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17 Schüler an der Handelslehranstalt dabei

Sprint-Projekt macht junge Flüchtlinge fit für den Beruf

Hameln. Wie kommen junge Flüchtlinge in Arbeit? Diese Frage beschäftigt Politik und Wirtschaft – aber auch die berufsbildenden Schulen. Beim „Sprint“-Projekt an der Handelslehranstalt in Hameln werden 17 nicht mehr schulpflichtige Asylbewerber seit Februar auf die Berufswelt vorbereitet. Ein Unterrichtsbesuch in einer etwas anderen Schulklasse.

veröffentlicht am 09.05.2016 um 09:04 Uhr
aktualisiert am 11.05.2016 um 12:37 Uhr

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Autor:

Andreas Timphaus

15 Uhr in einem Klassenraum an der Handelslehranstalt (HLA) in Hameln: Adel (21) ist an der Reihe. Kathrin Harting zeigt auf ihr linkes Knie. „Wie heißt dieses Körperteil?“, fragt die Lehrerin. Der Sudanese zögert. Er kratzt sich an der Stirn, legt dann seine Hand ans Kinn und sagt unsicher: „Kopf?“ Die Mitschüler feixen. Dann lacht auch Adel – und selbst Harting kann sich ein Schmunzeln nicht mehr verkneifen. Beobachter merken schnell, dass es sich hier nicht um eine normale Unterrichtsstunde handelt. Seit Februar werden junge Flüchtlinge, die nicht mehr schulpflichtig sind, an der berufsbildenden Schule sprachlich gefördert und auf die Arbeits- und Lebenswelt in Deutschland vorbereitet.

Ludger Bruns hat das Projekt ins Leben gerufen. Die Idee, sich als Schule in der Flüchtlingshilfe zu engagieren, kam dem Lehrer während eines Telefonats mit einem Bekannten, der von seinem Besuch in der Linsingen-Kaserne berichtete. Zeitgleich setzte die niedersächsische Landesregierung ein Sprach- und Integrationsprojekt – kurz Sprint genannt – auf. Bruns machte bei seinen Kollegen Werbung für die Idee – mit Erfolg. „Das Projekt hat sich aus dem Kollegium heraus entwickelt“, sagt er. Die Lehrer gingen motiviert ans Werk, erstellten Arbeitspläne. Freiwillige meldeten sich als Lehrkräfte und ein Antrag beim Kultusministerium wurde gestellt.

Doch schon vor dem Start drohte das Projekt ein schnelles Ende zu nehmen. Die HLA versuchte, über die Stadt Kontakt zu Flüchtlingen mit Bleiberecht aufzunehmen. Doch es gab Probleme mit dem Datenschutz. Zunächst meldeten sich nur sieben Personen – und viele weitere Familienmitglieder, die aber nicht den Vorgaben entsprachen. „Das war frustrierend“, gesteht Bruns. Über die Arbeitsagentur, das FiZ sowie Mundpropaganda klappte es schließlich deutlich besser. „Am Ende mussten wir sogar 25 Bewerber abweisen“, berichtet Lehrerin Irmi Spangenberger.

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  • Lehrerin Kathrin Harting notiert Sätze an der Tafel. Der „Sprint“-Unterricht ist lebendig, die Schüler sind sehr motiviert. Fotos: Dana

Seit Februar erhalten nun 17 junge Asylbewerber zwischen 16 und 21 Jahren, die nicht mehr schulpflichtig sind, 25 Stunden in der Woche Unterricht. Er findet nachmittags statt und soll sich eigentlich mit den drei Modulen Spracherwerb, regionale Kultur- und Lebenswelt sowie einer Einführung in das Berufs- und Arbeitsleben beschäftigen. „In erster Linie ist es aber Deutschunterricht, weil wir gemerkt haben, dass es sonst nicht funktioniert. Die Sprache ist der Schlüssel. Zudem suchen wir derzeit den Kontakt zu Unternehmen und Firmen, die uns unterstützen wollen“, sagt Spangenberger.

Das Projekt läuft an mehreren Schulen im Weserbergland

Niedersachsenweit läuft das Sprint-Projekt an 78 Schulen. Auch an den berufsbildenden Schulen in Stadthagen, Holzminden, Rinteln und Springe sowie der Elisabeth-Selbert-Schule in Hameln werden junge Flüchtlinge auf die Arbeitswelt vorbereitet. Das Besondere an der HLA ist, dass hier der Unterricht von Lehrern und Schülern der Handelslehranstalt gestaltet wird. „Die meisten anderen Schulen bezahlen mit dem Geld, das vom Land zur Verfügung gestellt wird, externe Kräfte. Bei uns läuft hingegen alles intern. Wir tauschen uns untereinander kontinuierlich aus und verteilen die Aufgaben auf viele Schultern“, sagt Bruns.

