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Die Betreuung der alleinreisenden jungen Flüchtlinge ist eine Herausforderung

Wo sind die minderjährigen Flüchtlinge hin?

HAMELN. Die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge (UMF) in Europa steigt nach einem aktuellen Bericht von Unicef rasant an. Seit 2010 hat sich ihre Zahl verfünffacht. Im Landkreis Hameln-Pyrmont merkt man davon nicht viel. Von den 110 Flüchtlingen unter 18 Jahren, die 2015 in der Linsingen-Kaserne strandeten, sind vier in Gastfamilien untergebracht und nur neun in Jugendhilfe-Einrichtungen.

veröffentlicht am 28.06.2017 um 14:30 Uhr
aktualisiert am 28.06.2017 um 16:54 Uhr

Die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge steigt rasant an. Foto: dpa
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Einer wohnt im Wendepunkt, zwei in Bodenwerder und vier in der diakonischen Einrichtung Himmelsthür in Bad Pyrmont. Diese Plätze wurden vor zwei Jahren eigens für UMF eingerichtet, bald werden dort deutsche Jugendliche einziehen. Einen Run habe es 2015 auf die Inobhutnahme-Gruppe im Wendepunkt gegeben, sagt Kerstin Habenicht vom Landkreis. Viele seien aus der Region Hannover gekommen, weil es dort keinen Platz für sie gab.

Aber wo sind all die anderen unbegleiteten Minderjährigen geblieben? Derzeit werden zwar 107 junge Flüchtlinge vom Jugendamt betreut, allerdings nicht die, die 2015 angekommen sind. Das Hin und Her sei heute kaum nachvollziehbar, räumt Habenicht ein. Anfangs hätten die Jugendämter den Versuch gemacht, mit den Umverteilungen Schritt zu halten und sich auszutauschen. Doch es ist ein Kampf gegen Windmühlen.

Der überwiegende Teil der derzeit im Landkreis lebenden UMA wird von Mitarbeitern des Jugendamtes formlos betreut. Das bedeutet, sie leben mit Verwandten in einer Wohnung im Landkreis und das Jugendamt hält Kontakt. Alle haben einen Vormund.

Ein anderer Teil ist inwischen volljährig, Unterstützung brauchen die meisten dennoch. Möglich ist „Hilfe für junge Volljährige“ – wenn sie den Antrag selbst stellen.

Dass sie meist mehr brauchen als formlose Betreuung, liegt auf der Hand. Den Pubertierenden, die in einer ungewissen Zeit an einen ungewissen Ort kommen, bleibt kaum Zeit für alterstypische Identitätsbildung. Das schlagartige Erwachsenenwerden kombiniert mit vielfältigen Traumata hinterlässt Spuren: Rund die Hälfte entwickelt psychische Störungen, vor allem posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen und Angstsymptome, Entwicklungsprobleme und Trauerreaktionen, schreibt Esther Kleefeldt, Systemische Therapeutin in einem Psychossozialen Zentrum für Flüchtlinge und Folteropfer.

Eine Einschätzung, die Kerstin Habenicht und Britta Niemeyer-Geringswald, Betreuerin von UMF bei der Diakonie Himmelsthür, teilen. „Je jünger, desto schwieriger“, ist Habenichts These.

Immerhin: In Bad Pyrmont ist intensive Beziehungsarbeit aufgrund der kleinen Gruppe möglich, sagt Niemeyer-Geringswald. Therapieangebote fehlen dennoch. Stunden bei einem Psychotherapeuten sind – immer noch – Glückssache.

Die jungen Männer erzählen der Erzieherin inzwischen viel. Von Schleppern, Gewalt, auch eine erschütternde Geschichte von sexuellem Missbrauch ist dabei. Für den Betroffenen war sie so schlimm, dass er sie nicht einmal bei der Anhörung beim BamF vorbringen konnte, obwohl dass einiges erleichtert hätte beim Asylantrag.

Die Schützlinge von Britta Niemeyer-Geringswald sind dank der intensiven Unterstützung auf einem guten Weg: Zwei gehen weiter zur Schule, einer beginnt eine Ausbildung als Tischler, einer als Pflegeassistent (siehe linker Kasten). Obwohl die Hürden größer seien als für deutsche Jugendliche in Hilfeeinrichtungen, sei das Potenzial erheblich. Mit der entsprechenden Hilfe entwickeln viele UMF großen Ehrgeiz, so die Erfahrung von Habenicht und Niemeyer-Geringswald. „Das liegt sicher auch daran, dass mit einer Ausbildung, die Bleibeperspektive steigt“, sagt Habenicht.

Straffällig geworden ist übrigens bis vor einem halben Jahr noch keiner der UMF im Landkreis. Lediglich einer habe sich vor einiger Zeit einen Ladendiebstahl zuschulden kommen lassen, weiß Habenicht.

ESS als Startrampe: „Die Schule ist super“

Als Mohammad Hassani im Dezember 2015 nach Deutschland kam, war er 16 Jahre alt. 40 Tage hat die Reise des jungen Afghanen aus dem Iran. Dort lebte er die letzten 10 Jahre bei seinem Onkel. Mohammad ist Waise. Er ist zu Fuß, per Boot, Bahn und Bus gereist. Nach kurzem Zwischenstopp in München landete er in der Erstaufnahmeeinrichtung Linsingen-Kaserne. Allein und ohne Deutschkenntnisse.

Zwei Jahre später: Mohammad wohnt inzwischen in Bad Pyrmont, in einer Vierer-WG der Diakonie Himmelsthür. Er mag die Art der Deutschen. Im Iran sei er als Afghane oft diskriminiert worden. An der Elisabeth-Selbert-Schule (ESS) hat er seinen Hauptschulabschluss gemacht – mit einem Schnitt von 1,4. „Könnte besser sein“, sagt Mohammad. Er stellt hohe Ansprüche an sich. Mit einem Karteikartensystem hat er sich Deutsch beigebracht. Natürlich haben auch sein Fußballverein Inter Holzhausen, das deutsche Fernsehen und die Sprachförderklasse der ESS ihren Anteil. „Zum Glück waren keine Afghanen dort“, sagt, so habe er Deutsch sprechen müssen.

In der ESS habe er sehr viel gelernt, er findet die Schule „echt super“. Im August fängt er an der ESS eine zweijährige Ausbildung zum Pflegeassistenten an. Er hat beim Sommerfest in der Diakonie geholfen, das hat ihm gut gefallen. das Vorpraktikum absolviert er in der Eingliederungshilfe mit behinderten Menschen.

Einfluss auf seine Entscheidung hatte auch seine Lehrerin, mit der er lange Gespräche geführt hat. Sie habe in unter anderem auf die guten Chancen auf dem Arbeitsmarkt hingewiesen. Mohammad hat auf ihren Rat gehört und will sich, wenn er es schafft, zum Pfleger weiterqualifizieren.

Hätte ihm die Welt von Anfang an offen gestanden, hätte er gern Chemie studiert. Doch Mohammad hadert nicht, im Gegenteil. Seit er hier ist habe sich sein Schicksal gewendet: „Endlich habe ich mal Glück.“

Mein Standpunkt
Dorothee Balzereit
Von Dorothee Balzereit

Das Beispiel von Mohammad zeigt, wie eng erfolgreiche Integration mit qualifizierter Flüchtlingssozialarbeit verknüpft ist. Dann gelingt eben auch mal das, was nach Aussagen der Arbeitsagentur so gut wie nie passiert: Nämlich, junge Männer aus dem islamischen Kulturkreis in einen Beruf zu vermitteln, den sie sonst so nicht wählen würden.

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