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Unsicherer Aufenthaltsstatus und Gewalt – ein unguter Mix für asylsuchende Frauen

Nach der Flucht ist vor der Flucht

Hameln. Adissa sucht Schutz vor ihrem gewalttätigen Mann. Doch Geflüchtete bekommen schwer Platz im Frauenhaus. Die aufenthalts- und asylrechtlichen Regelungen schränken Betroffene in ihren Reaktionsmöglichkeiten auf Gewalt zum Teil stark ein.

veröffentlicht am 18.02.2016 um 16:36 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:05 Uhr

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Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite

Seit einem Dreiviertel Jahr lebt Adissa (Name von der Redaktion geändert) im Hamelner Frauenhaus. Ein Zimmer bewohnt sie dort gemeinsam mit ihren vier Kindern. Sie ist aus Norddeutschland vor ihrem Mann geflohen, weil er sie bedroht und geschlagen hat. Er ist dort aktenkundig und hat nicht nur sie, sondern auch Mitarbeiter in Ämtern gefährdet. Dass Adissa es geschafft hat, nach Hameln zu kommen, zeigt ein Stück weit, wie verzweifelt ihre Lage gewesen sein muss, denn die Frau, die vor zwei Jahren aus Albanien nach Deutschland geflohen ist, spricht kein Deutsch und ist zudem Analphabetin. Die Familie hat damals Asyl beantragt, der Status ist bisher ungeklärt.

„Die Situation im Frauenhaus ist für Mutter und Kinder „hochbelastend“, sagt Mitarbeiterin Katrin Meister. Und zwar nicht nur wegen der räumlichen Enge: Da sind auch all die Geschichten voll von Angst und Gewalt, die die Frauen einander erzählen, während die Kinder kaum Ausweichmöglichkeiten haben. Dazu kam die Ungewissheit: Denn wie es für Adissa weitergeht, war lange Zeit unklar – rechtlich gesehen darf sie sich nämlich überhaupt nicht in Hameln aufhalten. Die aufenthalts- und asylrechtlichen Regelungen schränken Betroffene in ihren Reaktionsmöglichkeiten auf Gewalt zum Teil stark ein.

Für Flüchtlinge gelten langfristige Wohnsitzauflagen, die Behörde muss einem Umzug in eine andere Unterkunft, Stadt oder ein anderes Bundesland zustimmen, außerdem die Unterkunft in einem Frauenhaus finanzieren oder Betroffenen eine neue Unterkunft zuweisen. Die sogenannten Umverteilungsverfahren, in denen darum gestritten wird, wer zuständig ist, dauern in der Praxis Monate – manchmal bis zu einem Jahr. In dieser Zeit geht das Frauenzentrum für den Lebensunterhalt der Frauen in Vorleistung. Kindergartenplätze können dabei nicht berücksichtigt werden, auch wenn es gerade für diese Kinder – wie zwei von Adissas Kindern – wichtig wäre, ein Stück Normalität zu leben, sagt Katrin Meister.

Doch Frauenhäuser sind bis heute grundsätzlich freiwillige Leistungen. Für das Hamelner Frauenhaus teilen sich der Landkreis und das Land Niedersachen zur Hälfte die Kosten für dreidreiviertel Stellen, außerdem wird das Haus zur Verfügung gestellt. Vereinigungen der Frauenhäuser fordern, dass Gewaltopfer in Deutschland ein gesetzliches Recht auf Unterbringung und psychosoziale Versorgung bekommen sollen – egal wo. Doch seit Jahren kann man sich nicht einigen, wer überhaupt für die Finanzierung zuständig sein soll: Bund oder Land.

