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Haverbecker finden ihre Ortschaft zu isoliert – für Flüchtlinge

„Wo soll Integration hier stattfinden?“

Hameln. In Haverbeck ist es ruhig, sehr ruhig. So ruhig, dass die Hühner auf der Straße spazieren gehen. Diese Ruhe wurde jäh unterbrochen durch die Pläne der Stadt, das Neubaugebiet „Auf dem Berge“ zu erweitern: Hinter modernen Einfamilienhäusern mit Spielgeräten im Garten soll sozialer Wohnungsbau entstehen. Für Deutsche, aber auch für Flüchtlinge. Sozialwohnungen direkt neben einer wohlhabenden Nachbarschaft – ein starker Kontrast.

veröffentlicht am 15.02.2016 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 18:14 Uhr

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Andrea-Tiedemann-Redakteurin-Lokales-Dewezet

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Andrea Tiedemann Reporterin zur Autorenseite

Holger Steinhoff hat in der Ortschaft 300 Unterschriften gegen das Vorhaben gesammelt und ist überzeugt, dass der Großteil der Bürger hinter ihm steht. Wie sehen es die Menschen, die in unmittelbarer Nachbarschaft zum geplanten Projekt wohnen? Dagmar Schuster wohnt seit elf Jahren dort – aus dem Fenster hat sie derzeit einen wunderbaren Fernblick über den Acker. Dass sie künftig auf „Schlichtbauweise“, wie die Stadt es nennt, schauen muss, behagt ihr nicht. Auch nicht, dass dann eine „bestimmte Klientel“ dort unterwegs sei. Sie hat auch unterschrieben, allerdings in erster Linie, weil sie nicht einsieht, dass nun das Gelände dort bebaut werden soll. „Wenn Flüchtlinge ein bereits bestehendes Haus beziehen, fände ich das in Ordnung“, sagt die 71-Jährige. Oder man den Bauabschnitt – wie ursprünglich geplant – mit Ein- und Zweifamilienhäusern bebauen würde. „Das ist hier einfach ein bisschen unpassend“, sagt Schuster, „nicht nur für uns – auch für die.“ Diese Meinung teile auch ihre „Klönrunde“.

Einer ihrer Nachbarn, der anonym bleiben möchte, fragt sich: „Wo soll die Integration hier stattfinden?“ Das Problem sei, dass in Haverbeck kaum Infrastruktur vorhanden ist, meint der 65-Jährige. Kein Supermarkt, kein Schlachter, keine Gaststätte. Und in der Tat ist auch mittags in der Woche wenig los auf den Straßen, ist bei etlichen Höfen niemand zu Hause – oder nicht zu sprechen. „Haverbeck ist ein Wohnvorort“, erklärt der Mann. Die meisten fahren tagsüber zum Arbeiten weg. Und weg komme man flexibel eben nur, wenn man auch ein Auto hat. Der Bus fahre stündlich, aber auch nicht zu jeder Zeit. Für Ämter- und Arzttermine sei das nicht praktikabel, meint er. Dass Flüchtlinge sich in die Gemeinschaft integrieren können, hält er für schwierig. Trotz Sport-, Gesangsverein und Freiwilliger Feuerwehr. Zudem ärgere ihn, dass man bei der Einrichtung des Baugebiets besonderen Wert auf ökologische Bauweise gelegt habe – das soll nun plötzlich keine Rolle mehr spielen angesichts der geplanten „Baracken“.

Dass Haverbeck eine „eingeschworene Gemeinschaft“ ist, bestätigt auch eine Frau aus der Ortsmitte. Sie ist erst vor wenigen Jahren hergezogen und noch immer hat sie nicht das Gefühl, viele zu kennen. Die Liste von Herrn Steinhoff habe sie unterschrieben – „leider“, wie sie ergänzt. Denn eigentlich sei sie in einem Zwiespalt, da sie sich auch in der Russlandhilfe engagiere. „Auf der einen Seite tun sie mir ja leid“, sagt die Seniorin über die Flüchtlinge, „aber sie könnten sich ein bisschen besser benehmen.“ Welche konkreten Erfahrungen sie gemacht hat, um zu solch einer Einschätzung zu kommen, möchte sie nicht sagen. Es ist also nicht nur die direkte Nachbarschaft, die das Projekt ablehnt – auch eine weitere Frau aus der Ortsmitte hält die „isolierte Situation hier in Haverbeck“ für nicht geeignet.

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  • Am Ende der Straße soll es weitergehen: Hier sind 16 Einheiten sozialer Wohnungsbau geplant. Fotos: ant

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