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Politik fordert behördliches Vorspielen / Auch Gebühren sollen erhoben werden

Müssen Hamelns Straßenmusiker bald durchs Casting?

Hameln. Wenn es nach der CDU-Fraktion im Hamelner Rat geht, dann müssen Straßenmusiker künftig ein behördliches Casting durchlaufen. Auftreten sollen nur noch die Besten und eine Gebühr zahlen sollen sie obendrein. Aber warum diese strenge Regelung, offizielle Beschwerde bei der Stadt hat, es bisher nicht gegeben.

veröffentlicht am 11.05.2016 um 13:10 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:04 Uhr

Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite

Straßenmusiker gibt es, seit es Straßen und Instrumente gibt. Manch ein fing gar seine Karriere auf der Straße an. Jan Tiersen zum Beispiel, der die Filmmusik zu „Die fabelhafte Welt der Amelie“ komponierte, Rod Stewart oder Chansonnier Felix Meier, der inzwischen problemlos Hallen füllt und in Lüneburg entdeckt wurde – ausgerechnet. Denn Lüneburg gehört zu den Städten, die wie München, Paris oder Wien sehr restriktiv mit Straßenmusikanten umgehen – in München gibt es sogar eine Art behördliches Casting, bevor eine Genehmigung erteilt wird. Dieses Schicksal könnte bald auch die Straßenmusiker in Hameln ereilen. Und das, obwohl sich noch niemand offiziell bei der Stadt beschwert hat.

Bei Mitgliedern der CDU scheinen sich nach Aussage von Fraktionssprecher Thomas Meyer-Herrmann die Beschwerden dagegen zu häufen. Störend, zu schlecht und sogar geschäftsschädigend seien manche Musikanten, befänden einige Einzelhändler. Geschäftstreibende profitierten von den Touristen, von denen die Straßenmusiker gleichermaßen angezogen würden, und so manche Darbietung störe den Fußgängerverkehr einfach. Das Recht auf freie Entfaltung gelte eben nicht nur für die Künstler, sondern auch für die Personen, die in der Stadt leben und arbeiten sowie für die Touristen. Deshalb hat die Mehrheitsgruppe den Antrag gestellt, dass Musikanten zunächst eine gebührenpflichtige Genehmigungserteilung bei der Stadt einholen müssten, bevor sie loslegen. Doch damit nicht genug. Für die Erteilung soll es der Stadt nach Willen der Stadtrats-Politiker von CDU und Grünen erlaubt sein, „eine Probe einzufordern“.

Wie das vonstatten gehen soll? Eine Jury, wie bei „DSDS“ oder „Voice of Germany“ wird nicht gebildet – so viel ist klar. Doch wer genau soll dann entscheiden, was hörenswert ist und was nicht?

„Es geht nicht darum, zu sagen, was Kunst ist und was nicht“, sagt Meyer-Herrmann. Eine solche Entscheidung könne auch ein Laie treffen. „Wir trauen das der Verwaltung zu“. Wie man die Probe organisiere, sei Sache der Verwaltung, gegebenenfalls könne man die Aufgabe auch an die HMT delegieren. Entscheidend sei, dass die Musik zum Teil als Belästigung empfunden werde.

„Ich zum Beispiel mag Dudelsackmusik …“

In der städtischen Abteilung Ordnung und Sicherheit sind die Bedenken angesichts einer Qualitätskontrolle groß. „Da habe ich Befürchtungen, dass etwas schief geht“, sagt Dieter Schur, bei der Stadt zuständiger Fachbereichsleiter für Recht und Sicherheit. Dass die Behörde den Leuten vorgebe, was gut sei und was nicht, sei für ihn schwer vorstellbar, sagt der Verwaltungsbeamte. „Ich beispielsweise mag Dudelsackmusik“, sagt Schur. Er könne sich allerdings gut vorstellen, dass andere spätestens beim dritten Stück genervt seien. Die Geschmäcker seien nun mal verschieden. „Ich wüsste zudem nicht, wer das bei uns machen soll“, fügt er an. Vielleicht habe man in größeren Städten mehr Kapazitäten für eine fachgerechte Beurteilung, mutmaßt Schur. Seinen Mitarbeitern möchte er jedenfalls nicht zumuten zu entscheiden, wer sein Instrument beherrsche und wer nicht.

Schur gibt zu bedenken: „Was wäre, wenn ein Künstler, dem man das Spielen aufgrund mangelnden Talents verboten habe, vor Gericht klagt? „Dann müssten wir uns rechtfertigen“. Auch Dieter Schur weiß, dass die Straße für manch einen das Karrieresprungbrett bedeutet hat.

Dafür, dass Geschäftsleute und Anwohner genervt sind, wenn sie pausenlos die gleichen Stücke hören und der Interpret vielleicht nicht ganz so begabt ist, habe er hingegen tiefes Verständnis. „Gegen einen Obulus und die Auflage, nach einer bestimmten Zeit weiterzuziehen, ist nichts einzuwenden“.

Und was sagen die Grünen dazu? Als Koalitionspartner trägt man den Antrag aus der Feder der CDU mit. Ansonsten gibt sich die Fraktionsvorsitzende Ursula Wehrmann zurückhaltend. Sie formuliert mit Vorsicht, sagt, dass sie gespannt sei, wie die Umsetzung funktioniere und dass man abwarten müsse, wie sich eine Probe in der Realität darstelle.

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