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Ein Jahr in Deutschland – Alaa Ihsan blickt zurück und nach vorn

Nächstes Etappenziel: Gasthörer an der Uni

veröffentlicht am 15.09.2016 um 17:30 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 12:45 Uhr

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Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite

Alaa Ehsan war ungefähr „Nummer 400“, erinnert er sich an seine Ankunft in der Linsingen-Kaserne im September 2015. Viel hat sich seither im Leben des Mannes geändert, der Syrien verlassen hat, aus Angst davor, in die Armee eingezogen zu werden. Hinter ihm lagen Fußmärsche, quälende Zug-, Auto-, und Lkw-Fahrten, das Boot von der Türkei nach Griechenland, als die Dewezet über ihn schrieb: „Auch Deutsch will der 26-Jährige schnell lernen.“ Er hat es gelernt. So, dass er sich sehr gut auf Deutsch unterhalten kann. Einiges ist so verinnerlicht, dass sich immer wieder deutsche Wörter ins dann doch auf Englisch geführte Gespräch (weil schneller) schleichen.

Die ersten Deutschhappen brachte Alaa sich mittels YouTube selbst bei, als er noch in der Kaserne untergebracht war, den ersten Basis-Kurs gab’s im Oktober im „Freiraum“, bevor er zur Akademie Überlingen ging. Den nächsten Kurs wollte er sofort im Anschluss besuchen, doch „das ging nicht“. Erst, wenn „ihr eure Aufenthaltstitel habt“, habe es geheißen. Den hielt er endlich im Februar in den Händen – doch der nächste Kurs begann erst im April. „Zwei Monate nichts tun“ – ein Graus für ihn, wie er erzählt. Inzwischen bereitet er sich auf den „B1-Test“ im November vor. Sprache als Voraussetzung für Integration – Alaa beeilt sich damit.

Andere lassen sich mit Integrationsversuchen etwas länger Zeit: Monate nach seinem Einzug in eine Hastenbecker Wohnung, in der er mit vier Männern lebt, habe es erst kürzlich in dem Ortsteil ein Kennenlerntreffen für Einheimische und Flüchtlinge gegeben. Alaa lacht. Es sei nett gewesen, aber „nur alte Leute“. Er beschwert sich nicht, und wenn man ein Auto habe, sei es bestimmt auch okay – aber für junge Leute sei es in Hastenbeck eher langweilig. Doch die Tage dort sind gezählt, es zieht ihn nach Schulenburg/Pattensen.

Dort lebt ein inzwischen guter Freund, Philipp von Zitzewitz, der ihn eingeladen hat, mit ihm und seiner Familie zu leben – auch, damit er einen kurzen Weg nach Hannover hat, wo Alaa bald studieren will. „Erst als Gasthörer, dann als normaler Student.“ Den Bachelor als Journalist hat er in der Tasche, jetzt soll der Master in „Fernseh-Journalismus“ folgen.

Ein Jahr Deutschland – genug Zeit, um zu sammeln, was gefällt, was verwundert, was vermisst wird. Gerade die vergangen Tage seien schwerer gewesen – das bedeutsame islamische Opferfest ohne die Freunde aus der Heimat, ohne die Familie zu verbringen. Raum für Heimweh. Auch das laute Leben in Damaskus vermisst Alaa. Wenn dort Kinder herumtollen, Freunde sich treffen, herrscht Trubel. Hier im Bürgergarten sei immer alles so ruhig und gesittet.

Ebenfalls befremdlich sei für ihn der Umgang mit den Alten der Gesellschaft. „Bei uns haben wir unseren Opa einmal die Woche besucht und viel Zeit zusammen verbracht.“ Hier fielen ihm viele alte Menschen auf, die durch die Stadt gehen, hier und dort gut mal eine helfende Hand gebrauchen könnten, aber alleine unterwegs sind. Keine Enkel, die um sie herumspringen, oder Kinder, die sich kümmern.

Das i-Tüpfelchen an für ihn Wundersamem in diesem Kulturkreis, eigentlich sind es zwei, hat mit Männern und Frauen zu tun. Frauen, junge, 14-, 15-Jährige, die mit der Erlaubnis ihrer Eltern bei anderen Männern, Jungs, übernachten. „Das sind doch Kinder …“, sagt Alaa, der diese Art der Freiheitsgewährung nicht nachvollziehen kann. Und Männer, die Männer heiraten. Kürzlich, am Hochzeitshaus, habe er mitbekommen, dass dort gerade geheiratet wird. „Ich habe gewartet und wollte die Braut sehen“, erzählt er. Er sah: Zwei Bräutigame, die sich küssten. Die innere Zerrissenheit zwischen tiefer Verwunderung und sozial erwünschter Toleranz ist ihm anzumerken. Doch gerade diese Toleranz ist es auch, die ihn in Deutschland auch beeindruckt. Dass es keine Rolle spielt, welcher Religion jemand angehört, zum Beispiel. „Die Leute sollten das Gute aus der deutschen Gesellschaft mitnehmen“, sagt er über seine Landsleute. Viele von ihnen, kritisiert er, „wollen ihre Werte aber nicht überdenken“.

Syrien. Heimat. Alaas Mutter und eine Schwester leben noch dort, in einer sicheren Gegend von Damaskus. Er denke schon darüber nach, wie und ob sie nach Deutschland kommen könnten. Ohne eine Lösung zu finden. Seine zweite Schwester ist inzwischen bei ihrem Mann in Kiel. Zurück nach Syrien, irgendwann? Alaa überlegt. „Das Land wieder mit aufzubauen – das wäre gut.“ Viele wollten wieder zurück, weiß er, aber nur unter der Bedingung, dass sie auch dort: frei wären.

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