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Arbeitsagentur spricht Flüchtlinge frühzeitig an / „Nicht die Fachkräfte von morgen, eher von übermorgen“

Schneller Einstieg sehr gefragt

Hameln-Pyrmont. Den Mitarbeitern der Öffis erschien es Ende vorigen Jahres wie ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk für ihr Unternehmen: Da bestellten Bildungsbetriebe wie die Volkshochschule plötzlich im großen Stil Schülermonatskarten, teils für 3000 Euro auf einen Schlag. „250 solcher Tickets wurden bis März geordert“, freut sich Thorsten Rühle, der Chef der Linienbusse. Der Busverkehr profitiert derzeit von besonderen Bemühungen der Arbeitsagentur Hameln: Obwohl sie dazu noch gar nicht verpflichtet ist, kümmert sich die Behörde bereits jetzt um viele der Kriegsflüchtlinge, die jüngst ins Weserbergland gekommen sind. „Wir möchten keine Zeit verlieren“, erklärt Agenturchefin Ursula Rose das ungewöhnlich unbürokratische Vorgehen. „Wir wollen einen frühen Kontakt zu den Flüchtlingen aufbauen.“ Würde abgewartet, bis irgendwann über den jeweiligen Asylantrag entschieden ist, könnten die Arbeitsagentur und das Jobcenter Hameln-Pyrmont auf einen Schlag mit umso größeren Herausforderungen konfrontiert sein. Die Integration solle schnell beginnen, der Spracherwerb sei der Schlüssel dazu.

veröffentlicht am 27.01.2016 um 17:55 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 12:58 Uhr

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Marc Fisser

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Marc Fisser Reporter / Newsdesk zur Autorenseite

935 Teilnehmer bei

46 Einstiegskursen der Arbeitsbehörde

46 sogenannte Einstiegskurse für 935 Flüchtlinge aus Syrien, dem Iran und Irak sowie Eritrea hat die Agentur im November und Dezember in ihrem Bezirk eingerichtet, also in den Landkreisen Hameln-Pyrmont, Holzminden und Schaumburg. Zehn Bildungsträger sind beteiligt. In 320 Unterrichtsstunden erhalten die Teilnehmer erste Kenntnisse zur deutschen Sprache, sie lernen zudem viel über die hiesige Kultur und die Berufswelt. Nach rund sechs Wochen Unterricht gehen Experten der Arbeitsagentur in die Kurse, stellen das Angebot der Behörde vor, händigen Fragebögen zur Schulbildung, zur beruflichen Qualifikation und zu den Sprachkenntnissen aus. Auch Termine für Beratungsgespräche werden vorgeschlagen. Die Annahme ist freiwillig. Rose schätzt die Zahl der „sehr Interessierten“ auf 500 bis 600 unter den 935. „Die Betroffenen wollen wissen, wie es für sie weitergeht“, sagt sie und bekräftigt: „Schon jetzt werden Weichen gestellt.“ Auch die Industrie- und Handelskammer macht mit: Sie hilft, mitgebrachte Berufsabschlüsse auf die deutschen Verhältnisse zu übertragen.

Diese Einstiegskurse sind für Flüchtlinge „mit guter Bleibeperspektive“ gedacht – nicht für Asylbewerber vom Balkan, aus Ghana oder dem Senegal. Die Bundesregierung hat das Verfahren als „einmalige Nothilfe“ im Gesetz zur Beschleunigung der Asylverfahren verankert; das Angebot wird in dieser Form nicht verlängert. Denn das nötige Geld wurde kurzerhand dem Topf der Arbeitslosenversicherung entnommen, nicht der Steuerkasse. Bundesweit waren 100 000 Teilnehmer erwartet worden, tatsächlich meldeten sich 222 282 an. Im Bezirk Hameln sind 44 Prozent der Kursbesucher jünger als 25 Jahre und 77 Prozent männlich. Die Agentur hat zwar auch Bewohner der Erstaufnahmeeinrichtung des Landes in der Linsingen-Kaserne zugelassen. Das Augenmerk liegt aber eigentlich auf den Menschen, die den Städten und Gemeinden zur Unterbringung zugewiesen sind und die voraussichtlich in der hiesigen Region bleiben werden. Mitarbeiter von Arbeitsagentur und Jobcenter sitzen deshalb an den Runden Tischen der Kommunen. Und es besteht ein Austausch zwischen Kreisverwaltung und Bundesbehörde über die Personendaten.

