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Hans-Udo Führing und Samim Shojai eint, dass sie Flüchtlinge sind

Zwei Männer – ein Schicksal

Hessisch Oldendorf. „70 Jahre – und nichts gelernt?!“, fragt Hessisch Oldendorfs Bürgermeister Harald Krüger angesichts der gesellschaftlichen Polarisierung bezüglich der Flüchtlingspolitik und fährt fort: „Auch nach dem Krieg hat es funktioniert, selbst wenn die Probleme kaum lösbar schienen bei 60 Millionen Menschen, die ihre Heimat verloren – ein Viertel von ihnen Deutsche, vier Millionen zerstörter Wohnungen und Nahrungsknappheit.“

veröffentlicht am 16.11.2015 um 11:13 Uhr
aktualisiert am 14.12.2015 um 15:29 Uhr

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Autor:

von annette Hensel

Die Ansiedlung von Flüchtlingen bringe Chancen mit sich, sagt Krüger und betont, dass es für sie wichtig sei, sich nicht in allem anzupassen, sondern auch ihre Identität zu bewahren. „Das funktioniert, wie wir im Zusammenleben mit den Migranten der 70er und 80er Jahre erlebt haben“, erklärt er und sagt: „Nur wenn ich andere gut behandle, kann etwas Positives dabei herauskommen.“

Bei der Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag unter dem Motto „Flüchtlinge damals und heute“ greift der Bürgermeister auch die Ereignisse in Paris auf und wirft die Frage auf: „Was muss man tun, um dem Wahnsinn dieser Tage zu begegnen?“ Mit „Donna nobis pacem“ verleihen Bläser des Musikkorps der Hoffnung nach Frieden einfühlsam Ausdruck.

Bei der Gelegenheit berichteten auch zwei Männer über ihr Schicksal als Flüchtling. Auf den ersten Blick könnten sie unterschiedlicher kaum sein, doch sie haben mehr Gemeinsamkeiten, als man denkt. Hier erzählen beide aus ihrem Leben:

Hans-Udo Führing was fremd im eigenen Land

Ich bin ein Flüchtling“, erklärt Hans-Udo Führing, Jahrgang 1940. Seine ersten Lebensjahre verbringt er auf einem abgelegenen Gut in Hinterpommern, seinem „kleinen Paradies“. Erst 1945 schließt sich die Familie auf der Flucht vor den Russen einem Flüchtlingstreck an. „Das fand ich spannend“, erzählt Führing, weiß aber auch noch, dass er erschrickt, „als Soldaten einen Schuss abgaben, um an den Schmuck der Frauen zu kommen“. Von Stettin aus landet die Familie in einem Lager in Leipzig, einem mit Stroh ausgelegten Saal eines alten Ausflugslokals. „200 Menschen lebten dort unter einem Dach, am Kopfende jedes Schlafplatzes ruhten die wenigen Habseligkeiten, viele waren gereizt, jegliches Privatleben entfiel, Familienstreit wurde öffentlich“, erinnert sich Führing und ergänzt: „Ein Klima der allgemeinen Spannung entstand.“ Nach anderthalb Jahren kann die Familie das Lagerleben hinter sich lassen und eine kleine Wohnung in Leipzig mieten. Die drei Söhne besuchen die Barackenschule. „1950 sind wir über die grüne Grenze in den Westen gegangen und im Haus meiner Großeltern in Bielefeld eingezogen“, berichtet der Hessisch Oldendorfer. „Dort erlebten wir erstmals, dass wir nicht willkommen waren, weil wir ja Flüchtlinge waren.“

Schon durch die Sprache, „ein waschechtes Sächsisch“, sei die andere Heimat deutlich erkennbar gewesen. „Ich hatte keine Freunde, erlebte Anfeindungen und körperliche Angriffe – wir fühlten uns als Fremde im eigenen Land, waren verschrien, eben Flüchtlinge“, sagt Führing und gesteht: „Das Gefühl isoliert zu sein, hat sich tief in mich eingegraben, dabei weiß ich, dass hinter der Ausgrenzung kein Hass stand, sondern Angst, die den Menschen, die bis 1945 in geordneten Bahnen gelebt hatten, die Flüchtlingsströme machten.“ Als Führing einen Freund findet und einem Verein beitritt, kann er endlich ankommen. „Wir hätten viel voneinander lernen können in der schwierigen Anfangszeit“, lautet sein Resümee.

Heute hilft Samim Shojai selbst Flüchtlingen

Samim Shojai (27) stammt aus Afghanistan. Auch er ist ein Flüchtling, ein Asylsuchender. Bis 2014 lebt der studierte Informatiker mit seinen Eltern und den beiden Brüdern in Kabul. Er leitet eine Baufirma, die eine Anlage für die Nato und die Isaf errichtet – mit der Folge, dass er die Taliban gegen sich aufbringt, Drohbriefe erhält und sogar auf ihn geschossen wird. „Erst wollte ich nicht aufgeben, doch als auch an meine Privatadresse Drohbriefe geschickt wurden, musste ich meine Heimat verlassen, um meine Familie zu schützen“, sagt er.

50 Tage ist er alleine unterwegs, nur eine kleine Tasche trägt er bei sich, die ihm auf der Reise durch mehrere Länder aber abhandenkommt. „Im Januar 2015 bin ich in Hessisch Oldendorf angekommen und war sehr unsicher, was ich hier darf und was nicht, wie ich mit der Kultur umzugehen habe“, gesteht er und erinnert an eine Frage, die ihm damals unter den Nägeln brennt: „Wenn ich eine Wohnung suche, habe ich dann überhaupt eine Chance gegenüber einem deutschen Mieter?“

Samim Shojai hat Glück und trifft auf Menschen, die seine Integration intensiv begleiten: Arzt- und Behördengänge muss er nicht alleine bewältigen, auch bei der Wohnungssuche und -einrichtung wird er unterstützt und sogar ins Vereinsleben eingeführt. Im Deutschkurs macht er so schnell Fortschritte, dass er sich im Sommer für den Integrationslotsenkurs meldet und ihn erfolgreich abschließt. „Jetzt bin ich als Übersetzer in der Linsingen-Kaserne tätig“, berichtet er und fügt hinzu: „Sprachen zu lernen fällt mir nicht schwer und denen, die hier bleiben wollen, kann ich nur sagen: Die Sprache ist am wichtigsten.“ Nach zehn Monaten im Weserbergland fühlt sich Shojai „dank der Menschen, die mich begleiten, willkommen – nur mit solcher Unterstützung können wir es hier schaffen“, sagt er und ergänzt: „Ich vermisse meine Heimat, meine Familie, von der ich nicht weiß, wo sie jetzt wohnt – ohne Krieg wäre ich sofort wieder da.“

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