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Angst, Flucht, Hoffnung – syrischer Familienvater flüchtet über das Meer und die Balkanroute

Khalid Alasaads Traum nach der Flucht

Hameln. Er strahlt mit der Sonne um die Wette, büffelt fleißig Deutsch. Auf dem Kasernengelände sieht man Khalid Alasaad selten ohne seinen abgegriffenen Sprachführer. „Ich will so schnell wie möglich mit den Menschen reden können, deren Gastfreundschaft ich genieße“, sagt der Familienvater aus Syrien. Geflüchtet seien er, seine Frau und seine fünf Kinder aus Angst, eines Tages von einer Granate zerfetzt oder von einer Rakete getötet zu werden. Khalid Alasaad hat alles verkauft, was er besaß, um Krieg und Terror entkommen zu können: Haus und Hof, einfach alles. Jetzt steht er in Hameln und besitzt nur noch das, was er an seinem ausgemergelten Körper trägt.

veröffentlicht am 10.09.2015 um 14:05 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 18:16 Uhr

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Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite

Mit seiner Familie hat er die Stadt Daraa verlassen. Zu Bekannten in den Libanon sind sie gegangen. „Auf der Suche nach einem neuen, einem besseren Leben, habe ich mich dann aufgemacht in ein Land, in dem Frieden herrscht“, erzählt der 32-Jährige, der seit Sonntagabend in der Hamelner Linsingen-Kaserne lebt. Seine Familie hat er bewusst im Libanon zurückgelassen. Zu gefährlich sei der Fluchtweg, zu hoch das Risiko für Leib und Leben. „Ich hatte Angst, dass wir alle auf dem Meer ertrinken. Deshalb habe ich es erst einmal allein versucht.“

Landrat Tjark Bartels ist er dankbar für seine warmen Begrüßungsworte. Wenn er ihn auf dem Gelände sieht, hält der den Daumen hoch. Die Hamelner liebe er für ihre Hilfsbereitschaft, sagt er und formt mit seinen Daumen und Zeigefingern ein Herz. Gerade hat er sich beim Roten Kreuz gespendete Kleidung abgeholt. Und ein Paar Schuhe. Stolz bringt er die Sachen in seine Unterkunft. Er kann sein Glück kaum fassen. Die Odyssee ist vorbei. Er muss keine Angst mehr haben vor Polizisten und Soldaten. „Hier sind alle freundlich.“

Dann erzählt er von seiner Flucht. 25 Tage hat sie gedauert und 4000 Euro gekostet. Schlepper, er nennt sie Mafiosi, haben ihn unterwegs skrupellos übers Ohr gehauen. Mit einem kleinen Schlauchboot ist er von der Türkei aus über das Mittelmeer geflüchtet. Erst beim zweiten Versuch hat es geklappt. „Neun Männer waren im Boot. Schon nach 20 Minuten streikte der Außenbordmotor.“ Die Flüchtlinge waren in Seenot. Sie mussten zurück in die Türkei. Mit ihren Händen sind sie zurückgepaddelt. Irgendwie haben sie es geschafft.

Der Motor wurde repariert, ein zweiter Fluchtversuch gewagt. Diesmal waren sie nur zu viert. Nach zwei Stunden erreichten sie die griechische Insel Kos. Klitschnass gingen sie an Land, kauften sich neue Hosen und T-Shirts, etwas zum Essen und schliefen sich in einem Hotel aus. Nach fünf Tagen verließ Khalid Alasaad die Insel mit einer Fähre. 60 Euro kostete die Fahrt nach Athen. „4000 Flüchtlinge waren an Bord“, erzählt der 32-Jährige. „Ein gutes Geschäft für die Reederei.“ Zu Fuß oder mit Fahrzeugen von Schleppern und mit dem Zug und dem Bus ging es weiter – durch Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich bis nach Deutschland. Khalid Alasaad wählte wie viele andere auch die sogenannten Balkanroute.

Unterwegs waren überall Menschen zur Stelle, die seine Not ausnutzen wollten. „Einmal“, sagt er, „habe ich 150 Euro bezahlt für einen Platz in einem Auto, das mich und andere Flüchtlinge nach Budapest bringen sollte. Nach 100 Kilometern hat der Fahrer plötzlich angehalten und gerufen: ,Polizei, Polizei!‘. Wir, das waren bestimmt 200 Flüchtlinge, sind sofort raus aus den Wagen und haben uns im Wald versteckt. Aber da war keine Polizei. Sie haben uns betrogen.“

An der serbisch-ungarischen Grenze will Khalid Alasaad an einen Zaun gefasst haben, der unter Strom stand. Er hat große Strapazen auf sich genommen und sein Leben riskiert für ein besseres Leben. Ein Leben in Freiheit und in Frieden. Er hofft, dass seine Frau und die Kinder bald zu ihm kommen können. „Das ist mein Traum. Ich hoffe sehr, dass er in Erfüllung geht.“

Am Mittwochabend sind erneut zwei Busse in der Linsingen-Kaserne eingetroffen – sie kamen aus Bramsche bei Osnabrück, brachten 97 neue Flüchtlinge. Bislang sind in den Wohnblöcken 446 Hilfesuchende aus mehr als zehn Nationen untergebracht worden.

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