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Um Flüchtlinge ranken sich mitunter bizarre Gerüchte

Zimmerservice und Prostituierte?

Es ist mittlerweile fast täglich Brot für die Redaktion: Geschichten über Flüchtlinge, die angeblich „wahr“ sind und über welche die Redaktion doch bitte einmal berichten möge. Ob per Mail, am Telefon oder auf Facebook – eins haben alle Gerüchte gemein: Sie nennen selten eine Quelle, woher die Information stammt. Geglaubt werden sie trotzdem oft nur allzu gern – weil sie offenbar ins zurechtgezimmerte Weltbild passen.

veröffentlicht am 15.02.2016 um 07:46 Uhr
aktualisiert am 18.02.2016 um 12:30 Uhr

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Autor:

von andrea tiedemann

Im Prinzip gibt es zwei Arten von Gerüchten über Flüchtlinge: Jene, die die Menschen selbst abwerten sollen, in dem negative Geschichten über sie erzählt werden. Und jene, die Empörung hervorrufen sollen, weil sie zeigen, dass Flüchtlinge offenbar über Gebühr gehätschelt und bedacht werden. Sozialneid ist offenbar eine starke Triebfeder.

Die Sache mit den Prostituierten

Besonders aufregend finden Gerüchte-Verbreiter offenbar die Vorstellung, dass Flüchtlinge regelmäßig kostenlos mit bezahltem Sex bedacht werden: „Flüchtlinge bekommen Gutscheine für den Puff.“ „Auf dem Gelände der Linsingen-Kaserne wurde ein Container mit Prostituierten aufgestellt.“ Oder auch: „Der Kreis zahlt Busse voller Prostituierter.“ Man bekommt ja fast den Eindruck, als sei da jemand neidisch … Der Landkreis teilt mit trockenem Humor mit: „Wir erbringen einige Leistungen für die Flüchtlinge, aber diese ist nicht im Budget.“ Kasernen-Leiter Wilfried Binder bestätigt, dass regelmäßig Busse auf das Gelände fahren. Allerdings nur, um Flüchtlinge vorbeizubringen oder für den Transfer in die Kommunen abzuholen. Neu ist das Gerücht übrigens nicht: In der schleswig-holsteinischen Gemeinde Kropp kam bereits Ende Januar das Gerücht auf, die Gemeinde bezahle Sexarbeiterinnen für Geflüchtete. Die wahre Geschichte ging allerdings anders: Drei Männer hatten in einer Caritas-Unterkunft Besuch von Prostituierten. Bezahlen mussten sie aber schon selbst. Und sie waren auch nicht mehr lange dort – Damenbesuch ist dort nämlich gar nicht erlaubt.

Die Sache mit den Handys

Auch beim Thema Geld ist der Neid groß – verständlich, wenn man selber nicht gerade ein dickes Portemonnaie hat. Ein richtiger „Klassiker“ in der Kategorie ist die Behauptung, alle Flüchtlinge bekämen bei der Einreise Handys geschenkt. Nicht nur in Hameln, sondern bundesweit ist davon zu lesen. Stimmen tut es aber trotzdem nicht. Alle Handys, die Flüchtlinge besitzen, haben sie entweder selber mitgebracht oder es sind private Geschenke von Freunden oder Spendern. Staat und Steuerzahler haben damit jedenfalls nichts zu tun.

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  • Das Leben in der Hamelner Linsingen-Kaserne ist weit weniger komfortabel, als Gerüchte glauben machen wollen. Dana

Die Sache mit dem Begrüßungsgeld

Auch bekommen Flüchtlinge kein Begrüßungsgeld oder mehr Geld als Hartz-IV-Empfänger, wie oft behauptet. Die Regel ist laut Landkreis so: Seit Januar bekommen Flüchtlinge in Erstaufnahmeeinrichtungen Taschengeld. Für einen alleinstehenden Erwachsenen sind dies 145 Euro monatlich. Ansonsten gibt es nur Sachleistungen: Essen, Unterkunft, Kleidung. Zieht der alleinstehende Flüchtling später in eine Wohnung, bekommt er einen Regelsatz von 364 Euro monatlich ausgezahlt. Zum Vergleich: Hartz-IV-Empfänger bekommen 404 Euro. Und auch die Dienstleistungen in der Kaserne sind nicht ganz so luxuriös, wie manche Hetzer auf Facebook viele Bürger glauben machen wollen: Nein, Flüchtlinge bekommen die Betten nicht gemacht, bestätigt Landkreis-Sprecherin Sandra Lummitsch. „Jeder Flüchtling ist in seinem Zimmer für Ordnung und Sauberkeit selbst verantwortlich, dazu gehört auch das Bettenmachen.“

Die Sache mit der Geheimhaltung

Wer so richtig in die Verschwörungstheorie von Presse und Behörden einsteigen möchte, dem dürfte das folgende Gerücht gefallen:„Menschen, die Dienstleistungen im Zusammenhang mit Flüchtlingen erbringen, müssen Geheimhaltungserklärungen unterschreiben, damit von den Geschehnissen nichts an die Öffentlichkeit dringt.“ Das sei „Blödsinn“, sagt Binder. Wie aber kommt es dann zu so einer Behauptung? Hintergrund könnte sein, dass alle Mitarbeiter des DRK bei Arbeitsbeginn eine Erklärung unterschreiben, in der sie sich verpflichten, keine Betriebsgeheimnisse auszuplaudern – ein übliches Verfahren in den meisten privaten Betrieben. Das bedeute aber nicht, dass die Mitarbeiter nicht darüber sprechen dürfen, was in der Kaserne passiere, so Binder. „Wir haben hier keine Geheimnisse.“

