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Podiumsdiskussion über schrumpfende, alternde Stadt – und die Jugendlichen mischen sich ein

„Erst mal weg aus Hameln“

Hameln. „Auf die Menschen kommt es an!“ – mit diesem Slogan zum Thema Demografie war die dritte Hamelner Podiumsdiskussion zum Bürgerdialog „Hameln 2030 – Stadt mit Zukunft“ – überschrieben. Das hört sich gut an. Der Slogan klingt, als könne der stetige Bevölkerungsrückgang, der auf lange Sicht in Hameln unaufhaltsam voranschreitet, mit einem gemeinsamen Kraftakt bewältigt werden. Mit guten Ideen und Willen. Eingeladen hatte die Stadt für diesen Abend die Demografie-Expertin Professorin Ruth Rohr-Zänker und weitere Podiumsgäste. Und natürlich die Einwohner, also die Menschen, auf die es ankommt. Gekommen waren viele in die Räume der Fima Siegfried (früher hameln group): über 200 Gäste. Und im Vergleich zu den beiden vorhergehenden Veranstaltungen waren überdurchschnittlich viele junge Leute dabei – unter anderem Schüler aus drei Gymnasialklassen. Die jungen Menschen, also die, die für die Zukunft der Region besonders wichtig sind, spiegelten mit ihren Beiträgen auf bemerkenswerte Weise einen Teil der Probleme, die Hameln bereits hat oder künftig bekommen wird.

veröffentlicht am 09.02.2016 um 23:14 Uhr
aktualisiert am 13.06.2017 um 11:54 Uhr

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Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite

Da wären die beiden künftigen Abiturientinnen Wencke Himler und Jana Goltermann. Viele junge Leute wollen erst einmal die Welt kennenlernen, sich orientieren in größeren Städten, sagte Wencke Himler. „Auf jeden Fall erst mal weg aus Hameln.“ Einen Ausbildungsplatz vor Ort zu finden – sie sucht im medizinischen Bereich –, sei aber selbst für Abiturienten nicht einfach. Himler forderte außerdem, Jugendarbeit mehr zu fördern. Sie bestätigte damit einen Baustein eines von Rohr-Zänker beschriebenen Zukunftsszenarios: Hameln stehe zwar insgesamt nicht so schlecht da – etwas besser als der Landkreis, etwas schlechter als das Land Niedersachsen – doch die Stadt profitiere vor allem davon, dass viele Menschen vom Dorf in die Stadt ziehen und nicht davon, dass sie junge, gebildete Menschen binden kann.

Ähnlich, obwohl unter ganz anderen Vorrausetzungen, sieht es bei Ahmed Abuhusaini aus: Obwohl der Syrer, der in seiner Heimat im IT-Bereich tätig war, schon 30 Bewerbungen geschrieben hat, bekam er noch nicht einmal einen Praktikumsplatz, dabei würde er gerne in Aerzen bleiben. Er stand stellvertretend für die Gruppe von Migranten, durch die die Region einen Zuwachs erfahren könnte – wenn sie nicht vorher nach Hannover abwandert, um dort ihr Glück zu suchen.

Und dann wäre da noch Arne Glüsen, der auch während seines dualen Studiums in der Heimat verwurzelt war und nun für einen Job beim Landkreis zurückgekommen ist. Er steht für die Gruppe, in die die Kommunen nach Rohr-Zänkers Auffassung künftig besonders investieren müssen. Eine Meinung, die Podiumsgast Anna-Katharina Emmel, Vorsitzende des Stadtjugendrings, unterstützte.

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  • Professorin Ruth Rohr-Zänker, Marco Kempka, Moderator Clemens Klikar, Anna-Katharina Emmel und Lutz Reimann (v. li.). doro

Zänkers Empfehlung: Den unaufhaltsamen Prozess aktiv steuern. Dazu gehöre auch, öffentliche Leistungen zu hinterfragen und Prioritäten zu setzen. „Das führt zu schmerzhaften Einschnitten, aber so viel Wahrheit muss sein“, erklärte die Professorin, die in ihrem gut gegliederten Vortrag noch einmal alle Handlungsfelder der demografischen Entwicklung skizziert hatte.

Moderator Clemens Klikar verstand es gut, das Publikum und seine Podiumsgäste – mit dabei waren noch Marko Kempka, Geschäftsführer des Sana Klinikums, und Lutz Reimann, Geschäftsführer von Elektroma als großem handwerklichen Arbeitgeber im Landkreis, miteinander ins Gespräch zu bringen. Den Unternehmern ist es wichtig, das vorhandene Potenzial jugendlicher Arbeitskraft vor Ort zu halten. Noch könne er den Bedarf an Fachkräften in seinem Unternehmen decken, aber es werde schwieriger, so Reimann.

Der Appell eines jungen Mädchens aus dem Publikum, nicht nur auf schulische Bestleistungen zu schauen, sondern auch zu berücksichtigen, wie man sich sozial engagiert und identifiziert mit seiner Umwelt, erhielt – ebenso wie die anderen Beiträge der jungen Leute – viel Applaus. Rohr-Zänker beglückwünschte Hameln zu diesen Jugendlichen und hofft, dass dieser Dialog fortgeführt wird. Allerdings habe man auch gespürt, dass es der erste ist.

Sowohl Wencke Himler als auch Ahmed Abuhusaini konnten übrigens eine Visitenkarte von potenziellen Arbeitgebern mit nach Hause nehmen.

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