weather-image
Wenn jemand sein Heimatland verlässt, hat das Gründe – von Krieg über Verfolgung bis zu Armut

Wovor sind sie geflohen?

Der Flüchtlingsstrom nach Europa reißt nicht ab. Hameln hat in der alten britischen Linsingen-Kaserne nach Angaben des Deutschen Roten Kreuzes
bislang 691 Menschen aufgenommen. 685 haben angegeben, woher sie kommen. Wovor fliehen sie? Die Gründe sind vielfältig. Eine Übersicht.

veröffentlicht am 16.09.2015 um 11:17 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 12:59 Uhr

Woher kommen die Flüchtlinge in der Linsingenkaserne
Thomas Thimm

Autor

Thomas Thimm Stv. Chefredakteur zur Autorenseite

Syrien - Bürgerkrieg und Chaos

220 000 Tote, eine Million Verletzte, 11,6 Millionen Menschen auf der Flucht. Das ist die Bilanz des syrischen Bürgerkrieges im fünften Jahr. Was 2011 als friedlicher Protest gegen das Regime von Baschar al-Assad begann, hat sich zur schlimmsten Flüchtlingskatastrophe seit dem Völkermord in Ruanda entwickelt. Weite Teile des Landes sind zerstört, große Teile der syrischen Bevölkerung haben nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Impfstoffe fehlen und der Zugang zu ausreichend Trinkwasser ist nicht überall gesichert.

Afghanistan - Angst vor den Taliban

Auch nach dem Ende des 13-jährigen Kampfeinsatzes der Internationalen Schutztruppe Ende 2014 kommt Afghanistan nicht zur Ruhe. Die Taliban, andere bewaffnete Aufständische und die Warlords gewinnen wieder an Bedeutung. Nach Angaben der UNO war die Zahl der Zivilisten, die im Zuge des Konflikts getötet wurden, 2014 so hoch wie nie zuvor. Allein im ersten Halbjahr wurden laut Amnesty International 1500 Zivilisten getötet und 3000 verletzt. 2,7 Millionen Afghanen haben das Land verlassen, weitere 660 000 sind auf der Flucht.

Albanien -Europas Armenhaus

Große Armut, Korruption, organisierte Kriminalität, Diskriminierung von Minderheiten – all das macht das Leben in Albanien schwer. Das Pro-Kopf-Einkommen der Albaner liegt bei nur 27 Prozent des EU-Durchschnitts. Viel Geld verdienen nur die Drogenbanden: Nach Schätzungen liegt der Wert des Cannabis-Anbaus sogar höher als das Bruttosozialprodukt Albaniens.

Ägypten - Korrupte Herrscher

Machtmissbrauch, Korruption und Unterdrückung: In Ägypten herrschen 54 privilegierte Familien und von ihnen bezahlte Polizeikader. Sie reißen sich so ziemlich alles unter den Nagel und gehen mit Kritikern, Oppositionellen, Andersdenkenden und Journalisten ziemlich rabiat um: Wer nicht spurt, landet im Gefängnis. Die mühsam während der Revolution erkämpften Freiheiten verschwinden, das gesellschaftliche Klima im Land verschlechtert sich zusehends. Anfeindungen, Übergriffe und Gewalt vonseiten der Obrigkeit sind inzwischen alltäglich.

Irak - Hier wütet der IS

Im Irak wütet seit vielen Monaten die Terrormiliz Islamischer Staat – ihr Name ist Programm, die IS will einen ebensolchen errichten. Die IS-Kämpfer gehen mit äußerster Brutalität gegen Ausländer und Irakis vor. Deshalb flüchten die Menschen zunächst in den teils noch sicheren Norden des Landes: 600 000 Menschen sind in die kurdische Autonomieregion im Nordirak geflüchtet. Doch in dem nun seit vielen Jahren von Krieg und Bürgerkrieg erschütterten Land fehlen Perspektiven. Deshalb flüchten die Menschen nach Europa.

Iran - Schlimme Wirtschaftskrise

Iran leidet seit den letzten Sanktionen der USA und der EU von 2012 unter einer in seiner Geschichte beispiellosen ökonomischen Krise. Eine rasant steigende Inflation von zuletzt 40 Prozent, steigende Arbeitslosigkeit (die Hälfte der Hochschulabsolventen ist ohne Job) und die durch die Sanktionen ruinierte Erdölindustrie haben dazu geführt, dass das Einkommen eines großen Bevölkerungsteils unter die Armutsgrenze gefallen ist.

Pakistan - Korruption und Folter

General Pervez Musharraf regiert diktatorisch. Pakistan ist auf allen Verwaltungsebenen von Korruption durchzogen, Minderheiten werden tyrannisiert. Lynchjustiz, religiöser Extremismus und eine fortschreitende soziale Verelendung bilden eine unheilige Allianz. Regimekritiker und ethnische Minderheiten sehen sich Folter und Inhaftierungen gegenüber.

Eritrea - Grausamer Diktator

Die Menschen fliehen vor einer Diktatur. Ex-Rebellenführer Isaias Afewerki, der Eritrea 1993 in die Unabhängigkeit führte, regiert mit eiserner Hand: Der Militärdienst in Eritrea kann ohne Angabe von Gründen ein Jahrzehnt dauern, es gibt keine Meinungs-, keine Versammlungs-, keine Reisefreiheit. Der „falschen“ Religion anzugehören, endet mit Haftstrafen. Wer sich auflehnt, riskiert sein Leben. Amnesty International schätzt, dass zwischen 5000 und 10 000 Menschen aufgrund ihrer politischen oder religiösen Ansichten im Gefängnis sitzen.

Palästina - Angst und Druck

Hamas, Hisbollah und andere militante Organisationen setzen Palästinenser unter Druck, wenn sie sich weigern, sich ihnen anzuschließen. Einzelne palästinensische Flüchtlinge machen geltend, der Kollaboration mit Israel verdächtigt worden zu sein – sie befürchteten deswegen Lynchjustiz. Andere Palästinenser weisen auf ihre Lebensbedingungen hin: Es gebe keine Möglichkeit zur wirtschaftlichen Entfaltung. Im Libanon etwa unterlägen sie beruflichen Einschränkungen. Israels Sicherheitsmaßnahmen hätten zur Folge, dass sie ihren Arbeitsplatz nicht erreichen könnten – oder sie litten ganz unter Arbeitslosigkeit.

Bangladesch - Absolute Armut

Wer aus Bangladesch flieht, der tut das aus einem Grund: Armut. Bangladesch gehört zu den ärmsten Ländern der Erde – 32 Prozent der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze. Keine Arbeit, kein Einkommen, keine Zukunft. Ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung, besonders der Kinder, ist unterernährt. Und auch der Zugang zu sauberem Wasser ist nicht selbstverständlich.

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2017
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare