffentlicht am 30.03.2016 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 30.03.2016 um 09:22 Uhr

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Herr Schulz, wie sind Sie zur Musik gekommen?

Ich hatte erst Blockflöten- und später Geigenunterricht, weil mein Gymnasiallehrer in seinem Schulorchester Geiger brauchte. Dieser Lehrer leitete damals die Musikschule in Witten ehrenamtlich. Das gibt es heute gar nicht mehr. Das war in den 1960er Jahren, also in der Gründungszeit der meisten Einrichtungen. Es gibt nur wenige Musikschulen, die älter sind und vielleicht eine Vergangenheit als Konservatorium hatten, wie Braunschweig oder Osnabrück.

Bald gehen Sie in den Ruhestand. Was waren aus Ihrer Sicht während Ihrer Zeit als Leiter der Jugendmusikschule die gravierendsten Veränderungen?

Große Änderungen gab es bei der räumlichen Unterbringung. Anfangs unterrichteten fast vierzig Lehrkräfte in zwölf verschiedenen Gebäuden. Seit 2007 haben wir in der Waterloostraße 10 einen zentralen Standort, was die Zusammenarbeit im Kollegium der Musikschule entscheidend verbesserte. In jenem Jahr begannen wir auch, vermehrt Kooperationen mit Kitas und Schulen einzugehen. Bereits 2005 gab es an der Grundschule Klein Berkel eine Streicherklasse.

Glauben Sie, dass sich die Kooperationen in Zukunft noch mehr ausweiten?

Ich kann mir das schon vorstellen. Wir arbeiten gerne so. Mehr Kooperationen setzen allerdings aus meiner Sicht zusätzliches Personal voraus.

Was ist der Unterschied zum normalen Unterricht in der Jugendmusikschule?

Die Gruppen sind meistens größer. Leider sind viele Kollegen nicht für einen solchen Unterricht ausgebildet. Das machte es eine Zeit lang etwas schwierig. An Grundschulen wird Musikunterricht oft von nicht fachlich ausgebildeten Lehrern erteilt. Das läuft häufig gut. Es gibt aber auch eine ganze Reihe von Schulen, an denen Musikschullehrer eine Art Vakuum ausfüllen. Wir können den schulischen Musikunterricht nicht ersetzen. Kooperationen sind als Ergänzung zu sehen.

Und wie sieht es in den Kitas aus?

Im Vorschulbereich ist die Situation durchaus ähnlich. Die Erzieherausbildung sieht meines Wissens keine verpflichtende musikalische Schulung vor. Aber da hat sich in den vergangenen zehn Jahren viel entwickelt. Es gibt heute entsprechende Angebote für angehende Erzieher und auch Fortbildungen. Seit 2009 gehen wir in die Kitas und gestalten den Unterricht in Zusammenarbeit mit den dort tätigen Kräften.

Wenn Sie in die Schulen und Kitas gehen, sind Sie dann auch auf der Suche nach musikalischen Talenten?

Es ist manchmal ein Nebenprodukt einer solchen Zusammenarbeit. Kooperationen schaffen allerdings die Möglichkeit, auch solchen Kindern, die sonst vielleicht gar nicht den Weg zur Musik gefunden hätten, Geschmack am Musizieren zu bekommen.

Hat sich in den vergangenen Jahren der Zuspruch für die Musikschule verändert?

Ja, durch die Kooperationen. Aber auch die Interessen der Kinder und Jugendlichen haben sich geändert. Als ich in Hameln angefangen habe, war das Angebot an der Musikschule sehr klassisch ausgerichtet. Inzwischen wird zwar auch noch Klassik angeboten, aber es gibt zusätzlich Einflüsse aus den Bereichen Rock, Pop und Jazz. Das merkt man bei den Konzerten, aber auch bei den Veranstaltungen der Schulen. Zum Beispiel bei einem Vikilu-Konzert sind heute oft Popgesang oder eine Bigband zu hören. Das ist ein erhebliches Standbein geworden.

Also hat die Popkultur Einzug in die vormals eher elitäre Musikschule gehalten?

Wenn man die sogenannte Hochkultur als elitär bezeichnen möchte: ja. Das ist im Übrigen kurios: Diese Strömungen kamen oft aus dem Untergrund und wandten sich gegen jegliche Form von Verschulung. Aber auch in diesen Bereichen ist Qualität eher zu erreichen, wenn man eine fundierte Ausbildung durchläuft.

Und wie spiegelt sich diese Entwicklung bei der Wahl der Instrumente wider?

Man spricht ja auch heute noch oft von den bildungsbeflissenen Klavierschülerinnen. Klavier ist nach wie vor ein gefragtes Instrument. Streichinstrumente wie die Violine zu erlernen, ist schon eher ein spezielleres Interesse. Aber das hat sich eigentlich nicht geändert. Das war früher auch schon so. Die Bandbreite ist heute größer, es sind Instrumente hinzugekommen, zum Beispiel im Schlagzeug- und E-Gitarrenbereich.

Gibt es auch Exoten?

