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Anfangssprachkurse für Flüchtlinge sind nur mäßig erfolgreich

Sechs Wochen lang „Mein Name ist ...“

Hameln. Sprache ist der Schlüssel zur Gesellschaft. Auf diesen Nenner brachte man es im Herbst letzten Jahres schnell bei der Frage, wie die Integration der vielen Geflüchteten am besten geschultert werden kann. Auch die Betroffenen wissen, wie wichtig das Erlernen der Sprache ist: Zehn bis 20 Personen haben bis vor einiger Zeit täglich in der Volkshochschule Hameln-Pyrmont gestanden und nach Kursen gefragt, erst in letzter Zeit habe der Andrang nachgelassen, sagt Fred Gorkow, stellvertretender Verbandsdirektor. Die Wartelisten seien dennoch lang. Doch so groß der Anfangseifer ist, auch die Zahl der Abbrecher sei relativ hoch: Von 20 bis 25 Teilnehmern bringen den Kurs im Schnitt 15 motiviert zu Ende.

veröffentlicht am 30.03.2016 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:04 Uhr

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Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite

Über die Gründe kann Gorkow nur Vermutungen anstellen. Einige verließen vielleicht die Gegend, um in der Nähe von anderen Familienmitgliedern zu leben, andere fühlten sich vielleicht psychisch noch nicht in der Lage, sich zu konzentrieren. Ein weiterer Grund könnte sein, dass der Zuschnitt des Kurses Menschen umfasse, die auf sehr unterschiedlichem Niveau anfangen zu lernen. Während in den späteren Integrationskursen, die neben dem reinen Sprachkurs auch Orientierung in der deutschen Kultur bieten, nach Vorkenntnissen „vorsortiert“ werde, seien die sechswöchigen Anfängerkurse, von denen die Volkshochschule derzeit 12 anbietet, bunt gemischt. Die hauptsächlich vom Land geförderten Kurse seien „schmalbrüstige Projekte“, die nicht mehr als eine allererste Orientierung in einem fremden Land mit einer neuen Sprache sein könnten. Ebenso sehe es mit den Sprachkursen in einem einmalig geförderten Projekt der Bundesanstalt für Arbeit aus, die landauf, landab wegen mangelnder Qualität kritisiert worden seien.

Wie sinnvoll sind also diese Kurse, wenn es für die Teilnehmer anschließend nicht weitergeht? Wenn sie keinen Platz in einem vom Bundesamt für Migration (Bamf) geförderten Integrationskurs bekommen, der Grundlagen für die Jobsuche schafft?

„Das ist die Frage“, räumt Gorkow ein. Er hofft dennoch, dass zumindest das Land das Sprachkurspaket, für das 2015 fünf Millionen Euro ausgegeben wurden, noch einmal neu auflegt – dann allerdings mit verbesserten Kriterien, also der Möglichkeit, die Leute entsprechend ihrer Kenntnisse zu fördern. Gedacht sind die Kurse vor allem für Leute, die eine gute Bleibeprognose haben: Syrer, Eritreer, Iraker und Iraner. Gekommen waren allerdings auch Teilnehmer aus anderen Ländern, und ab und zu auch Flüchtlinge aus der Kaserne, für die der Kurs aufgrund ihrer kurzen Verweildauer eigentlich nicht gedacht war.

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  • Das unterschiedliche Niveau in den Anfängerkursen ist für viele Teilnehmer unbefriedigend. Foto: Dana

Ihr Extrapaket hatte die Bundesagentur für Arbeit (BA) im letzten Jahr aufgelegt, um die riesige Lücke zwischen Ankunft der Flüchtlinge und Beginn eines Sprach- oder Integrationskurses zu füllen.

Bis Dezember 2015 konnten deshalb gewerbliche Träger vom Bund geförderte Deutschkurse anbieten, dafür wurden sogar die gesetzlichen Bestimmungen geändert. „Die Ausschreibungsverfahren waren „sehr schlicht“, sagt Anja Schmiedeke, Leiterin der Pressestelle der BA-Regionaldirektion, „es hat nur sehr wenige Kriterien und ein paar kleine Vorschriften gegeben.“

Die schwarzen Schafe ließen nicht lange auf sich warten: Es hagelte Kritik für das Verfahren, weil eine Selbstauskunft genügte, um eine Eignung nachzuweisen. Auch die regelmäßige Teilnahme der Flüchtlinge musste nicht nachgewiesen werden.

Überwiegend habe man aber „ganz viele gute Erfahrungen“ gemacht, sagt Schmiedeke. Die Akademie Überlingen in Hameln, die Erwachsenenbildung gewerblich betreibt, kann man dazuzählen.

An eine Neuauflage denkt die BA jedoch nicht. An die Stelle der Sprach-Crashkurse sollen möglichst schnell Integrationskurse treten. „An dieser Stelle knirscht es noch an vielen Stellen“, räumt Schmiedeke ein. Die Zuweisungen vom Bundesamt für Migration, das die Kurse finanziert, läuft schleppend. Für über 60 Anträge von Flüchtlingen, die bereits in den Anfangs-Sprachkursen der VHS gelernt haben, gibt es bis jetzt keine einzige Antwort. Diejenigen, die bisher in den Integrationskursen lernen, seien anerkannte Asylbewerber, EU-Bürger und Zugezogene, so Fred Gorkow. „Wir wissen, dass das ein Problem für die Kommunen ist“, sagt die Anja Schmiedeke. Der Verwaltungsrat der BA sprach sich deshalb gestern für eine erhebliche Verfahrensänderung und Aufstockung der Finanzmittel aus.

„Das würde zu geringeren Wartezeiten und einer besseren Auslastung der Kurse führen. Zugleich sollten die Integrationskurse besser mit den Angeboten der BA abgestimmt und verzahnt werden“, sagt Annelie Buntenbach, Vorsitzende des Verwaltungsrates.

Nach geltender Rechtslage muss sich jeder Asylberechtigte bei einem zugelassenen Kursträger selbst einen Platz suchen. Neben der VHS bietet auch die Akademie Überlingen, die bis Februar auch von der BA geförderte Sprachkurse im Angebot hatte, einen Bamf-Integrationskurs an, zwei weitere folgen demnächst. Auch die DAA wird bald einen Kurs anbieten.

Nur einer von vielen Beiträgen über Sprachkurse für Flüchtlinge im vergangenen Jahr.

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