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Fluchtpunkt Tristesse: Landkreis will Situation der Flüchtlinge in Vahlbruch ändern

Holzmindener Willkommenskultur?

Vahlbruch. Für Heinrich Ostermann, Bürgermeister der Gemeinde Vahlbruch, ist spätestens seit Anfang dieses Monats klar: „Bei der Flüchtlingsunterbringung in den Gemeinden des Landkreises Holzminden herrscht das totale Chaos, und wir Ehrenamtliche werden vom Kreis völlig alleingelassen“.

veröffentlicht am 13.11.2015 um 21:00 Uhr
aktualisiert am 14.12.2015 um 15:29 Uhr

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Autor:

Joachim Zieseniß und Frank Müntefering

Für Ostermann begann alles mit einem überraschenden Anruf von Landrätin Angela Schürzeberg: Weil sie wisse, dass die Menschen auf der Hochebene sehr gastfreundlich seien, würden in den nächsten Tagen in Vahlbruch 15 Marokkaner einquartiert, bekam Ostermann zu hören. Auf seine Frage, wo die denn untergebracht werden sollten, konnte die Landrätin keine Auskunft geben. Auch wann genau sie kämen, wusste Schürzeberg nicht.

Ostermann wandte sich deshalb an seine Ansprechpartnerin bei der Verwaltung der Samtgemeinde Bodenwerder-Polle, Ulrike Fischer, die sich bei der vom Kreis mit der Quartiersuche beauftragten Wohnungsbaugesellschaft Bausie in Holzminden erkundigte. Dort erfuhr sie, dass es sich um die ehemalige Gaststätte in Vahlbruch handelt. Auf das Argument, dass es sich bei dem Haus um einen maroden, jahrelang unbewohnten Altbau mit defekter Heizung und heruntergefallener Zimmerdecke handele, dass die Gemeinde nicht empfehlen könne, erfuhr sie, dass die Altimmobilie von seinem in Nürnberg lebenden Besitzer dem Kreis als Flüchtlingsunterkunft angeboten sei. Die Gemeinde habe damit nichts zu tun, und der Besitzer würde den Asyl Suchenden dann schon aufschließen. Man würde aber noch mal zurückrufen, hieß es vom Kreis. Ostermann: „Auf den Rückruf warten wir noch bis heute.“

Für Vahlbruchs Bürgermeister, der ein intaktes, vor wenigen Jahren durchrenoviertes und leer stehendes Wohnhaus im Ort beim Kreis als Flüchtlingsquartier angeboten hatte, bleibt nun die Frage, wie da in Holzminden entschieden wird. Denn die Folge ist, dass die einquartierten Asylbewerber zumeist schon am nächsten Tag ihre stark grenzwertige Unterkunft fluchtartig per Bus oder sogar per gemeinsam bestelltem Sammeltaxi verlassen – zurück Richtung Durchgangslager in Eschershausen und Delligsen, wo es wenigstens etwas zu essen gibt, Nahversorger, einen Arzt und regelmäßigen öffentlichen Nahverkehr.

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  • Jede Woche werden dem Landkreis Holzminden derzeit 50 neue Flüchtlinge zugewiesen, die auf Quartiere aufgeteilt werden müssen. Foto: wfx

Denn all das gibt es in Vahlbruch, wo die Asylbewerber sich nach ihrer Ankunft selbst überlassen werden, nicht. Der nächste Lebensmittelmarkt im sechs Kilometer entfernten Polle muss von den autolosen jungen Männern erwandert werden, wenn sie nicht von vorbeifahrenden mitleidigen Einheimischen in deren Pkw spontan mitgenommen werden. Da fragt sich nicht nur Bürgermeister Ostermann: „Warum haben wir keine To do-Liste von der Kreisverwaltung bekommen, damit wir uns vorbereiten konnten? Warum sind wir als Gemeinde einfach so überfahren worden?“

In Vahlbruch wenigstens hat man bereits völlig die Orientierung verloren, wer denn eigentlich in der Unterkunft wohnt und wer bereits abgereist und wo geblieben ist. Meldelisten gibt es ebenso wenig wie Zuständigkeiten. Hilfsangebote laufen ins Leere. Und Ostermann fragt sich, wie daraus auch bei bestem Willen Holzmindener Willkommenskultur werden soll?

Beim Landkreis Holzminden ist man über die Situation in Vahlbruch informiert und bedauert sehr die Entwicklung. „Es tut uns weh, wenn es schief läuft“, sagt eine Sprecherin des Kreises und erklärt die Lage mit der sehr starken personellen Beanspruchung. Jede Woche werden derzeit 50 Flüchtlinge zugewiesen, der Landkreis habe noch nicht genügend Personal, das zu bewältigen. Dem werde gerade Abhilfe geschaffen, aber neue Mitarbeiter für diese Aufgabe müssten auch erst eingearbeitet werden.

Man habe beim Landkreis auch festgestellt, dass die Übergabe der Flüchtlinge an ehrenamtliche Betreuer in den Gemeinden nicht klappt, weil einfach so viele Flüchtlinge kommen. Es sei deshalb auch schwer, die Menschen dann in den Aufnahmeeinrichtungen und Wohnungen unterzubringen. Dazu gebe es auch Menschen, die dem Landkreis Immobilien anbieten, die nicht geeignet seien, Flüchtlinge dort unterzubringen. In Vahlbruch sei das passiert, da werde man jetzt reagieren. Auch mit der Gemeinde werde man schnellstens die offenen Fragen besprechen und regeln. Dass man die Flüchtlinge in den Gemeinden nicht begleiten kann, sei auch mit der personellen Situation und der starken Beanspruchung zu erklären. „Wir haben keine Chance dazu“, so die Sprecherin. „Aber auch das wollen wir verändern.“ Und mit der Bausie werden die Situation in Vahlbruch ebenfalls besprochen und geklärt, so die Sprecherin.

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