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Polizisten ekeln sich/ Bartels kritisiert "massiv verzerrte Darstellung"

Heftige Reaktionen auf "Gammel-Zimmer" in der Linsingen-Kaserne

Hameln. Der Wirbel um die Linsingen-Kaserne in Hameln sorgt bundesweit für Schlagzeilen. Nachdem sich Polizisten zweier Hundertschaften aus Nordrhein-Westfalen geweigert hatten, in der ihrer Meinung nach verdreckten Unterkunft, die zuletzt von Flüchtlingen bewohnt wurde, zu übernachten, hat sich Landrat Tjark Bartels am frühen Sonntagmorgen für „Reinigungsmängel“ entschuldigt. 

veröffentlicht am 24.04.2016 um 20:09 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:22 Uhr

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Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite

Der Chef der Kreisverwaltung war am Samstagabend gegen 19.30 Uhr in die Erstaufnahmeeinrichtung an der Süntelstraße geeilt. Zu diesem Zeitpunkt waren die meisten beanstandeten Zimmer allerdings bereits intensiv gereinigt worden. Auch hatte man schon einige verschmutzte Matratzen gegen neue ausgetauscht.

Bartels kritisierte die Vorgehensweise einiger Polizisten, die seiner Meinung nach „offensichtlich mit einer massiv verzerrten öffentlichen Darstellung ihrem Unmut freien Lauf“ gelassen hätten. „So bringt man unberechtigt und wohl ungewollt vorherige Nutzer – Schutzsuchende bzw. Angehörige der britischen Streitkräfte – in Misskredit.“ Der Teppichboden, so Bartels stamme noch aus der Zeit, als dort Soldaten stationiert waren. Der Landrat wirft den Polizisten, die die Fotos von dreckigen Matratzen und Erbrochenem veröffentlicht haben, eine unfaire und übertriebene Darstellung vor.

Die von der Deutschen Polizeigewerkschaft verbreitete Aussage, Polizisten müssten zwischen Blut und Sperma schlafen, bildete nicht die Realität ab, sagte Bartels. Dagegen meinte der polizeipolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Thomas Adasch, diese Art der Unterbringung mache ihn fassungslos und sei an Respektlosigkeit nicht zu überbieten. „Der Zustand der Unterkunft ist menschenunwürdig und hochgradig gesundheitsgefährdend.“ Für Niedersachsen und den Landkreis Hameln-Pyrmont sei der Vorfall äußerst blamabel. Adasch forderte Innenminister Pistorius auf, sich bei den betroffenen Beamten zu entschuldigen.

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  • Die Zimmer in der Hamelner Linsingen-Kaserne, in denen die Polizei-Hundertschaften untergebracht werden sollten, sind nach Angaben der Polizeigewerkschaft "unbewohnbar". Fotos: pr
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Die Polizeibeamten aus Bielefeld und Wuppertal, die in der Linsingen-Kaserne untergebracht werden sollten, sind sauer und wütend. „Nach 16 Jahren Hundertschaft und unzähligen Einsätzen bin ich fassungslos, was uns zugemutet wird. Es geht nicht um irgendwelche Befindlichkeiten, sondern um die Gesundheit der eingesetzten Polizeibeamten“, meint Hauptkommissar K., der in der Erstaufnahmeeinrichtung übernachten sollte. Die Unterkunft sei „unbewohnbar“, teilte die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) am Samstag mit. Nach Gewerkschaftsangaben sollten die Polizisten „zwischen Blut und Sperma“ schlafen. Diese Nachricht sorgte bundesweit für Schlagzeilen. Von „Gammel-Zimmern“ und von einer „Ekel-Unterkunft“ war die Rede. Das Rathaus übte auf Facebook Kritik: „Das wirft kein gutes Licht auf Hameln. So darf man Menschen nicht unterbringen – ganz gleich, ob es sich um Polizisten oder um Flüchtlinge handelt.“

Das nordrhein-westfälische Innenministerium entschied, dass die beiden Hundertschaften nicht – wie zunächst geplant – in der eilig gereinigten Erstaufnahmeeinrichtung untergebracht werden. Die Beamten hatten sich in den zuvor von Flüchtlingen bewohnten Zimmern umgesehen und diese als inakzeptabel bezeichnet. Nach siebenstündiger Wartezeit seien die Polizeikräfte schließlich anderweitig untergebracht worden, sagte Michael Haug, stellvertretender Bundesjugendleiter der Nachwuchsorganisation „Junge Polizei“ der Deutschen Polizeigewerkschaft, die den Großeinsatz begleitet und 35 „Beweisfotos“ veröffentlicht hatte.

