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Was die Polizeistatistik über Flüchtlinge und Kriminalität sagt

Wie sicher ist Hameln?

Hameln. Auch wenn die Zahlen offiziell noch nicht verkündet sind - ein erster Trend zeichnet sich in der Statistik ab: Entgegen der „gefühlten Bedrohung“gehen im Landkreis Hameln-Pyrmont Straßen- und Gewaltkriminalität leicht zurück. Die Qualität der Straftaten scheint jedoch eine andere zu sein, als noch vor einigen Jahren.

veröffentlicht am 20.01.2016 um 19:07 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:53 Uhr

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Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite

Dieser Tage hört und liest man viel von Flüchtlings- und Ausländerkriminalität, weiß aber nicht, was dran ist an Behauptungen und Schilderungen in sozialen Netzwerken. Bürgerwehren schießen wie Pilze aus dem Boden – auch in Hameln sollte am vergangenen Freitag eine gegründet werden.

Noch werden die Zahlen der Kriminalstatistik nicht veröffentlicht – der Innenminister soll sie als Erster verkünden können. Aber schon jetzt zeichnet sich ein Trend ab im Landkreis Hameln-Pyrmont. Nach Informationen der Dewezet wird die Polizeiführung in ein paar Wochen verkünden, dass die Straßen- und Gewaltkriminalität nicht angestiegen, sondern „leicht rückgängig“ ist.

Straßen- und Gewaltkriminalität „leicht rückgängig“

 

Allerdings wurden auch schwerwiegende Einzeldelikte registriert. Die Qualität der Straftaten scheint im Einzelfall eine andere zu sein, als noch vor einigen Jahren, denn: Immer mal wieder werden Menschen aus Personengruppen heraus auf offener Straße grundlos angegriffen, geschlagen, getreten und schwer verletzt. Am 12. Dezember wurde der Fall eines Touristen (31) aus Polen bekannt, der am Rande des Hamelner Weihnachtsmarktes von Männern, die türkisch oder arabisch gesprochen haben sollen, attackiert wurde. Das Opfer war stundenlang bewusstlos, wachte mit einem Schädelbruch im Krankenhaus auf (wir berichteten).

Es ist offenbar so, dass einige wenige Personen mit Migrationshintergrund, die allerdings schon seit vielen Jahren in Deutschland leben, für die eine oder andere Gewalttat verantwortlich sind. Mehrere Verdächtige hat die Polizei schnappen können. „Im Landkreis Hameln-Pyrmont stellen Gewaltdelikte, die von Flüchtlingen verübt wurden, bis dato keinen Tätigkeitsschwerpunkt dar“, stellt die Polizei fest.

Im vergangenen Jahr hat es in Hameln auch sexuelle Übergriffe auf Frauen gegeben. Im Spätsommer ereigneten sich zwei schwerwiegende Straftaten, die von der Polizei „als überfallartige Sexualdelikte“ bewertet werden. Sie sollen von einem 37 Jahre alten Asylbewerber aus Algerien begangen worden sein. Im ersten Fall griff der Mann, der als Flüchtling bereits der Gemeinde Emmerthal zugewiesen worden war, am frühen Morgen des 24. Juli unvermittelt eine 48-Jährige an und brachte sie zu Boden. Zu einem vollendeten Sexualdelikt kam es vermutlich nur deshalb nicht, weil Zeugen einschritten.

Etwa sechs Wochen später, am 30. August, soll der Mann erneut zugeschlagen haben (die Dewezet berichtete am 5. September). Er steht im Verdacht, in den frühen Morgenstunden in Bahnhofsnähe eine Frau (24) in einen dunklen Durchgang gezerrt und sich an ihr sexuell vergangen zu haben. Auch in diesem Fall schritten Zeugen ein. Der Tatvorwurf lautet: Vergewaltigung. Der Nordafrikaner sitzt in U-Haft, die Staatsanwaltschaft hat Anklage erhoben. Ähnlich gelagerte Taten sind hierzulande bislang so gut wie noch nie vorgekommen. „Eine derartige Begehungsweise ist die absolute Ausnahme“, sagt Kriminaldirektor Ralf Leopold.

