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Verein für Kinder- und Jugendarbeit sieht in der deutschen Sprache Schlüssel zur Integration

Selber den Busfahrplan lesen

Hessisch Oldendorf (boh). In Deutschland leben rund 7,5 Millionen Analphabeten. Mit dieser erschreckenden Zahl rangiert Deutschland im weltweiten Vergleich zwar im unteren Mittelfeld, jedoch könnten in Zukunft die Probleme zunehmen. Das hat auch der Verein für Kinder- und Jugendarbeit in Hessisch Oldendorf erkannt.

veröffentlicht am 27.09.2015 um 12:52 Uhr
aktualisiert am 30.09.2015 um 18:37 Uhr

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„Wer Lesen kann, ist eindeutig im Vorteil!“ – Es gibt kaum jemanden, der diesen Satz noch nicht zu hören bekam. Oft wird dieser Satz sogar mit drohendem Zeigerfinger gestenreich untermauert und hat irgendwie einen negativen Beigeschmack. Und doch gilt: Lesekompetenz ist für den Schulerfolg und die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben elementar wichtig. Allerdings sind die Unterschiede bei der Lesekompetenz teilweise eklatant, wie internationale Schulleistungsstudien wie Pisa zeigen.

Doch bisher kann niemand sagen, warum sich der eine zur Leseratte entwickelt, während der andere selbst als Erwachsener Probleme hat. Außerdem wird gern unter den Tisch gekehrt, dass allein in Deutschland nach wie vor rund 7,5 Millionen Analphabeten leben. Mit dieser erschreckenden Zahl rangiert Deutschland im weltweiten Vergleich zwar im unteren Mittelfeld, jedoch könnten in den kommenden Jahren die Probleme zunehmen. Das hat auch der Verein für Kinder- und Jugendarbeit in Hessisch Oldendorf erkannt. „Wir bieten seit einem halben Jahr für Kinder und Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund unsere ,Lese-Lern und Kreativwerkstatt‘ an“, sagt Anke Franke, stellvertretende Vorsitzende des Vereins. Und der Erfolg gibt ihr Recht, denn immer mehr Lesewillige finden den Weg ins Werkhaus. Darunter seit einigen Wochen auch vermehrt Flüchtlingskinder. „Gerade Kinder mit Fluchthintergrund haben in ihren Heimatländern oft keine ausreichende Sprach- und Leseförderung erhalten, da deren Eltern mitunter selbst über keine oder nur ungenügende Sprach- und Lesekenntnisse verfügen“, so Franke weiter.

Gefördert wird das

Lesen durch bewährte Bilderbuchreihen

Als wichtig sieht sie vor allem neben dem Erlernen der deutschen Sprache die Förderung der Kreativität an. „Die wenigsten Kinder wurden in der Richtung bisher von ihren Eltern gefördert, da dieses in deren Kulturkreisen möglicherweise gar nicht existent ist.“ Genau hier sieht der Verein für Kinder- und Jugendarbeit seinen persönlichen Beitrag. Gefördert wird das Lesen durch bekannte Bilderbuchreihen wie etwa „Pettersson und Findus“ von Sven Nordqvist oder anderen altersentsprechenden Büchern, die mit dem Prädikat „wertvoll“ ausgezeichnet sind. Die Resonanz auf dieses Projekt ist übrigens sehr groß. „Mundpropaganda ist dabei nicht zu unterschätzen“, erzählt Anke Franke. Sehr viele Flüchtlingsfamilien nutzen inzwischen dieses spezielle und auch andere Angebote des Vereins in der Langen Straße. Und nicht zuletzt durch die kostenlose Möglichkeit, Deutsch zu lernen und sich artikulieren zu können, Kinder-, Jugend- und Erwachsenenliteratur vermittelt zu bekommen und nach kurzer Zeit in Ansätzen selbst lesen zu können, steigere nachhaltig das Selbstwertgefühl, betont Franke. „Kaum jemand kann sich vorstellen, was es für ein erhebendes Gefühl bedeutet, etwa einen Fahrplan der Öffis lesen zu können“, ergänzt sie. Oder gemeinsam Antragsformulare auszufüllen.

„Viele der Fluchtfamilien haben zu uns und dem Verein Vertrauen geschöpft, einfach, weil es sich herumgesprochen hat, dass jedem Einzelnen bei uns geholfen wird.“ Franke wertet dies als Schritt in die richtige Richtung, nicht nur Kinder und Jugendliche beim Lesen und dem Erlernen der deutschen Sprache nachhaltig zu unterstützen, sondern somit auch einen wichtigen ehrenamtlichen Beitrag zur kompletten Integration zu leisten. Ein weiteres Projekt unterstützt der Verein ebenfalls seit März: den Deutschkurs für Erwachsene aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, den Ludmilla Rudi-Stozkaja leitet. Nur auf Initiative des Vereins war es überhaupt erst möglich, dass dieser Kurs im Werkhaus stattfinden kann.

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