Etwa. in Berlin oder Bochum gibt es viele Angebote, die sich auf türkische Instrumente beziehen. Wir haben eine Zeit lang über ein entsprechendes Angebot nachgedacht, aber die Nachfrage ist in Hameln nicht so gegeben. Viel passiert auch über Vereine aus diesen Bevölkerungsgruppen. Wir bieten Filmmusik an, zum Beispiel aus Harry Potter, folkloristische Lieder oder Klezmer. Persönlich spiele ich immer noch gerne Klassik mit den Kindern und versuche, sie dafür zu motivieren. Aber andere Angebote sind eben auch da.

Welches ist ihr liebstes Instrument?

Mir gefallen die Streichinstrumente. Ich finde den edlen Klang der Bratsche toll. Aber die Bratsche ist seit vielen Jahrhunderten eher ein Zweit- oder Drittinstrument. Von daher ist das Repertoire, das man auf der Geige spielen kann, ungleich größer. Ich spiele beide Instrumente gerne.

Welche Musik ist ihr Favorit?

Bei mir persönlich steht die Klassik im Vordergrund. Ich halte mich aber auf dem Laufenden, was andere Musikstile angeht. Ich würde gerne Tangogeige spielen. Ich habe mir immer mal wieder Anleitungen dazu besorgt und mich damit auseinandergesetzt, aber letztlich zu wenig Zeit dafür gehabt. Es ist doch so, dass man Schwerpunkte setzen sollte. Sonst verzettelt man sich.

Glauben Sie, dass Stars wie David Garrett dazu beitragen, dass die Geige auch für Musikschüler interessanter wird?

Ja, das merke ich bei meinen Schülern. Es gibt einige, die sagen: „David Garrett spielt in Hannover, da will ich unbedingt hin. Können wir nicht das und das Stück von ihm mal spielen?“ Dann muss ich schauen, ob sie schon so weit sind, denn seine Musik ist nur bedingt für Schüler geeignet. David Garrett spielt aber auch Klassik, und auf dem Wege können wir die Kinder dafür begeistern. Ganz anders sieht es bei André Rieu aus. Der ist bei Kindern und Jugendlichen nicht so gefragt …

Was waren für Sie prägende Momente in der Musikschule?

Ich habe aus jedem Unterricht etwas mitgenommen und dazugelernt. Einige meiner früheren Schüler haben selbst einen musikalischen Beruf ergriffen. Es ist eine besondere Freude, wenn sie sich zu gestandenen Musikern entwickeln. Größere Unternehmungen mit dem Orchester – wir haben viele Reisen gemacht – waren Jugendmusikfestivals. Anfang der 90er Jahre waren wir in den USA. Das hat Auswirkungen bis heute. Mit einem der damaligen Geigenschülerspiele ich Kammermusik. Auch sein Bruder und sein Vater waren mit in den USA. Da sind echte Freundschaften entstanden – und in einzelnen Fällen sogar Ehen. Es ist wunderbar, wenn man sieht: Da bleibt etwas fürs Leben.

Haben Sie Pläne für Ihre Zeit nach der Musikschule?

Ich freue mich auf mehr Zeit mit meiner Familie, insbesondere mit meinen Enkeln, und will selbst wieder mehr Musik machen. Vielleicht ergibt sich ein Betätigungsfeld zur Unterstützung von Flüchtlingen.

Was wird die Musikschule in den kommenden Jahren bewegen? Wohin wird sie sich entwickeln?

Das Thema Kooperationen wird aktuell bleiben. Da ist eine noch größere Vernetzung notwendig. Außerdem wird derzeit der städtische Kulturbereich analysiert. Ich hoffe, dass das, was an Gutem in der Musikschule in 45 Jahren aufgebaut wurde, erhalten bleibt und sich weiter entwickeln kann. Hameln will doch für junge Familien attraktiv bleiben. Dann muss man das Umfeld entsprechend gestalten. Eine städtische Musikschule gehört meiner Meinung nach unbedingt dazu.

Eine Privatisierung würde der Jugendmusikschule also nicht guttun?

Ich halte es für keine gute Idee, diesen Schritt zu gehen. In den USA gibt es viele Bauten und kulturelle Einrichtungen, die aus privater Hand finanziert werden. Aber ich denke nicht, dass man dieses Prinzip auf Deutschland übertragen kann. Außerdem begibt man sich bei einer Privatisierung in Abhängigkeit zu Sponsoren oder anderen Beteiligten. Momentan hat die Stadt Einflussmöglichkeiten auf die Arbeit der Musikschule. Die wären bei einer privaten Trägerschaft deutlich reduziert. Es stellt sich die Frage, ob man mit geändertem, ggf. reduziertem Angebot noch den Bedarf der Hamelner Bevölkerung trifft oder ob nicht andere Faktoren entscheidender werden.

Gibt es noch etwas, das Sie loswerden möchten?

Musik ist für Menschen eine wichtige Sache. Sie ist gemeinschaftsbildend. Daneben ist sie aber auch etwas, dem sich heutzutage niemand mehr entziehen kann. Sie umgibt uns häufig in Form von Dauerberieselung. Daher ist es wichtig, mit Musik verständig umgehen zu können. Für all dies sind Musikschulen da!

Interview: Andreas Timphaus

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