Hartnäckig halten sich Gerüchte, wonach Flüchtlinge, die in der Linsingen-Kaserne untergebracht sind, den Penny-Markt an der Süntelstraße förmlich plündern würden. Das ist falsch. „Es ereignen sich in dieser Filiale nicht mehr Ladendiebstähle als früher“, sagt der Sprecher der Rewe-Group, Marco Sander. „Und es gibt dort auch keine Auffälligkeit, was die Täter angeht.“

Seit dem 5. November 2015 weist die Kriminalstatistik (Tatverdächtigen-Statistik) Straftaten aus, die von Flüchtlingen begangen wurden. In den vergangenen zweieinhalb Monaten wurden im gesamten Landkreis 13 Ladendiebstähle aktenkundig. Es gab allerdings noch andere Straftaten, die Flüchtlingen zur Last gelegt werden: 16 Körperverletzungsdelikte, drei einfache Diebstähle, ein Diebstahl aus Geschäftsräumen, eine räuberische Erpressung, fünf Bedrohungen, acht Betrugsdelikte, einen Hausfriedensbruch, eine schwere Brandstiftung, vier Beleidigungen beziehungsweise Verleumdungen, zwei Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz und einen unerlaubten Aufenthalt. „Zur Anzahl der von Personen mit Migrationshintergrund begangenen Straftaten kann derzeit noch keine Aussage getroffen werden, da die statistischen Daten noch nicht vorliegen“, teilt die Polizeiinspektion mit. Ein Anstieg der Straßenkriminalität sei aber nicht zu verzeichnen, insbesondere nicht im Bereich der sogenannten Rohheitsdelikte.

In der Linsingen-Kaserne, in der der fast 1000 Menschen aus verschiedenen Ländern untergebracht sind, hat es ebenfalls Straftaten gegeben. Sie sind in der Tatort-Statistik erfasst worden. Soll heißen: Es handelt sich sowohl um ungeklärte als auch aufgeklärte Delikte, die innerhalb der vergangenen viereinhalb Monate angezeigt wurden. Seit dem 1. September wurden dort 19 Körperverletzungsdelikte, darunter acht gefährliche Körperverletzungen, sieben Bedrohungsdelikte, eine Nötigung, drei einfache Diebstähle, ein schwerer Diebstahl, zwei Betrugsdelikte, zwei Hausfriedensbrüche, eine Brandstiftung, eine Beleidigung und ein Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz registriert. Das bedeutet nicht zwingend, dass jede Straftat von einem Flüchtling begangen wurde.

Zwei Fälle sorgten für Schlagzeilen. Der Übergriff auf eine aus Eritrea geflüchtete Frau ist offenbar aus sexuellen Motiven begangen worden. Das Opfer (45) hat ausgesagt, ein ebenfalls aus Eritrea stammender Mann (23) habe sie in der Kaserne mit Gewalt zum Sex zwingen wollen. Am Abend des 27. September soll der Verdächtige die 45-Jährige geschlagen und gewürgt haben. Aufgrund von „sprachlichen Barrieren“ hatte die Polizei zunächst nur „wegen gefährlicher Körperverletzung im häuslichen Bereich“ ermittelt.

Straftaten überwiegend auf Kasernengelände

 

Am 16. Dezember sollen zwei Asylsuchende (21, 26) ein Feuer in der Flüchtlingsunterkunft gelegt haben. Die Männer wollten auf diese Weise offenbar die Herausgabe ihrer Reisepässe beschleunigen, weil sie aus familiären Gründen rasch zurück in den Libanon reisen wollten. Die Männer sitzen in U-Haft. Ermittelt werde unter anderem wegen versuchter schwerer Brandstiftung, Nötigung und Bedrohung, heißt es.

Wie werden die Straftaten in der Kaserne von der Polizei bewertet? „Ein gewisses Maß an Kriminalität ist unbestritten vorhanden. Diese findet ganz überwiegend auf dem Gelände der Kaserne statt. Angesichts der hohen Anzahl untergebrachter Menschen ist diese quantitativ weiterhin auf einem niedrigen Niveau. Schwerere Delikte bilden bisher die Ausnahme. Bei den Taten handelt es sich häufig um Beziehungstaten zwischen Flüchtlingen.

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