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Hamelner Schulleiter fühlen sich beim Thema Flüchtlinge allein gelassen

„Wenn wir nicht improvisieren würden …“

Hameln. „Wir betreuen uns selbst sehr gut“, sagt Werner Schmidt und lächelt verwegen. Die eigentliche Frage, die der Schulleiter der Hamelner Wilhelm-Raabe-Schule hatte beantworten sollen, war, ob er sich durch die Niedersächsische Landesschulbehörde gut betreut fühle. Direkt antwortet Schmidt jedoch nicht darauf – und doch ist seine Antwort vielsagend.

veröffentlicht am 02.10.2015 um 12:17 Uhr
aktualisiert am 12.01.2017 um 22:02 Uhr

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Wiebke Kanz

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Wiebke Kanz Reporterin (in Elternzeit) zur Autorenseite

Thema des Gesprächs zwischen Schmidt und der grünen Landtagsabgeordneten Anja Piel sind, wie so oft in diesen Tagen, die Flüchtlinge. Piel ist in die Schule an der Lohstraße gekommen, um sich ihr eigenes Bild vom Unterricht in einer Sprachlernklasse zu machen – 30 Schüler ohne oder ohne ausreichende Deutschkenntnisse werden nach offiziellen Angaben aus dem Rathaus an der Wilhelm-Raabe-Schule derzeit in zwei speziellen Klassen unterrichtet, es sind Schüler der Klassen 5 und 6 sowie 7 bis 10, sie sind unterschiedlich alt, haben die verschiedensten Muttersprachen und Bildungsstände. „Das Spektrum reicht von der syrischen Privatschule mit perfekten Englischkenntnissen bis zu völligem Analphabetismus“, sagt Schmidt.

Um den Kindern – deren mangelndes Verständnis der deutschen Sprache in vielen Fällen nach monatelanger Flucht nicht mal ihr größtes Problem ist – gerecht werden zu können, damit sie so schnell wie möglich in den Regelunterricht wechseln können, liegt die maximale Schülerzahl pro Klasse eigentlich bei 16. Und damit ist man auch schon beim Kern des Problems angelangt: Derzeit, berichtet Klassenlehrerin Kornelia Hamelmann, unterrichtet sie 18 Kinder in einer Klasse, Tendenz steigend. 9 der 18 Kinder kommen aus Syrien. Der Zuwachs ging so schnell, dass die Statistiken der Stadt ihn noch nicht einmal erfasst haben. „Beide Klassen sind rappelvoll“, sagt Schmidt.

Die Zahlen, wie viele Asylsuchende in den kommenden Wochen und Monaten bundesweit und in Niedersachsen erwartet werden, kann man fast täglich in der Zeitung lesen. Auch den Verteilungsschlüssel für die Landkreise und Kommunen kennt jeder, der sich von Amts wegen mit dem Thema befasst. „Dennoch scheint man in der Hamelner Bürokratie nicht in der Lage zu sein, auf ein Problem, das bekannt ist, vorbeugend zu reagieren“, sagt Schmidt.

In Hannover wurde die Zahl der Förderklassen für Kinder ohne Deutschkenntnisse bereits vor Beginn des Schuljahres von 21 auf 36 erhöht, dort rechnete man die Schülerzahlen frühzeitig hoch. Wie kann ein Kind, das kein Deutsch spricht, seine Schulpflicht sinnvoll wahrnehmen? In Hameln befassen sich die zuständigen Stellen derzeit mit dieser Frage erst dann, wenn das Kind bereits auf der Schulbank sitzt: Die Schulen melden ihren Bedarf an der Einrichtung einer neuen Sprachlernklasse – dafür braucht es Räume, Lehrer, Geld – an die Landesschulbehörde, und die tut, was sie kann, und so schnell sie es eben kann. Die Einrichtung einer Sprachlernklasse am Schiller-Gymnasium nach den Osterferien dauerte sechs Wochen; das gerade begonnene Schuljahr hat nur 38 Wochen. „Keine Ahnung, was die Kinder in der Zwischenzeit tun sollen“, sagt Schmidt.

„Wir brauchen eine administrative Spitze“, mahnt der Schulleiter. „Wenn wir im Moment nicht improvisieren würden, würden wir heillos untergehen.“ Diese Improvisation sieht so aus: Die Schulleiter aller Hamelner Schulen, an denen es Sprachlernklassen gibt – das sind die Grundschulen Rohrsen und die Klütschule, die Theodor-Heuss-Realschule, das Schiller-Gymnasium und eben die Wilhelm-Raabe-Schule – treffen sich regelmäßig, um die Probleme schnell und unbürokratisch selbst zu regeln. Kornelia Hamelmann wählt als Koordinatorin für die Sprachlernklassen den kurzen Dienstweg, um Schüler kurzfristig an anderen Schulen unterzubringen. Zur Not werden Kinder frühzeitig aus dem Förderunterricht genommen und in Regelklassen untergebracht, um Platz für andere zu machen.

Dabei ist die Sprachförderung wichtig, wie man im Unterricht merkt: Erst vor zwei Wochen zum Beispiel kam Aland an die Raabe-Schule. Wie viele seiner Mitschüler kommt der zwölfjährige Junge aus Syrien, sprach vor seiner Flucht vor dem Bürgerkrieg kein Wort Deutsch. Nun kann Aland sich bereits vorstellen, ohne zu stocken, von seinen Eltern erzählen, seinen Brüdern und Schwestern, Verben konjugieren. Aland findet Anschluss, Freunde, wird bei dem Tempo, das er vorlegt, und dem Arbeitseifer, den er zeigt, schon bald einen ganz normalen Schulalltag haben.

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