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Reportage über das Leben in der Linsingen-Kaserne

Von Puffer mit Apfelmus …

No pork, kein Schweinefleisch, steht auf einem Schild an der Essensausgabe. Doch das war am Anfang anders. Tag für Tag lernen die über 800 Menschen auf dem Gelände der Linsingen-Kaserne voneinander – Helfer von Flüchtlingen und umgekehrt.

veröffentlicht am 17.09.2015 um 09:25 Uhr
aktualisiert am 06.10.2015 um 11:46 Uhr

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Autor:

von Birte Hansen

Kurz will Hektik hinter den großen Edelstahltresen aufkommen, als unten Wasser herausläuft und sich auf dem Fußboden sammelt. Fünf Männer und Frauen stehen im Kreis, gucken nach unten, beraten, ein Helfer mit blauer Jacke läuft los und holt einen Feudel und Schrubber. In 20 Minuten soll hier das Essen an die Flüchtlinge ausgegeben werden, bis dahin gibt es noch genug zu tun. Nasse Füße und Rutschgefahr kann jetzt keiner gebrauchen. „Kannste mal mitkommen“, ruft eine Frau rüber. Brigitte Notbohm bittet ihren Mann Gerhard energisch zu sich. „Is’ jetzt wichtig!“ Seit Sonntag rotiert das Ehepaar für das DRK in der Linsingen-Kaserne. Heute ist Freitag. Auch Sohn Marcel hat mit angepackt.

In der Kantine, in der vor gut einem Jahr noch Engländer gegessen haben, riecht es nach Jahrmarkt. Genauer gesagt zieht der Duft von Kartoffelpuffer langsam aus der Großküche nach vorne zur Ausgabe. 2600 Puffer werden frittiert, dazu gibt’s Apfelmus und Kräuterquark. Für viele dürfte das heute der erste Kontakt mit diesem Gericht werden. „Am Anfang gab’s auch noch Schweinefleisch“, hatte der Ärztliche Leiter des Rettungsdienstes, Dr. Jörg Meckelburg, erzählt. „Wenn Sie Hunger haben!“ Ja, natürlich, irgendwann ist Hunger stärker als Religion. Das kann kein Gott, kein Prophet übelnehmen. Auch im Koran bilden „Zwangslagen“ eine Ausnahme.

Wichtig bleibt der eigene Glaube aber auch fern der Heimat oder wird als Halt noch wichtiger. Gebetsräume sind schon eingerichtet, erzählt Meckelburg. Vergangenheit und Kultur sind mitgeflohen. Dass das auch Probleme zwischen Flüchtlingen verursachen kann, wurde vor zwei Wochen in der Unterkunft im thüringischen Suhl deutlich. Dort gingen Flüchtlinge aufeinander los, nachdem ein jüngst zum Christentum konvertierter Afghane Seiten aus dem Koran herausgerissen hatte. Manchmal aber sind die Probleme viel trivialer.

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  • DRK-Helfer geben das Essen aus. Mittlerweile sind die Geräte der alten Mensa in Betrieb, anfangs wurde noch in zwei Feldküchen gekocht. Was fehlt, sind Großküchen-Geräte wie Konvektomaten.
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  • Der Draht muss weg. Axel Hasler (li.) und Karl Heinz Hölscher erledigen den Auftrag des Landkreises. Es soll nicht aussehen wie im Gefängnis.
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  • Eine Familie aus Syrien beim Mittagessen in der Linsingen-Kaserne. Brot wird zu jedem Gericht gereicht. fo (4)

„In Syrien verstopft Papier die Klos“, sagt Dr. Meckelburg zur Erklärung. Da ist es nur logisch und „höflich“, dass die Menschen in der Kaserne benutztes Klopapier auf die Fensterbank legen, anstatt es runterzuspülen. Jetzt ist die Präsentation, die in der Turnhalle auf den Fernsehern an der Wand läuft, um jenes Bild ergänzt worden, das erklärt: Klopapier gehört ins Klo. Und Zucker gehört in den Tee. Reichlich.