Für die Flüchtlingsaufgabe wurden bei der Arbeitsagentur Hameln 2,5 zusätzliche Stellen geschaffen. Beim Jobcenter gibt es sogar 7,5 neue Planstellen, von denen allerdings erst eine besetzt ist, wie die Leiterin Evelyne Beger berichtet. Den Jobcentern bleibt noch etwas mehr Zeit: Sie betreuen die Flüchtlinge erst, wenn ihr Asylantrag positiv beschieden ist oder sie seit mehr als anderthalb Jahren eine Duldung „mit günstiger Bleibeperspektive“ besitzen. „Der Weg bis zum Jobcenter ist lang“, stellt Rose angesichts des Staus von Asylanträgen und der Wartefrist für Geduldete fest. Vom Zustrom aus dem Vorjahr spürt für die Hartz-IV-Behörde also noch nichts. Zum Juni soll dort aber ein „Migrationscenter“ an den Start gehen: Es bietet fünfmonatige individuelle Maßnahmen zur Eingliederung in Arbeit, darunter auch Hilfe für das alltägliche Leben. Große Familien sollen von einer Fachkraft bei der Integration begleitet werden. Unter den Flüchtlingen gibt es Analphabeten ebenso wie Akademiker. „Es sind von Ausnahmen abgesehen nicht die Fachkräfte von morgen, eher von übermorgen“, urteilt Rose. Denn in den wenigsten Fällen reichten die Sprachkenntnisse bereits aus, um – was erlaubt wäre – schon drei Monate nach der Einreise eine Stelle anzutreten. Die Arbeitsagentur darf solche Beschäftigungen in den zwölf Monaten danach erlauben, sofern dadurch kein geeigneter deutscher Bewerber verdrängt wird; anschließend wird nur noch die Einhaltung von Standards geprüft, etwa den Mindestlohn. Rose und Beger betonen: „Die bisherigen Arbeitslosen sind keine Verlierer gegenüber den Flüchtlingen.“ Denn es gebe kaum Überschneidungen bei den beruflichen Plänen. Und der Arbeitsmarkt sei ausreichend aufnahmefähig. Das Handwerk und die Gastronomie zum Beispiel mit ihren Nachwuchssorgen seien sehr interessiert an Zuwanderern, ebenso die Industrie. Rose: „Es ist noch Geduld nötigt. 2016 lassen sich noch keine Fachkräfte abgreifen. Doch 2017 ist zu erwarten, dass viele junge Flüchtlinge eine Ausbildung beginnen.“ Die Behördenleiterinnen empfehlen Firmen- oder Personalchefs, sich frühzeitig an den gemeinsamen Arbeitgeberservice beider Einrichtungen zu wenden, etwa um Praktika anzubieten oder sich nach Zuschüssen zu erkundigen.

Info: Perspektiven für Flüchtlinge

Die Maßnahme „Perspektive für Flüchtlinge“ läuft seit November 2015 in Hameln und Stadthagen. Zwölf Wochen lang zeigen Asylbewerber „mit guter Bleibeperspektive“ in Betrieben, was sie können. Zugleich wird ihnen bei Bewerbungen geholfen.

Das Handwerk, das Land Niedersachsen und die Arbeitsagenturen haben das „Integrationsprojekt handwerkliche Ausbildung für Flüchtlinge und Asylbewerber“ aus Syrien, Iran, Irak und Eritrea gegründet. Inhalt sind drei Wochen Blockunterricht in Hildesheim und ein fünfwöchiges Betriebspraktikum. mafi

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