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Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe – eine Bilanz

„Wir wollen die Helfer nicht alleinlassen“

Lügde. Auch, wenn die Anfangseuphorie nicht mehr da ist, gibt es in Lügde noch einige Initiativen in der Flüchtlingshilfe. Die ehrenamtliche Arbeit kann aber auch schnell überfordern. Umso wichtiger sind Kursangebote für die Helfer.

veröffentlicht am 30.03.2016 um 16:27 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:37 Uhr

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Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite

Lügde. Die Euphorie aus der Anfangszeit ist zwar weg. „Aber in Lügde gibt es gute, tragfähige Initiativen in der Flüchtlingshilfe“, sagt Armin Schauf. Der Mitarbeiter des Kreis-Integrationszentrums kommt viel herrum im Lippischen. Er kann vergleichen. Jetzt kennt er rund 20 der etwa 100 Lügder Helfer noch besser. Sie haben an einem von der Lügder Flüchtlingshilfe mit angeschobenem VHS-Kurs in der Johannes-Gigas-Schule teilgenommen. „Wir wollen die Helfer nicht alleinlassen“, sagt Claudia Guenther. Denn einfach sei die ehrenamtliche Unterstützung von Schutzsuchenden nicht.

„Viele rutschen in die Rolle von Sozialarbeitern“, sagt Armin Schauf. „Dabei fällt es ihnen aber schwer, ein Stückchen Distanz zu wahren.“ Darin liege eigentlich eine Stärke des Ehrenamts. „Aber wir wollen nicht, dass wir später Ehrenamtliche brauchen, die die ausgebrannten Ehrenamtlichen unterstützen.“

Ermüdung, die aus Unwissenheit entstehe, könne vermieden werden. Dass ein Helfer die schrecklichen Erlebnisse von Flüchtlingen, die er erzählt bekommt, nicht sofort verarbeitet, sei völlig normal. Wer jedoch deutlich länger mitleidet, kann Supervisionen in Anspruch nehmen. „Das bieten wir Ehrenamtlichen an.“

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  • Armin Schauf: „Die Integration der Flüchtlinge ist eine langfristige Aufgabe.“ Foto: pr

Für wichtig hält Schauf, dass die hauptamtlichen Mitarbeiter aus den Stadtverwaltungen und die Ehrenamtlichen Verständnis füreinander entwickeln. Runde Tische, wie Lügde einen hat, dienten dazu. Ziel sei eine möglichst enge Zusammenarbeit. Die unterschiedlichen Ausgangslagen – die einen machen ihren Job, die anderen werden aus mitmenschlichen Erwägungen aktiv – würden quasi automatisch Konfliktstoff bergen.

In dem Kurs war deshalb auch die Frage nach der Motivation wichtig: „Warum helfe ich?“ Beim einen ist es die Überzeugung, dass Integration nicht funktionieren kann, wenn man die Neuen sich selbst überlässt. Bei anderen gab die Flucht der eigenen Großeltern oder Eltern nach dem Zweiten Weltkrieg den Ausschlag.

So gehörte es auch zum Kurs, den Ehrenamtlichen Einblick in die Behördenstruktur zu geben. Schauf: „Die Mitarbeiter können nun einmal nicht rund um die Uhr da sein.“ Die Hauptamtlichen wiederum verstünden auch die Ehrenamtlichen nicht immer. „Sie betrachten sie quasi als unentgeltliche Mitarbeiter“, hat Schauf schon wiederholt feststellen müssen. „Aber das darf nicht sein.“ Ebenso sei es unglücklich, wenn Ehrenamtliche, die sich einmischen, als Störenfriede wahrgenommen würden. Gerade, weil in der Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Akteuren vielerorts „viel nicht optimal laufe“, sei gute Kommunikation untereinander das Wichtigste. Denn die Integration der Flüchtlinge sei eine langfristige Aufgabe.

Was Schauf grundsätzlich beobachtet: „Wie es funktioniert, hat viel damit zu tun, wie die jeweilige Kommune damit umgeht. „Es gibt solche, die sagen: ,Das ist ein doofes Problem, das wir jetzt auch noch bewältigen müssen.‘ Oder solche, die das als Herausforderung begreifen und angehen.“ Wo das so sei, klappe es besser. Abgesehen davon werde der Zuzug von Flüchtlingen zum Beispiel auch den Erhalt von Schulen ermöglichen, die sonst in ihrem Bestand gefährdet wären. „Und es macht auch was mit dem Ort“, ist Schauf überzeugt. Die Flüchtlingshilfe bringe auch Einheimische zusammen, die sich vorher nicht kannten.

Apropos: Wie begegnen die Helfer den Menschen, die so gar kein Verständnis für dieses Ehrenamt aufbringen? „Anfeindungen hat schon so mancher erlebt“, sagt Schauf. „Aber die sind den Helfern ziemlich wurscht.“ Und wenn’s im Umgang mit den Flüchtlingen selbst hakt? „Jeder Mensch ist anders. Manche sind zum Beispiel Machos, andere nicht.“ Solange ein Verhalten legal sei, müsse man das aushalten. Was Schauf sich wünscht: „Wir müssen weg von den Stereotypen. Es wäre gut, wenn es viel mehr Begegnungen gäbe.“

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