„Noch’n Teebeutel, noch einer, noch einer“, erzählt Gerhard Notbohm in der Mensa von den für ihn ungewohnten Gewohnheiten der Menschen aus Syrien, Irak, Afghanistan. Tee gehört stark und süß. Und Schweinefleisch sollte, wenn möglich, auch nicht sein. Inzwischen wird es nicht mehr angeboten, handgeschriebene Zettel verkünden auf Arabisch und Englisch an der Essensausgabe: „Ohne Schweinefleisch.“ Qubay Awad versichert das auch immer wieder und beantwortet die Frage der Flüchtlinge: „Was gibt’s zu essen?“ Der junge Mann stammt aus Syrien, kam vor acht Monaten mit Visum nach Deutschland, studiert und springt jetzt als Mitglied der Bereitschaft des DRK Clausthal-Zellerfeld für 24 Stunden in Hameln ein. Sein Deutsch: weit besser als das vieler Menschen. Beeindruckend. Beeindruckend auch die Frequenz, mit der voll beladene Autos vor dem Gebäude halten, in dem früher die Militärpolizei untergebracht war.

Der fast schon zur Floskel verkommene Satz „Die Hilfsbereitschaft ist groß“ erfährt hier sein Ausrufezeichen. „Groß“ ist eine abstrakte Beschreibung dessen, was einen in den Räumen der Annahme überwältigt. Der Flur ist bis auf einen mannsbreiten Gang zugestellt mit blauen Säcken. Der Weg in den Raum, in dem die gespendete Kleidung für Männer gesammelt wird, führt über eine Hürde aus Säcken. „Die kaputten Sachen kommen noch dahinten hin für den Reißwolf, oder?“ fragt eine Helferin laut durch den Raum. Schlucken. Spenden für den Reißwolf? Ja, auch. Nicht alle Klamotten werden an die Flüchtlinge verteilt. Einige seien so dreckig oder kaputt und nicht zu gebrauchen. Wie auch in weniger akuten Situationen landen daher Sachen im Reißwolf, werden weiterverarbeitet und am Ende zu Geld für die Hilfsorganisation. Damit würden ja auch Mitarbeiter bezahlt, lautet eine Erklärung. Und andere Hilfsgüter angeschafft. Die meisten Spender liefern Brauchbares an, einzelne aber entrümpeln auf diesem Weg ihren Haushalt. „Unglaublich, was da teilweise abgegeben wird“, sagt eine Frau, die sich freiwillig zum Sortieren gemeldet hat.

Mercedes, Golf, Polo, Transporter, BMW X3 – die Spender stammen aus allen sozialen Schichten. Wie auch die Flüchtlinge. „Viele könnten mit ein bisschen Unterstützung in einem Jahr Steuern zahlen“, fasst Dr. Jörg Meckelburg zusammen, was er über die Flüchtlinge erfährt, von denen sich gerade knapp 30 vor der Tür zur Kleiderausgabe in der Turnhalle aufstellen. So viele gut Ausgebildete seien dabei, etliche mit abgeschlossenem Studium. „Die sitzen dann irgendwann in einem Deutschkurs mit Analphabeten zusammen“, sinniert der Arzt über Schicksale.

Anstehen, warten, wieder mal. Hier, unmittelbar vor der Kleiderkammer, riecht es streng. Viele Flüchtlinge tragen ihre Kleidung seit Wochen, seit Monaten. Mehrmals täglich zu festen Zeiten öffnet sich die Tür. Zur Kleiderabgabe werden immer nur kleine Grüppchen reingelassen, um Chaos zu vermeiden. Immer noch werden warme Männersachen benötigt, wie die Internetseite weserbergland-hilft.de tagesaktuell listet. In den schmalen Größen S und M – viele Männer kamen dünn, dürr, ausgemergelt in Hameln an. Auch Umstandskleidung wird dringend benötigt für die Frauen, die ihr Baby nicht auf der Flucht verloren haben.