Der stellvertretende Landesvorsitzende der DPolG, Christian Wulf, der als Polizeibeamter in Hameln arbeitet, teilte am Sonntag mit, auch die Kräfte aus Bayern seien woanders untergebracht worden.

Landrat Tjark Bartels räumte Reinigungsmängel ein und entschuldigte sich dafür. Die Kirche müsse aber im Dorf bleiben. „Auch die Polizeileitungen aus Nordrhein-Westfalen und Niedersachen teilten „die grob verzerrte und übertriebene Einstellung“ nicht, sagte Bartels. Für das DRK übernahm gestern Vorstand Martin Skorupski die Verantwortung: „Das hätte uns nicht passieren dürfen, da muss man nicht drüber diskutieren.“ Und Einrichtungsleiter Wilfried Binder räumt ein: „Am Ende waren die Mängel in unserem Verantwortungsbereich“. Allerdings hätten nur zirka 20 von mehr als 400 Zimmern Verunreinigungen aufgewiesen, hieß es.

Nach der „Aufdeckung der Missstände“ durch die DPolG am Samstagmorgen sei ein zweiköpfiges Reinigungsteam angerückt, um die Zimmer zu säubern. „Eine Bodenreinigung allein genügt hier jedoch nicht ansatzweise. Neben Erbrochenem, Fäkalien und Sperma auf dem Boden und an den Wänden, sind die Matratzen, Kissen, Bettdecken und deren Bezüge voller Haare, Blut und Flecken von Fäkalien“, berichtet Haug.

DPolG-Mann Wulf hat am Samstag Block 3 inspiziert. Er ist empört: „Das ist schon ein Hammer. Es war lange genug bekannt, dass Einsatzkräfte in der Linsingen-Kaserne untergebracht werden. Da haben die Zimmer sauber zu sein.“ Polizisten im Einsatz verlangten keine Luxusunterkünfte. „Aber hygienisch einwandfrei sollten die Zimmer schon sein – egal, ob dort Flüchtlinge oder Polizisten untergebracht werden“, sagte Wulf im Gespräch mit der Dewezet. Die Toiletten und Duschen seien im Gegensatz zu den Zimmern allerdings okay, meint Wulf.

Ralf Hermes, Kreisvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), war am Nachmittag gegen 16.30 Uhr in seiner Funktion als stellvertretender Vorsitzender des Polizeihauptpersonalrats im Niedersächsischen Innenministerium in die Kaserne gefahren. „Die Kritik der Kollegen ist berechtigt, in mehreren Zimmern ist die Sauberkeit inakzeptabel.“ Die Situation sei „insgesamt sehr grenzwertig“. Sie werde von der Personalvertretung Niedersachsen nachbereitet. Gleichwohl habe es in der Kaserne kein Sodom und Gomorrha gegeben. „Der Gesamteindruck der Anlage stimmt nicht mit den drastischen Beschreibungen der Polizisten überein.“ Die Aussage, „Polizisten sollen zwischen Blut und Sperma schlafen“ sei so extrem, dass die Kritik des Landrats an dieser überspitzten Darstellung berechtigt sei, sagte Hermes. Der Hauptkommissar und hauptamtliche Vorsitzende des Personalrats der Polizeiinspektion Hameln/Holzminden war allerdings auch erst 23 Stunden später vor Ort. Wie es am Vortag in den beanstandeten Zimmern ausgesehen habe, könne er nicht sagen. Er habe sich von Kollegen aber noch einige Mängel zeigen lassen. Nach der Reinigung sei die Situation „zwar nicht schön“, sie müsse in Anbetracht der Notsituation aber mit Zähneknirschen hingenommen werden.

Auch polizeiliche Führungskräfte aus Nordrhein-Westfalen hätten sich die Unterkunft angeschaut und „die gravierenden Zustände erkannt“, heißt es in einer von der DPolG verbreiteten Erklärung. „Hierbei waren sich alle einig: Die Unterkunft ist unbewohnbar.“

Landrat Bartels meinte dazu: „Die Gesamteinsatzleitung der Polizei hat die Kaserne als geeignet befunden. Auch der nach der ersten Kritik der einrückenden Kräfte hinzugezogene zuständige Polizeiarzt aus Nordrhein-Westfalen hat keine bedenklichen Hygienemängel feststellen können. Einen Neubau oder Hotelstandard darf man nicht erwarten, eine gründliche Reinigung aber schon. Diese ist in einigen Zimmern nicht erfolgt, deswegen ist die Kritik verständlich.“ Insgesamt sei die EInrichtung allerdings in einem „guten Zustand“.

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