Die Sache mit dem geplünderten Penny

Um ein negatives Bild der geflüchteten Menschen zu zeichnen, geben sich die Gerüchte-Schöpfer besonders viel Mühe. „Flüchtlinge klauen im Penny an der Süntelstraße in einem Ausmaß, dass der weitere Betrieb der Filiale sich nicht mehr lohnt.“ Hui, das klingt dramatisch! Mal schnell nachgefragt beim Unternehmen: „Wir können in diesem Markt keinen signifikanten Anstieg an Ladendiebstählen feststellen“, sagt Marco Sandner, Sprecher der Rewe Group. „Die Behauptungen zur wirtschaftlichen Situation unseres Marktes entbehren somit jeglicher Grundlage.“ Puff! Da ist die Seifenblase geplatzt. Wer natürlich so richtig eingetaucht ist in die Verschwörungstheorie, wird einwenden, wir hätten alle einen Maulkorb und würden nicht die Wahrheit sprechen. Warum aber sollten gerade wir das tun – und die Gerüchte-Verbreiter nicht? Schließlich sind es die Hetzer, die ein eindeutiges politisches Ziel verfolgen.

Die Sache mit den Pfandflaschen

Was Flüchtlinge laut Gerüchteküche sonst noch so tun? Zum Beispiel Wasserflaschen ausgießen, um sich das Pfand zu holen. „Das Wasser wird in Thermen bereitgestellt, Flaschen befinden sich nicht in der Ausgabe“, teilt der Landkreis mit. Denkbar ist, dass einzelne Flüchtlinge alte Flaschen aus dem Müll fischen, den Rest wegkippen und das Pfand abholen. Das ist ohnehin ein Patentrezept für Gerüchte: Irgendjemand hat irgendetwas gesehen oder gehört, dann wird es zunächst einmal weitererzählt und ganz schnell wird daraus eine pauschale Aussage.

Übrigens: So originell war das Gerücht mit den Flaschen auch nicht. Das gab es nämlich auch schon in Bezug auf den Kaufland-Supermarkt in Höxter, wo Flüchtlinge zusätzlich noch Bananen aus dem Laden gegessen und die Obstabteilung verwüstet haben sollen. „Das Gerücht entbehrt jeglicher Grundlage“, sagt Christine Axtmann von der Kaufland Dienstleistung GmbH & Co. KG in Neckarsulm. Auch zahlt die Stadt Hameln nicht an Supermärkte, um die hohen Kosten, die durch Diebstähle von Flüchtlingen entstehen, zu decken. Und nein, auch geht Landrat Tjark Bartels nicht mehrmals die Woche mit vollen Lebensmitteltüten zu Penny, um irgendwelche vermeintlichen Schäden auszugleichen. Aber so weit ist es schon gekommen: Da kann der Landrat nicht mal mehr in Ruhe einkaufen gehen, ohne dass gleich die Gerüchteküche brodelt …

Die Sache mit den Toiletten

Dass für Flüchtlinge in Deutschland vieles fremd ist, ist klar. Daher schien auch dieses Gerücht vielen plausibel: „In der Kaserne wurden Toiletten heraus gerissen, weil Flüchtlinge diese nicht kennen.“ Der Landkreis versichert aber, dass „Flüchtlinge sehr schnell lernen, was eine Toilette ist und wie sie zu benutzen ist.“ Eine Demontage von Toiletten habe es noch nicht gegeben. In ähnlicher Form tauchte das Gerücht schon in Bielefeld auf: Hier soll ein Muslim eine Toilette aus dem Fenster geworfen haben, weil vorher ein Ungläubiger drauf gesessen hatte. Stimmte auch nicht.

Die Sache mit der Suppenschüssel

Dass gern das Bild des Rowdy-Flüchtlings gezeichnet wird, zeigte sich auch bei der Verbreitung eines angeblichen Videos aus der Kaserne, worauf ein verwüsteter Essensraum zu sehen war (wir berichteten). Der Verbreiter des Videos gab auf Nachfrage von Journalisten zu, dass er gar nicht genau wisse, wo das Video aufgenommen sei. Auch soll in Hameln eine DRK-Mitarbeiterin in der Kaserne in eine Suppenschüssel gestoßen und mit schweren Verbrennungen ins Klinikum eingeliefert worden sein. Eine Frau habe das im Bus erzählt, sagte eine Leserin – und nahm an, dass es eine Mitarbeiterin des Sana Klinikums ist. Aus erster Hand stammen die Gerüchte allerdings nie. Irgendwer hat sie meist von irgendwem gehört – wo die Information herkommt, ist unklar. „Nein, so einen Fall hat es nicht gegeben“, heißt es auch zum Verbrennungsfall vom Landkreis. „Anderenfalls wäre ein solcher Fall bekannt und wir hätten die Polizei alarmiert und eine Unfallanzeige erstellen müssen.“

Manchmal sind die Gerüchte sogar zum Schmunzeln. Die VW-Krise, so schrieb ein Facebook-Nutzer, sei ja nur erfunden worden, um von der Flüchtlingskrise abzulenken. In diesem Fall wünscht man sich doch fast, das Gerücht sei wahr.

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