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Tag der offenen Tür in der inzwischen leeren Linsingen-Kaserne

Zu Gast bei … wem eigentlich?

HAMELN. Monatelang fragten sich die Hamelner, was dort wohl vorgeht, wie es sich dort wohl lebt hinter den hohen, dicken Mauern der Linsingen-Kaserne. Nun gab es einen Tag der offenen Tür – obwohl inzwischen keine Flüchtlinge mehr in der Erstaufnahmeeinrichtung leben.

veröffentlicht am 24.06.2016 um 19:24 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 18:14 Uhr

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Wiebke Kanz

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Wiebke Kanz Reporterin (in Elternzeit) zur Autorenseite

Was machen 126 Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes in einer leeren Kaserne? Was nach dem ersten Teil eines flachen Witzes mit noch flacherer Pointe klingt, fragen sich viele Hamelner in den letzten Monaten. Denn immer wieder drangen in dieser Zeit Zahlen aus dem Inneren des mit hohen Mauern umgebenen Geländes der Linsingen-Kaserne nach Außen – so abgeschottet die Erstaufnahmeeinrichtung für Hamelns Einwohner auch war. Ende März zum Beispiel meldete der Landkreis noch 250 Flüchtlinge in der Einrichtung, die zwischenzeitlich sogar 1500 Geflohene beherbergte. Ende Mai war es noch genau ein Flüchtling, der in der Linsingen-Kaserne wohnte. Inzwischen hat auch dieser die Erstaufnahmeeinrichtung verlassen. An der Mitarbeiterzahl änderte sich indes nicht viel: Im März versorgten 200 Angestellte des Deutschen Roten Kreuzes und einiger externer Dienstleister die noch verbliebenen 250 Flüchtlinge. Inzwischen wird die eine oder andere externe Firma nicht mehr benötigt, der Sicherheitsdienst ist personell heruntergefahren worden – doch 126 Personen arbeiten nach wie vor für das DRK in der Kaserne.

Also: Was machen 126 Mitarbeiter des DRK in einer leeren Kaserne? Um unter anderem diese Frage zu klären, hatten das DRK und der Landkreis Hameln-Pyrmont am Freitag zu einem Tag der offenen Tür auf das Kasernengelände eingeladen. Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius war gekommen, „Hausherr“ Tjark Bartels, Lieselotte Sievert, pädagogische Leiterin der Linsingen-Kaserne, sowieso. Der Landkreis sprach später auf seiner Facebook-Seite zwar von „großem Zulauf am Tag der offenen Tür der Familieneinrichtung Linsingen-Kaserne“ – tatsächlich hatten sich neben einigen Politikern und Offiziellen, Kasernen-Mitarbeitern und deren Familien und ehemaligen Bewohnern der Erstaufnahmeeinrichtung aber nur eine Handvoll Hamelner auf das Kasernengelände verirrt.

Diese hatten unter anderem – neben Getränke- und Bratwurstbuden, Glücksrad und Dosenwerfen, einer Hüpfburg, einem Fahrradparcours und Info-Pavillons von DRK, Jobcenter, Impuls und anderen – die Möglichkeit, sich von einem Kasernen-Mitarbeiter über das Gelände führen zu lassen. Dabei erzählte beispielsweise Jörg Vietmeyer, der seit dem 15. Oktober als Hauswirtschaftsleiter in der Linsingen-Kaserne arbeitet, von den Herausforderungen der letzten Monate: „Es gab Zeiten, da haben wir 3000 Mahlzeiten am Tag zubereitet“, sagt er etwa beim Rundgang durch die Mensa. Oder: „Die Kommunen, in die die Flüchtlinge von hier aus verteilt wurden, fanden es sehr gut, dass hier bereits der Umgang mit Waschmaschinen beigebracht wurde.“ Auch die Fahrradwerkstatt, den Verkehrsübungsplatz, das Nähcafé zeigt Vietmeyer: „Wir sind eine der wenigen Einrichtungen in Deutschland, die so etwas vorhält“, sagt er, „und dann macht man so eine Einrichtung einfach zu.“ Vietmeyer schüttelt ungläubig den Kopf.

Warum die Kaserne erst jetzt für Besucher geöffnet wird, wo keine Flüchtlinge mehr hier leben? „Ich denke, man wollte niemanden vorführen“, sagt der DRK-Mitarbeiter. Und um die Frage direkt zu stellen: Was machen 126 Mitarbeiter in einer leeren Kaserne? Vietmeyer: „Allein zehn Mitarbeiter sind täglich mit der Grünpflege beschäftigt.“ Daneben ist auch die Kinderbetreuung auf dem Kasernengelände noch in Betrieb, für die Kinder werde noch gekocht. Und viele Sozialarbeiter werden inzwischen außerhalb der Kaserne in den Städten und Gemeinden eingesetzt, bieten Sprechstunden an, organisieren Deutschkurse. „Und mit einem Info-Mobil fahren wir in die Kommunen, um direkte Hilfe zu leisten, etwa beim Ausfüllen von Anträgen“, sagt Vietmeyer.

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