Die Schüler – 14 Männer und 3 Frauen – stammen aus Syrien, Afghanistan, Eritrea, Pakistan, Irak, Westjordanland und Sudan. „Es ist eine heterogene Gruppe, in der es schon untereinander Verständnisprobleme gibt“, erklärt Kathrin Harting. Auch das Bildungsniveau sei sehr unterschiedlich – „vom Medizinstudenten bis zum Analphabeten ist alles dabei“, sagt Harting. Trotzdem funktioniert es. Die Schüler unterstützen sich gegenseitig, wirken äußerst motiviert. Der Unterricht ist lebendig. „Anfangs gab es natürlich auch Bedenken. Ob die jungen Männer zum Beispiel eine Frau als Lehrkraft akzeptieren würden. Aber keins der Vorurteile hat sich bestätigt“, sagt Spangenberger und beschreibt die Lernsituation in der Klasse als „gelebte Toleranz“.

Damit die jungen Asylbewerber eine Ausbildung aufnehmen können, sind laut Bruns mindestens Deutschkenntnisse auf B1-Niveau notwendig. Das bedeutet, dass sie sich im Unternehmen mit den Kollegen verständigen können. Ziel der Organisatoren ist es, dass die Teilnehmer im Laufe des Sprint-Projekts, das zunächst bis zu den Sommerferien festgeschrieben ist, mindestens A1-Niveau erreichen. „Wir wünschen uns, dass wir die Gruppe anschließend in ein neues Projekt überführen können“, sagt Bruns.

„Ich wollte einfach helfen“, sagt Irmi Spangenberger

Die Verantwortlichen können die Situation jedoch realistisch einschätzen und wissen, dass es aufgrund der derzeitigen Sprachdefizite für viele der jungen Flüchtlinge noch ein weiter Weg bis zu einem Job ist. Auch die lateinische Schrift müssen viele von ihnen noch lernen. „Es wäre vermessen anzunehmen, dass man ihnen nach dem Projekt sofort einen Ausbildungsplatz anbieten könnte“, meint Bruns. Der Unterricht ist für alle eine Umstellung – auch für die Lehrer –, erklärt Harting und fügt hinzu: „Lehrkräfte, die eine Fremdsprache unterrichten, haben es etwas leichter, weil sie die Probleme beim Erlernen einer völlig neuen Sprache besser kennen.“

Die hohe Motivation aller Beteiligten ist spürbar. „Ich wollte einfach helfen“, erklärt Spangenberger ihre Beweggründe. Zu Beginn hatte sie Zweifel, dass sie die zusätzliche Arbeit zeitlich schaffe und habe deshalb wöchentlich nur zwei Stunden in das Projekt investieren wollen. „Jetzt sind es doch drei Stunden geworden. Es ist zwar eine Belastung, aber man kriegt auch sehr viel von den jungen Menschen zurück“, sagt sie. Harting meint: „Ich lerne im Unterricht mit den jungen Flüchtlingen viel von ihrer Kultur und ihren Traditionen.“

Doch nicht nur zehn Lehrer und zwei Ehrenamtliche beteiligen sich am Sprint-Projekt. Auch sechs Schüler des Berufsgymnasiums – vier Jungen und zwei Mädchen im Alter von 17 bis 19 Jahren – haben sich freiwillig gemeldet, um im Unterricht zu unterstützen. In Absprache betreuen sie die schwächeren Teilnehmer, entwickeln aber auch eigene Ideen für das Projekt. „Demnächst wollen sie einen Sportnachmittag für die Flüchtlinge organisieren“, berichtet Bruns. Die Lehrer freuen sich über das Engagement der Schüler. „Sie können auf einer ganz anderen Ebene mit den jungen Asylbewerbern kommunizieren, sind mehr auf Augenhöhe“, meint Harting.

Nun zeigt Hassan auf – und schnippt dabei energisch mit den Fingern. Harting nimmt den Syrer dran. „Der schreibt nicht“, sagt der 21-Jährige und zeigt aufgeregt auf den Stift seines Mitschülers Mohammed (20). Die Lehrerin holt aus ihrer Tasche einen neuen Stift. „Das hast du gut gemacht, Hassan“, lobt sie ihn. Er grinst. Als Harting auf ihren Ellenbogen zeigt, haben Fakher (21) aus dem Irak und der Pakistani Abdul (21) Probleme mit der Aussprache. „Alle zusammen: El-len-bo-gen“, sagt die Lehrerin. „Ellenbogen“, sprechen die Schüler nach, während Lwam (20) und Johanna (20) aus Eritrea notieren sich das Gesagte akribisch in ihrem Arbeitsheft.

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