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Ein Besuch in der Nachbarschaft der Linsingen-Kaserne

Kippt die Stimmung?

Hameln. Es begann euphorisch. Vor allem ein herzliches „Welcome!“ schlug den ersten Flüchtlingen entgegen, als sie die Linsingen-Kaserne – nun Erstaufnahmeeinrichtung – bezogen. Kleiderspenden wurden abgegeben, Hilfe angeboten. Dann kam die Realität des neuen Miteinanders (oder eher: Nebeneinanders) mit vielen Facetten – die Äußerungen zum Thema bleiben jedoch tendenziell schwarz-weiß: Bürgerwehr und Co. versuchen im Internet einen Hamelner Sicherheitsnotstand herbeizuwettern, während Landrat Tjark Bartels (SPD) die „wertvollen Begegnungen“ zwischen Einheimischen und Zugezogenen beschwört. Doch wie lebt es sich nun in direkter Nachbarschaft der 1000 Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und anderen Ländern?

veröffentlicht am 22.02.2016 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 23.02.2016 um 08:29 Uhr

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Autor:

Ernst august Wolf

Wer bei den Anwohnern rund um die Linsingen-Kaserne ein Stimmungsbild erfragen will, der braucht Geduld, Hartnäckigkeit, und ab und an ein ziemlich dickes Fell. Einfach mal fragen, was die Leute so denken, so die Grundüberlegung. Keine repräsentative Umfrage natürlich, sondern einfach mal zugehört.

Und schon geht’s los. „Wie, von der Dewezet kommen Sie? Da fragen Sie bloß nicht mich. Ich sag Ihnen dazu nichts. Ihr schreibt doch sowieso bloß positiv über die da drüben.“ Gleich zu Anfang ein emotionaler Volltreffer. Zwecklos nach dem Namen oder eine Fotoerlaubnis zu fragen.

Von Kontakten zu

den neuen Nachbarn spricht niemand

Aber vielleicht ist das die Ausnahme. Also weiter mit der emotionalen Achterbahnfahrt. Nebenan lugt nach einer gefühlten Ewigkeit eine ältere Dame durch den Türspalt. „Jaa? Wie? Eigentlich nein.“ Dann aber werden aus der offenbar vorschnellen Abfuhr doch ein paar Minütchen, wenngleich die Kette vorgelegt bleibt. Sie habe eigentlich Verständnis, schließlich sei auch sie damals nach dem Kriege ja mal Flüchtling gewesen. Und die Frauen und kleinen Kinder da drüben, die täten ihr schon leid. „Die sind aber alle proper rausgeputzt, gut ernährt. Wir hatten damals nix zu essen. Und die Frauen laufen immer ein paar Schritte hinter den Männern her“, sagt die alte Dame. Direkter Kontakt? Nein, dazu sei sie zu ängstlich, das wolle sie auch gar nicht.

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  • Neue Nachbarn: Seit September 2015 sind etwa 1000 Flüchtlinge in der Erstaufnahmeeinrichtung Linsingen-Kaserne untergebracht. Foto: Wal

Die Erstaufnahmeeinrichtung mal in Augenschein genommen, haben wohl nur wenige der Anwohner, die an diesem Mittag in die Zufallsbefragung geraten. Dabei hatte es doch zum Beispiel ein gut besuchtes Nachbarschaftsfest gegeben. Damals, im September. „Ich sehe die eigentlich immer nur an der Mauer entlang Richtung Innenstadt gehen, in Grüppchen, mit Plastiktütchen, ständig telefonieren, fast nur dunkelhäuige junge Männer“, sagt ein stämmiger Herr in fortgeschrittenem Alter. Auch er will sich keinesfalls mit Namen und gar Bild in der Presse wiederfinden und versieht sein Verbot sogar mit einer unmissverständlichen Warnung. „Wenn ich da was lese, dann setzt’s was.“

Die Stimmung kippe, das sei doch deutlich zu spüren. Da habe sich die Merkel wohl ziemlich übernommen. Wenn das man nicht ihr Ende sei. Und Europa, das laufe doch auch nicht. Wenn jetzt deshalb auch noch die Krankenkassenbeiträge steigen. Vor allem die überregionale Berichterstattung scheint das Meinungsbild nachhaltig zu beeinflussen. Immer wieder taucht die Frage auf: „Was das uns alles kostet?“ Persönliche Kontakte zu oder Erfahrungen mit den Bewohnern der Erstaufnahmeeinrichtung kommen nicht zur Sprache.

Das Misstrauen wächst offenbar, manchmal aber auch Verständnis, Mitgefühl und vielleicht sogar ein bisschen Stolz auf die Hilfeleistung der Hamelner sind zu spüren. Einer seiner Freunde sei Helfer beim DRK, der habe berichtet, was so mit den Leuten los sei. „Also unsere Helfer haben hier sehr viel geleistet, das könnten die Politiker ohne die gar nicht alles schaffen“, ist er sich sicher.

„Von denen merke ich nix. Interessiert mich auch nicht sonderlich“, knurrt ein anderer Anwohner, angesprochen auf die Flüchtlinge. Angst? Etwa vor Kriminalität? Unsicherheit? „Man liest und hört ja viel, ob das aber alles stimmt? Keine Ahnung.“

Ein anderer Anwohner wird deutlicher: „Ich bin nicht AfD, bestimmt nicht, aber wenn’s so weitergeht …“

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