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Grundschüler lernen, woher ihre Mitschüler stammen

Schmetterlinge aus Syrien

Hameln. Das Klingeln der Schulglocke ist kaum zu hören, ganz leise ertönt sie im Hintergrund. Viel lauter: die rund 140 Schüler der Grundschule Rohrsen. Es ist kurz vor 8 Uhr, noch rennen alle gemeinsam durch die große Einganghalle, spielen Tischfußball, erzählen sich vom Wochenende oder suchen sich bereits einen Platz mit gutem Blick auf die kleine Bühne in der Ecke. Denn dort wird gleich Rektorin Birgit Albrecht den täglichen Morgenkreis einleiten. Als erstes wird gemeinsam gesungen. Und da an der kleinen Grundschule viele Kinder nicht so gut Deutsch sprechen, kommen im Lied auch Grüße auf Türkisch (merhaba) und Rumänisch (buna dimineata) vor.

veröffentlicht am 07.09.2015 um 17:43 Uhr
aktualisiert am 12.10.2015 um 18:32 Uhr

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Autor:

Svenja-A. Möller

Dauert der Morgenkreis sonst etwa 15 Minuten, ist er an diesem Morgen etwas besonderes und dauert fast doppelt so lange. „Wir haben am Samstag bei der Einschulung viele neue Schüler bekommen, die kein Deutsch können“, erklärt Schulleiterin Albrecht den Kindern. „Diese Kinder kommen aus ganz verschiedenen Ländern und wir wollen mal sehen, wo diese Länder liegen.“ Auf Zuruf soll mit Schmetterlingen auf einer Weltkarte markiert werden, wo die Neuankömmlinge herkommen. Viele Kinderhände schnellen in die Höhe. Denn auch Schüler, die bereits seit ein paar Jahren an der Schule sind, möchten ihr Heimatland mitteilen. Und so sind am Ende Russland, Rumänien, Albanien, der Irak, Syrien, Serbien, Montenegro, Kasachstan, Griechenland und die Türkei mit Schmetterlingen versehen. Die Erstklässler kommen allerdings überwiegend aus Syrien und Rumänien. Albrecht zeigt auf Syrien: „Das Land liegt hier unten. Dort ist gerade Krieg, das habt ihr bestimmt schon gehört. Daher machen sich manche Menschen schon zu Fuß auf dem Weg, um in ein sicheres Land zu kommen.“ Über den weiten Fußmarsch durch Europa breitet sich unter den Schüler Staunen aus. Es ist 8.25 Uhr, der Morgenkreis neigt sich dem Ende, die Schüler gehen gemeinsam in ihre Klassenräume.

So auch die 1a – die Froschklasse – die in der Parterre untergebracht ist. Im Klassenraum sitzen alle 17 Schüler an ihren Gruppentischen. Auffällig: die Sitzordnung scheint klar durchdacht zu sein. Neben einen Kind mit deutlichem Sprachdefizit sitzt immer ein Kind, dessen Muttersprache Deutsch ist. So sitzt zum Beispiel Mohammad neben Matthies und neben Francesca sitzt Lina. Sechs Kinder dieser ersten Klasse haben einen deutlichen Migrationshintergrund beziehungsweise sind Flüchtlingskinder. In der Parallelklasse 1b zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. „Hier in unserer Klasse sind Kinder, die müssen noch viel Deutsch lernen. Zeigt ihnen alles, nehmt sie mit in die Pause, nehmt sie an die Hand“, sagt die Klassenlehrerin der 1a.

Dass die Kinder untereinander keine Berührungsängste haben, zeigt sich im Sitzkreis beim ersten Spiel. Wer „Mein rechter rechter Platz ist frei“ selber noch nicht sagen kann, bekommt Hilfe vom Nachbarn. Behutsam wird der andere dafür an die Hand genommen, schließlich gilt es bei dem Spiel auch auf den rechten freien Platz zu klopfen. Und es zeigt sich: das Spiel versteht sich von selbst. Brauchte Mohammad beim ersten Mal noch die Hilfestellung, klappt es beim zweiten Mal schon sehr gut. Und auch Jakub kann den kurzen Satz, als sein rechter Platz ein zweites Mal frei wird, schon recht gut nachsprechen. Hat er vergessen wie es weitergeht, werden Hilfestellungen zugeflüstert.

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Um 8.45 Uhr klopft es an der Tür, Schulleiterin Albrecht bringt einen Nachzügler: Adina. Nach ersten Kommunikationsschwierigkeiten setzt sie sich in den Kreis. Was sie machen soll, scheint sie jedoch noch nicht so recht verstanden zu haben. Auf die Frage, wer sich zu ihr setzen soll, antwortet sie mit Ja. Ihre Sitznachbarin Francesca erklärt ihr wie das Spiel funktioniert. Klopfen, Wünschen und warten, bis der gewünschte Nachbar kommt. Es fällt auf, dass die Kinder ihre Mitschüler ganz einfach integrieren. Die Sprachbarriere wird durch Wiederholen und Zeichensprache überbrückt. „Das ist unsere Art der Inklusion“, sagt Schulleiterin Albrecht. Und auch, als alle Kinder sich einen Partner suchen sollen, um gemeinsam die Schule zu besichtigen, gibt es unter den Schülern keinerlei Scheu. Um sich an den Händen zu halten und gemeinsam die neue und noch fremde Schulwelt zu erkunden, bedarf es keiner gemeinsamen Sprache.

Jeder Schmetterling markiert das Heimatland eines Schülers der Grundschule Rohrsen.sak

Wer sich meldet und drangenommen wird, darf sein Heimatland laut nennen. Schulleiterin Birgit Albrecht (li.) markiert es mit einem Schmetterling.sak

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