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194 Flüchtlinge kommen in Hameln an – doch: Einige wollen nicht aus dem Bus steigen

„You are welcome!“

Hameln. Warten, warten, warten … Niemand weiß, wann die Flüchtlinge Hameln erreichen werden. Aus München kommen sie. Mit Bussen. Nur das ist bekannt. Eigentlich sollten sie schon gegen 4 Uhr morgens die Linsingen-Kaserne erreicht haben. Ehrenamtliche Helfer von DRK und Feuerwehr und vier Notärzte des Sana-Klinikums standen bereit. Das Technische Hilfswerk hatte den ehemaligen Exerzierplatz taghell ausgeleuchtet. Aber es tat sich nichts. Am Mittag meldete das Rathaus, 200 Kriegsflüchtlinge würden zwischen 16 und 18 Uhr in Hameln eintreffen. Wieder standen viele Helfer bereit, wieder hieß es: Warten, warten, warten.

veröffentlicht am 08.09.2015 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 18:16 Uhr

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Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite

Um 21 Uhr fällt die Entscheidung: Feierabend! Die Einsatzkräfte werden nach Hause geschickt. Das Innenministerium in Hannover könne sich nicht erklären, wo die Omnibusse abgeblieben sind, heißt es. Manch einer ist enttäuscht. Zwölf Minuten später die Überraschung. Ein Bus mit Erdinger Kennzeichen fährt durch das geöffnete Kasernentor. Daran hatte niemand mehr geglaubt.

An der Frontscheibe steht Hannover. Einige Flüchtlinge weigern sich, auszusteigen. Sie wollen nicht nach Hameln. Landrat Tjark Bartels spricht auf Englisch zu ihnen. Er erklärt, dass Hameln ganz in der Nähe von Hannover liegt, dass morgen alle offenen Fragen geklärt werden können. Aber eine Gruppe Männer protestiert. Ein Weißhaariger zeigt immer wieder auf das handgeschriebene Schild, das an der Windschutzscheibe des Reisebusses klebt. „Nein, das hier ist nicht Hannover, sagt er. Warum soll ich aussteigen?“ Manche wollen nach Hamburg, einige nach Dänemark und Norwegen. Dort leben Verwandte. Es wird diskutiert und gestikuliert. Bartels bleibt ruhig. Mit Engelszungen redet er auf die irritierten Flüchtlinge ein.

Dr. Jörg Meckelburg, Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes, geht in den Bus. „You are welcome!“, sagt er immer wieder. Und: „Wir sind hier, um Ihnen zu helfen.“ Aber ein harter Kern will den Bus nicht verlassen. Als der Arzt seine Stimme erhebt, folgen die Männer seiner Anweisung. Aber vor der Tür der Sporthalle geht die Diskussion weiter. Bartels spricht erneut mit den Flüchtlingen, wirkt beruhigend auf sie ein. Die vorsorglich informierte Polizei hält sich im Hintergrund.

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  • Viele Frauen und Kinder sind unter den Hilfesuchenden. ube

Derweil steigen Familien mit Kindern aus. Die Kleinen sind putzmunter, spielen miteinander. Nur die Eltern scheinen von der Flucht und der Busfahrt erschöpft. Eine Jugendliche weint.

20 Minuten später kommt der zweite Bus, kurz danach der dritte. 194 Frauen, Männer und Kinder werden am Ende gezählt. Sie kommen aus Syrien, Afghanistan, dem Suden, dem Kosovo und aus Ghana.

Vor den Ärzten und Sanitätern liegt eine lange Nacht. Die Hilfesuchenden müssen registriert und untersucht werden. Die Helfer tragen Atemmasken.

Bereits am Sonntagabend sind 93 Kriegsflüchtlinge in der Linsingen-Kaserne einquartiert worden. Sie fühlen sich dort wohl, sind dankbar für die Gastfreundschaft.

Eine Gruppe junger Männer spielt auf dem Sportplatz Fußball. Glücklich sehen sie aus. Die Syrer freuen sich, dass sie endlich in Sicherheit sind. Dass sie keine Angst mehr haben müssen vor Krieg, Terror und Polizeigewalt.

„20 Prozent der Hilfesuchenden sind extrem ausgemergelt und sehr geschwächt“, sagt Dr. Meckelburg. Viele seien über Tage Wind und Wetter ausgesetzt gewesen. Das sehe man ihnen an. Manch einer müsse unterwegs Hunger gelitten haben, meint der Chirurg.

Angekommen in Hameln: Dolmetscher Fahad Hudsch (li.) erklärt einer syrischen Familie, dass sie willkommen ist.ube

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