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Seit drei Jahren findet sich kein Pächter für das „Bürgerhus“

Für Millionen saniert – und nun leer

HAMELN. Es ist Anlaufpunkt bei jeder Stadtführung: das „Bürgerhus“ in der Kupferschmiedestraße. In den 1980er Jahren wurde der Prachtbau für mehrere Millionen Mark aufwendig saniert, gilt heute als Vorzeige-Objekt. Doch seit drei Jahren steht das „Bürgerhus“ leer – es findet sich einfach kein Pächter.

veröffentlicht am 16.06.2016 um 18:14 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 18:16 Uhr

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Wiebke Kanz

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Wiebke Kanz Reporterin (in Elternzeit) zur Autorenseite

Vor allem Touristengruppen versetzt das Haus in der Kupferschmiedestraße 13 regelmäßig in Staunen. Das Fachwerk! Die Farben! Die Verzierungen! Wollen wir nicht einen Blick hineinwerfen, vielleicht einen Happen essen? Spätestens an dieser Stelle setzt die Ernüchterung ein – denn das Haus an der Ecke Kupferschmiedestraße/Wendenstraße, das seit 1981 „Bürgerhus“ heißt, öffnet seine Türen nicht mehr. Auch nicht für Touristen.

Seit drei Jahren steht der Prachtbau in der Hamelner Altstadt leer. Die Stadt Hameln, der das Gebäude seit 1972 gehört, hatte den Pachtvertrag mit dem „Kartoffelhaus im Bürgerhus“ Ende Juli 2013 gekündigt – in derselben Woche, in der auch dem „Wienerwald“ gekündigt wurde. Im Oktober desselben Jahres wurde die Neuverpachtung ausgeschrieben. Doch es fand sich kein Interessent, der im „Bürgerhus“ wieder eine Gastronomie betreiben wollte. 2014 weichte die Stadt die Pachtbedingungen deshalb auf: „Jetzt schauen wir nicht mehr nur ausschließlich in Richtung Gastronomie, sondern sind auch für andere Gewerbe offen“, hieß es damals.

Als auch dies nicht zum gewünschten Erfolg führte, dachte die Stadt über einen Verkauf des historischen Gebäudes nach. Doch der Stadtrat machte einen Strich durch die Verkaufspläne: „Es besteht die Sorge, dass ein privater Eigentümer damit überfordert sein könnte“, erklärte ein Sprecher der Stadtverwaltung damals den Ratsbeschluss. Das Gebäude blieb in städtischem Besitz.

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  • Ein Bild aus der Restaurierungsphase: Drei Jahre dauerte es, das Haus aus dem Jahr 1560 in seinen ursprünglichen Zustand zu versetzen. Foto: Archiv
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  • Die Südseite des „Bürgerhus“ in der Kupferschmiedestraße vor der Freilegung der Fassade. Foto: Archiv
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  • Unter Schiefer, Holz, Putz und Kunststoff traten Fachwerkbalken aus dem 16. Jahrhundert zutage. Foto: Archiv
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  • Ansicht des Gebäudes vor Baubeginn. Foto: Archiv
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  • Ein Bild aus schlechten Tagen: So sah das „Bürgerhus“ aus, nachdem die Fassade freigelegt wurde. Foto: Archiv
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Im Spätsommer 2015 inseriert die Hamelner Stadtverwaltung das „Bürgerhus“ erneut. Dieses Mal fand sich ein Interessent – „der dann aber von dem Vorhaben wieder Abstand genommen hat“, sagt ein Sprecher der Stadt Hameln. Woran die Verpachtung scheiterte? „Die Gründe sind nicht bekannt“, heißt es. Es findet sich einfach niemand, der ernsthaftes Interesse an dem Gebäude mit 160 Quadratmetern Gewerbefläche für rund 80 Gäste, zuzüglich 70 Quadratmetern Wirtschaftsräumen und den zwei 109 und 80 Quadratmetern großen Wohnungen hat.

