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Vermietung der ehemaligen Britenhäuser ruft bei vielen Hamelnern Unmut hervor

Wie „bunt“ ist das Englische Viertel?

Hameln. Jung, bunt, weltoffen, Multi-kulti – so stellte der Landkreis im Dezember sein Wohnprojekt „Junges buntes Leben im Englischen Viertel“ vor. Nun gibt es keine Antwort mehr auf die Frage, wie viele Flüchtlingsfamilien im Englischen Viertel eingezogen sind – und viele Hamelner sind enttäuscht.

veröffentlicht am 07.04.2016 um 13:23 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 18:18 Uhr

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Wiebke Kanz

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Wiebke Kanz Reporterin (in Elternzeit) zur Autorenseite

Jung, bunt, weltoffen soll es werden, ein Quartier, in dem man nicht neben-, sondern miteinander wohnt: das Englische Viertel in der Hamelner Nordstadt. Bis Sommer 2014 von den in Hameln stationierten britischen Soldaten und ihren Familien bewohnt, sollen hier bald in 61 Reihenhäusern und Doppelhaushälften Flüchtlings- und Hamelner Familien unterschiedlicher Altersgruppen, alleinerziehende Eltern, Studenten und Auszubildende Tür an Tür leben. Bezahlbaren Wohnraum, Wohnflächen von 87 bis 109 Quadratmetern, drei bis vier Zimmer und Mietpreise von 324 bis 440 Euro, zudem ein familienfreundliches Umfeld und kulturelle Angebote, das biete „Junges buntes Leben im Englischen Viertel“, wie das Stadtteilprojekt heißt. Zudem Terrassen, Gärten, vorhandene Einbauküchen und Kellerräume.

Im Dezember, als es einen ersten Informationsabend für das Stadtteilprojekt gab, hatten sich der Landkreis Hameln-Pyrmont und die Stadt Hameln optimistisch gezeigt, alle Häuser bis April vermieten zu können. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte der Landkreis erst elf der insgesamt 61 Häuser von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) gekauft. Die anderen Häuser wurden – und werden noch – „nach und nach von der Bima zur Verfügung gestellt“, weswegen „sich auch die weitere Belegung noch hinzieht“, heißt es aus dem Kreishaus.

Aktuell stehen 29 Häuser im Bereich Haydnweg, Schwindweg und Ludwig-Richter-Weg zur Verfügung, 18 davon sind inzwischen bewohnt, teilt der Landkreis mit. Vier der insgesamt 61 Häuser sollen als Gemeinschaftsräume genutzt werden: Als „Weltcafé“, zum Beispiel, oder für die Tagespflege von Kindern. Noch im Dezember hatte der Landkreis bezüglich der Zusammensetzung der Bewohner im Englischen Viertel sehr genaue Vorstellungen: 37 Häuser, hieß es damals, sollten von Flüchtlingen und Flüchtlingsfamilien bezogen werden; die 20 übrigen Häuser stünden für Wohngemeinschaften von Studierende und „weitere Familien“ zur Verfügung. Wichtig sei, so heißt es, eine „bunte Mischung“.

Heute will sich der Landkreis nicht mehr dazu äußern, wie „bunt“ das Englische Viertel tatsächlich aktuell ist. „Im Vordergrund des integrativen Wohnprojekts Englisches Viertel stehen Vielfalt und Toleranz sowie ein multikulturelles Miteinander“, heißt es auf Anfrage. „Hier soll gemeinsam mit den Anwohnenden ein buntes, weltoffenes Zuhause wachsen. Die gemischte Belegung fördert die Integration und hilft dabei, soziale Brennpunkte zu vermeiden.“ Interesse des Landkreises sei es, eine ausgewogene Belegung zu erreichen, „bei der es letztlich weder auf Zahlen noch Herkunft und Religion ankommt sondern auf gute, unbefangene, ressentimentfreie Nachbarschaft“. Eine Aussage darüber, wie viele der bislang vermieteten 18 Häuser an Flüchtlingsfamilien vermietet sind, gibt es nicht.

Für die übrigen Häuser – elf stehen aktuell frei, weitere 28 seien „ momentan noch in der Pipeline“ – habe der Landkreis 25 Interessenten. Die Anfragen würden geprüft. Als Auswahlkriterien nennt der Landkreis: Offenheit gegenüber dem Projektvorhaben und Engagement-Bereitschaft und die genannte „bunte Mischung“ was Altersgruppen, Paarkonstellationen und Berufsgruppen angeht. Die Kreissiedlungsgesellschaft (KSG) nehme zudem eine Bonitätsprüfung vor.

An genau dieser Prüfung scheiterte die Bewerbung von Jennifer Gabriel um eines der Häuser. Die 26-Jährige suchte nach einer Vier-Zimmer-Wohnung für sich, ihre beiden Kinder und ihren Freund – eine junge Familie also, die eigentlich ins Portfolio passt. Als sie sich Anfang des Jahres bei der entsprechenden Koordinierungsstelle des Landkreises bewarb, sagte man ihr, die Chancen stünden 50 zu 50. Mit dem Zusatz: „Wenn sich bis Februar niemand meldet, können Sie das vergessen.“ Bis Februar meldete sich niemand – und Gabriel fragte nach. „Ich habe mich dann direkt an die KSG gewendet und wir wurden zu einem persönlichen Gespräch eingeladen“, berichtet die junge Frau. „Man erklärte uns, dass man ein Multi-Kulti-Viertel schaffen wolle, nach dem Gespräch hatten wir ein gutes Gefühl“, sagt sie. Doch zwei Tage später folgte die Absage: „Wegen eines negativen Schufa-Eintrags“, sagt Gabriel – und: „Außerdem sagte die Mitarbeiterin der KSG, dass alle Häuser schon weg seien.“

Ähnliches berichten weitere Interessenten – dies und ein Spaziergang durchs Viertel inklusive Blick auf die Klingel- und Briefkastenschilder erweckt bei vielen Hamelnern den Eindruck, der Landkreis habe die Britenhäuser von vornherein vor allem für die Unterbringung von Flüchtlingen nutzen, dies nur nicht öffentlich kommunizieren wollen. „Wir haben uns schon vor vier Monaten um ein Haus beworben. Die Aussage war: Wenn Sie bis Februar nichts von uns hören, wird das für sie nichts. Und was soll ich sagen: Niemand hat sich jemals wieder gemeldet von Landkreis Hameln-Pyrmont“, berichtet eine junge Mutter. „Wir sind echt enttäuscht.“

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