Wo vor zwei Wochen, als erstmals Flüchtlinge auf dem einstigen Exerzierplatz aus Bussen stiegen, eine Mischung aus Beklemmung und Erleichterung zu spüren war, herrscht heute entspannte Normalität. Soweit in einem Ausnahmezustand, wie dieser einer ist, die Rede von „normal“ sein kann. DRK-Helfer trinken ihren ersten Kaffee des Tages im Stehen in der Sonne, versammeln sich langsam zur Besprechung, ein kleiner Junge schiebt hilfesuchend einen Roller zu den Männern in den Rot-Kreuz-Jacken. Endlich machen nicht mehr Hunger, Granaten, Durst, Kälte, Schmerzen und Angst ums Überleben zu schaffen, sondern gerade ist es ein in einem sicheren Land ärgerliches Kinder-Problem: ’n Platten! Ein Helfer kommt auf ihn zu, „ich habe einen Schlauch und eine Pumpe gefunden“ und begleitet den Jungen zur Lösung.

Wenige Meter weiter klacken Bälle. Auf dem Hartplatz im Käfig spielen Männer und Jungs Cricket. Einfache Holzbretter dienen als Schläger. Ein anderes Team kickt und wirft Basketbälle, während sich auf dem Dach des ehemaligen Hauptquartiers zwei Männer mit einer großen Flagge abmühen. Die des THW flattert schon am Fahnenmast, die des Roten Kreuzes, größer, wird gehisst. Ein Mann des Sicherheitsdienstes steht mit ernstem Gesicht und Becher in der Hand alleine. Er und seine Kollegen am Haupttor haben gut zu tun. Ständig will irgendwer rein. „Auf keinen Fall machen Sie hier Fotos!“ hieß es kurz. „Doch, alles geklärt.“ Zuständigkeiten müssen sich einspielen, Regeln festgelegt werden. Wer darf zu welchem Zweck rein, wer nicht – eine Gratwanderung zwischen Freiheit der Flüchtlinge und ihrer Sicherheit. Der Nato-Draht wird gerade im Auftrag des Landkreises von der Mauer entfernt, um den Gefängnischarakter loszuwerden. Trotzdem: Salzhemmendorf macht wachsam, oder auch Menschen, die schnell mal völlig überteuerte Telefonkarten und vermisste Zigaretten an dankbare Menschen verticken wollen. Beides wurde dem Mann kurzerhand abgenommen und einfach an die Flüchtlinge verteilt.

„Scht! So! Wir machen jetzt auf. Seid Ihr bereit?“ Alle bereit. Auch in die Mensa werden die Menschen grüppchenweise hineingelassen, Wohnblock für Wohnblock, sechs Kinder kommen als erstes rein. Drei Frauen und zwei Männer verteilen das Essen. Hinten, in der Küche, fallen die nächsten Puffer ins Fett, Fünf-Liter-Dosen mit Apfelmus stehen bereit, Paletten mit Wasser werden durch den Gang durchgeschoben – „wir hatten mit Kohlensäure gekauft, aber das trinkt hier keiner“ – und wo früher geschlachtet wurde, wird jetzt rund um die Uhr Kaffee gekocht, quasi das Grundnahrungsmittel aller Ehrenamtlichen, die zu Hunderten anpacken. Es ist 14.15 Uhr – auch diese Zeit musste gelernt werden. „Am ersten Tag waren wir um 12 Uhr fertig“, erzählt Gerhard Notbohm lachend. Gute deutsche Mittagszeit, „pünktlich, pünktlich“, versus Abendland-Kultur. Jetzt gibt’s um 14 Uhr Mittag und um 20 Uhr Abendessen. Anpassung andersrum. Da ruft jemand an der Getränkeausgabe um Hilfe: „Zucker ist alle!“

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