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Die Musikschule hat einen Bildungsauftrag – der bisher aber nur wenigen Kindern aus armen Familien zugute kommt

Hängt Talentförderung vom Geldbeutel ab?

Hameln. Die Jugendmusikschule (JMS) hat einen öffentlichen Auftrag – und wird deshalb von der Stadt subventioniert. Möglichst viele junge Menschen sollen ein Instrument lernen können. Aber nimmt die JMS ihre gesellschaftliche Aufgabe wahr? Oder finanziert die Stadt nur das Hobby einiger weniger Kinder und Jugendliche?

veröffentlicht am 22.03.2016 um 18:04 Uhr
aktualisiert am 23.03.2016 um 07:39 Uhr

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Autor:

Andreas Timphaus

Hameln. Die Jugendmusikschule (JMS) hat einen öffentlichen Bildungsauftrag – und wird deshalb von der Stadt in jedem Jahr subventioniert. 2014 musste die Allgemeinheit insgesamt 543 891 Euro (54,42 Prozent) beisteuern, um das Defizit der Einrichtung zu decken. Im Vorjahr waren es nur knapp 30 000 Euro weniger. Die JMS soll junge Menschen an die Musik heranführen und möglichst vielen ermöglichen, ein Instrument zu lernen. Aber nimmt sie ihre gesellschaftliche Aufgabe wahr? Oder finanziert die Stadt durch die Subvention nur das Hobby einer kleinen Gruppe privilegierter Kinder und Jugendliche?

Diese Frage stellt sich in Zeiten einer leeren Stadtkasse immer wieder – und das durchaus aus gutem Grund. Bereits im November 2013 hatte die Piraten/Linke-Fraktion gefordert, dass bis 2016 ein Anteil von zehn Prozent bei den Hamelner Musikschülern erreicht werden soll, deren Beitrag aus dem Bildungs- und Teilhabepaket des Bundes und ergänzend aus weiteren Fördergeldern bezahlt wird.

Damals betrug der Anteil 4,3 Prozent. Heute sei er auf knapp 6 Prozent gestiegen, heißt es aus dem Rathaus. Zum Vergleich: Nach Angaben der Hans-Böckler-Stiftung lebt jedes fünfte Kind in Deutschland (19 Prozent) in einem Haushalt, der von Einkommensarmut betroffen ist.

2013 wurde der politische Antrag abgelehnt. Damals argumentierte die Stadt unter anderem, dass bei den Kooperationen mit den Kitas die Kinder und Jugendlichen ebenso wie bei den Bläserklassen des Schiller-Gymnasiums nicht direkt individuell bei der Musikschule angemeldet würden. Ein weiteres Problem: Die Entgelte für den Paul-Gerhardt-Kindergarten werden komplett ohne Elternbeteiligung finanziert. „Deshalb erhalten wir von den Eltern keine Auskunft bezüglich ihrer finanziellen Situation“, sagt eine Stadtsprecherin. Nach Einschätzung der Kindergartenleitung seien aber sicher Inhaber des städtischen Berechtigungsscheins sowie Bezieher des Bildungs- und Teilhabepakets darunter.

Geschwisterrabatt

gilt für arme wie reiche Familien

Wie viele Kinder aus finanziell benachteiligten Familien in der JMS tatsächlich unterrichtet werden, lasse sich nicht „sauber“ beantworten, sagt die Sprecherin. 2016 seien bisher 25 Gutscheine des Bildungs- und Teilhabepakets eingereicht worden. „Das ist für dieses Jahr noch keine abschließende Zahl, zumal die Gutscheine nicht durchgängig für zwölf Monate bewilligt werden“, sagt eine Sprecherin. 2015 waren es 30 Gutscheine, zu denen noch 16 Berechtigungsausweise hinzukamen. Diese werden auf Antrag im Bürgeramt ausgestellt. Bei Vorlage in der Musikschule erhalten Inhaber eines solchen Ausweises einen Nachlass von 50 Prozent gewährt.

Eine andere Möglichkeit, um finanziell schwächeren Familien musikalische Bildung zukommen zu lassen, ist durch eine Stiftung. Der Jakobinengroschen, der 1991 von Wilhelm Homeyer gegründet wurde, unterstützt ausgewählte Schüler. Stipendien werden jährlich vergeben. Im Jahr 2015 wurden nach Angaben der Stadt acht Familien, die 16 Kinder unterrichten lassen, durch die Stiftung unterstützt.

Zudem gibt es noch die Option, Ermäßigungen für Geschwister zu erhalten – dies betrifft aber arme wie reiche Familien gleichermaßen. 2015 wurde in 163 Fällen ein Rabatt gewährt. Laut Tarifordnung der Jugendmusikschule ergibt sich für das zweite Kind im Hauptfachunterricht eine Ermäßigung von 25 Prozent, für das dritte Kind ein Rabatt von 50 Prozent, für das vierte Kind 75 Prozent und ab dem fünften Kind 100 Prozent. Musikschulleiter Ulrich Schulz sind laut eigener Aussage derzeit eine Familie mit neun Kindern, von denen noch sechs an der Schule sind, sowie eine weitere Familie mit acht Kindern bekannt, von der momentan noch drei Minderjährige unterrichtet werden.

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