Dabei handelt es sich beim „Bürgerhus“ um ein Prestigeobjekt: Als die Stadt das Gebäude im Jahr 1972 kaufte, war von dem heutigen Fachwerk-Schätzchen noch gar nichts zu erkennen. Die Giebelseite ruhte verborgen unter einem Schieferbehang. Die Traufseite zur Wendenstraße hin war teilweise mit Schiefer verhängt, der Rest verputzt oder mit Brettern vernagelt. Über lange Jahre war das Haus bautechnisch nicht gepflegt worden und befand sich in einem bemitleidenswerten Zustand. Im Zuge der Altstadtsanierung wurde das Gebäude bauhistorisch untersucht – und es stellte sich überraschend heraus, dass es sich um ein sogenanntes Ackerbürgerhaus aus dem Jahr 1560 handelt, das einige einmalige architektonische Besonderheiten aufweist. So handelt es sich bei der Eckinschrift in lateinisch und gotischen Minuskeln um die längste erhaltene Hausinschrift in der Hamelner Altstadt.

Nach Freilegung der Fachwerkfassade wurde die damalige Arbeitsgruppe Altstadtsanierung aktiv. Anfang 1978 verabschiedete der Rat ein umfassendes Modernisierungskonzept für die Altstadt, das auch das Gebäude Kupferschmiedestraße 13 umfasste. Schon im August 1977 hatte die Bundesregierung 585 000 Mark Förderung zugesagt; so ging man zu Beginn der Restaurierung von einer Investitionssumme von einer Million Mark aus. Drei Jahre dauerten die Arbeiten; allein drei Monate dauerten die Entkernung des Hauses, die Arbeiten nur am Fachwerk ein gutes Jahr. In mühevoller Kleinarbeit modellierten und schnitzten Holzrestauratoren fehlende Teile nach und gaben allen hölzernen Zierstücken wieder neue Konturen. Auch die ursprünglichen Farben wurden auf der Grundlage von Untersuchungen am Bau wieder hergestellt. Man wollte, schrieb die Dewezet zur Eröffnung und Schlüsselübergabe an den neuen Pächter am 3. September 1981, „schließlich an der historischen Architektur möglichst nichts verändern und auch dort, wo Details nicht mehr zu erkennen waren, möglichst stilecht rekonstruieren“.

Am Ende kostete die gesamte Restaurierung 2,3 Millionen Mark. Das tat der Begeisterung keinen Abbruch: „An der Ecke Kupferschmiedestraße/Ecke Wendenstraße erstrahlt ein 421 Jahre altes Fachwerkhaus im neuen Glanz. Dieses Zeugnis niedersächsischer Fachwerkbaukunst ist wahrlich ein Schmuckstück der Hamelner Altstadt geworden“, schrieb die Dewezet damals.

Und heute? In den letzten Monaten habe es keine Anfragen von Interessenten gegeben, auch würden aktuell eine Gespräche mit potenziellen Pächtern geführt, heißt es auf Anfrage aus dem Rathaus. Aktuell sei die Stadt allerdings auch nicht auf der Suche nach einem Pächter für das „Bürgerhus“: „Wir haben intern festgelegt, dass die städtischen Immobilien, die zum Wohnen geeignet sind, in einem Pool von Unterkünften für Flüchtlinge geführt und als potenzieller Wohnraum zurückgehalten werden. Vor diesem Hintergrund und auch weil die bisherigen Verpachtungsversuche erfolglos waren, werden momentan keine Gespräche geführt. Nach der Sommerpause soll im Hause besprochen werden, wie es mit dem ,Bürgerhus‘ weitergehen kann und welche Lösungen möglich sind.“ Beide Wohnungen im „Bürgerhus“ sind also derzeit an den Landkreis vermietet, um dort Flüchtlinge unterzubringen. Der Gastronomiebereich bleibt weiter ungenutzt.

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