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Eziden aus Hameln kümmern sich um Flüchtlinge in der Osttürkei

Sie wollen der Heimat nah bleiben

Hameln. Das Thema Flüchtlinge beschäftigt: Und dabei geht es auch um diejenigen, die im Nordirak und der Türkei auf ihre Rückkehr in die Heimat warten. Sie sind vor allem Angehörige der kurdischen Religion Eziden: Die Geschwister Rahime und Yilmaz Tarak aus Hameln kümmern sich mit Hilfsaktionen um sie.

veröffentlicht am 18.10.2015 um 16:56 Uhr
aktualisiert am 19.10.2015 um 11:52 Uhr

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Autor:

Wolfhard F. Truchseß

Die größte Sorge in Deutschland gilt derzeit der Unterbringung der vielen Flüchtlinge, die aus Syrien, dem Irak und Afghanistan nach Deutschland gelangen. Aus den Medien verschwunden sind hingegen die Menschen, die derzeit im Osten der Türkei oder dem Nordirak weiterhin in Flüchtlingscamps ausharren, um irgendwann wieder in ihre Heimat zurückkehren zu können, aus der sie von den Schlächtern des sogenannten Islamischen Kalifats vertrieben wurden. Zu denen, die dort ausharren, zählen vor allem die Angehörigen der kurdischen Religion der Eziden, wie sie sich ausdrücklich selbst nennen. „Wir schreiben uns nicht ,Jesiden’, wie wir auch im Fernsehen immer wieder fälschlich bezeichnet werden“, betonen die Geschwister Rahime und Yilmaz Tarak, die vor vielen Jahren in Hameln eine neue Heimat gefunden haben, sich aber mit Hilfsaktionen intensiv um die vielen Flüchtlinge in den Camps kümmern.

700 000 Menschen

versorgt: Hilfsmittel kommen mit 40-Tonner

Rahime und Yilmaz Tarak haben sich nach der Katastrophe am Sinjar-Gebirge im August 2014, als ISIS-Kämpfer 70 000 Eziden eingekesselt und mit dem Tod bedroht, Männer getötet, Frauen vergewaltigt und Kinder als Sklaven entführt hatten, in einer europaweit agierenden ezidischen Jugendorganisation engagiert. „Für die ezidische Jugend war klar: Es muss mehr getan werden“, betont Yilmaz Tarak. „Wir haben aufgrund der bestehenden Kommunikation mit einer Familie in Nordsyrien nahe der türkischen Grenze sehr intensiv mitbekommen, was dort geschah.“ Schon kurz nach der Einkesselung und dem versuchten Genozid seien Demonstrationen organisiert worden, um auf das Schicksal ihrer Glaubensschwestern- und brüder aufmerksam zu machen. Es habe Spendenaktionen und Mahnwachen gegeben und in Geschäften seien Spendenboxen aufgestellt worden, um die geplanten Hilfsaktionen finanziell zu unterstützen. „Im Dezember haben wir dann einen 40-Tonner vor allem mit Winterbekleidung, Zelten, Hygieneartikeln und Medikamenten nach Shingal in den Nordirak am Sinjar-Gebirge geschickt, denn dort leben 600 000 bis 700 000 Eziden, die dringend Hilfe benötigten.“

Nur zwei Monate später, im Februar, folgte ein zweiter Transport, der vor allem von der ezidischen Jugend des Kulturvereins in Hameln-Pyrmont organisiert war und auch von den Aleviten im Landkreis unterstützt wurde. „Es war eine deutschlandweite Sammlung“, berichten die Geschwister, „aber die meisten Aktionen liefen in Hameln, Celle und der Region Hannover ab.“ Schwerpunkt seien bei diesem zweiten Transport Hygieneartikel und Medikamente gewesen, denn daran habe es am meisten gemangelt. Tausend Euro habe die Sparkasse Weserbergland gestiftet, und Landrat Tjark Bartels habe 250 Euro aus der Landkreiskasse gespendet.

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  • Das kleine Foto zeigt Rahime und Yilmaz Tarak auf dem Newroz-Fest in Diyarbakir.

Um sich selbst ein Bild vor Ort zu machen, reiste im März eine zehnköpfige Delegation der Jugendgruppe in die Osttürkei und in die Flüchtlingscamps in Diyarbakir, Batman, Viransehir und Mardiu. „In den Norden Syriens durften wir nicht; mit der Begründung, das sei zu gefährlich, wurde uns der Grenzübertritt untersagt“, berichtet Rahime Tarak. 2500 Euro habe die Delegation vorher gesammelt, um nach Absprache mit den Camp-Verantwortlichen vor Ort vor allem Lebensmittel, Hygieneartikel und dringend benötigte Bekleidung zu kaufen. Insgesamt lebten in den Camps weit mehr als 10 000 Menschen in Zelten.

Derzeit sammeln die Eziden wieder Spenden, um winterfeste Unterkünfte für ihre Landsleute zu finanzieren. Vor allem aber wollen sie dafür sorgen, dass traumatisierte Frauen in den Camps psychologische Betreuung erhalten. „Dazu suchen wir ezidische Psychologinnen und Ärztinnen, denn diese vergewaltigten und misshandelten Frauen haben kein Vertrauen zu männlichen Therapeuten“, erläutert Yilmaz Tarak. Allerdings sei es sehr schwierig, jemanden zu finden. „Deshalb wollen wir jetzt Eziden zu Traumahelfern ausbilden und dann selbst die Betreuung in den Camps durchführen.“ Auch dafür hoffen Rahime und Yilmaz Tarak auf Spenden, denn die Ausbildung zu Traumahelfern sei ziemlich teuer, erklären die beiden.

Und so erbitten sie Spenden auf das Konto Ezidisches Kultur-Zentrum, IBAN: DE 1225 4500 0101 7007 7606, BIC: NOLADE21HMS.

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