Fakt bleibt: Auf den kurzfristigen Schutzbedarf gewaltbetroffener Frauen mit prekärem Aufenthaltsstatus ist niemand eingestellt. Langwierige Verfahren sind auch für das Frauenhaus in Hameln schwierig: Solange über den Umverteilungsantrag nicht entschieden ist, kann keine Wohnung gesucht werden. „Normalerweise bleiben Frauen nur einige Wochen bei uns“, sagt Meister. Im Moment sind es sechs plus 13 Kinder. Platz ist zwar normalerweise für acht Frauen, wenn nicht so viele Kinder dabei sind. „Das Problem ist, dass die Kinder bei der Belegung nicht zählen“, sagt Mitarbeiterin Heidi Schaper, aber untergebracht werden müssten schließlich auch sie. Glücklicherweise arbeite das Frauenhaus in Hameln nicht mit Tagessätzen, sondern bekomme eine Pauschale, „sonst würde das nicht funktionieren“. Hier habe der Landkreis gut reagiert, man sei organisatorisch in einer relativ guten Position. Anders als andere könnten so auch Studentinnen und Schülerinnen, die Bafög bekommen, aufgenommen werden.

Seit mindestens drei Jahren ist das Frauenhaus mehr als gut ausgelastet „Wir mussten mehr Absagen erteilen, als wir aufnehmen konnten“, sagt Meister. Im Schnitt kommen fünf bis zehn Frauen ins Frauenzentrum Hameln. Sie kommen aus allen sozialen Schichten und haben unterschiedliche Nationalitäten. In Deutschland gebe es nicht weniger Gewalt in der Beziehung als anderswo, so die Beobachtung der Mitarbeiterinnen.

„Lage auf dem

Wohnungsmarkt ist katastrophal“

Die gegenwärtig hohen Flüchtlingszahlen hätten das Frauenhaus dagegen noch nicht erreicht. Die Frauenhauskoordinierung e. V. in Berlin spricht allerdings bereits von einer gesteigerten Anfrage: „Frauenhäuser und Fachberatungsstellen stehen durch die gegenwärtig hohen Flüchtlingszahlen vor besonderen Herausforderungen“, sagt Heike Herold, Geschäftsführerin der Frauenhauskoordinierung. „Das ist ein brennendes Problem, das aber erst mit der Zeit sichtbar werden wird.“ Oft hätten die Frauen in ihren Herkunftsländern oder auf der Flucht Gewalt in unterschiedlichster Form miterlebt oder selbst erfahren. Um den Frauen zu helfen, müssten Schutzlücken geschlossen werden, die Finanzierung des Hilfesystems verbessert und sichergestellt werden sowie Rechtsunsicherheiten beseitigt werden. Zudem seien die Zugänge zu Beratungs- und Unterstützungsangeboten meist noch zu „hochschwellig“.

Das gilt wahrscheinlich auch für die Linsingen-Kaserne. Dorthin haben die Mitarbeiterinnen vor drei Monaten Plakate gebracht, bisher sei aber noch keine Rückmeldung gekommen. Das müsse organisatorisch erst einmal anlaufen, sagen die Frauenhausmitarbeiterinnen. Es sei grundsätzlich schwierig zu informieren, die Rechte von Frauen in Deutschland seien den geflüchteten Frauen oftmals völlig fremd. Dass die Frauen verstehen, welche Möglichkeiten ihnen das bundesweite Hilfetelefon bietet, dass in allen Sprachen unterstützt, könne man nur hoffen.

Möglicherweise würden die Anfragen von Flüchtlingsfrauen steigen, wenn sie dezentral untergebracht werden, vermutet man auch im Hamelner Frauzentrum.

Für Adissa gibt es inzwischen ein wenig Licht am Horizont: Dem Umverteilungsantrag wurde zugestimmt, sie darf in Hameln bleiben. Nun allerdings tut sich das nächste Problem auf: eine geeignete Unterkunft zu finden ist – wie für alle Flüchtlinge derzeit – schwierig. „Die Lage auf dem Wohnungsmarkt ist katastrophal“, sagt Mitarbeiterin Heidi Schaper. Sie verursache einen regelrechten Stau im Frauenhaus. Die Situation erinnert sie ein wenig an die Zeit Anfang der 90er Jahre, als viele Menschen aus dem Osten gekommen seien. Für die Flüchtlingsfrauen, die eine doppelte Flucht und vielschichtige Gewalterfahrungen hinter sich haben, sei es allerdings besonders wichtig, eine möglichst zentrale Unterkunft zu finden, damit nicht alles, was an sozialem Netz gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen vor Ort für Frau und Kinder aufgebaut wurde, wieder bei Null steht.

Hilfetelefon: 0800 116016

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