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Heute beginnt das Schuljahr – und die Stadt weiß noch nicht, wie viele Kinder kein Deutsch können

Hausaufgaben nicht gemacht

Hameln. Heute beginnt in Niedersachsen die Schule. Für viele Kinder ist dies nach sechs Wochen Sommerferien ein eher trauriger Tag, für andere wird am Sonnabend mit der Einschulung ein ganz neuer Lebensabschnitt beginnen – und für einige kehrt nach teilweise monatelangem Ausnahmezustand endlich ein wenig Alltag ein: Unter den knapp 160 000 Menschen, die allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres in Deutschland Asyl beantragten, waren fast 55 000 im schulpflichtigen Alter. Experten gehen davon aus, dass auf das ganze Jahr gerechnet 270 000 minderjährige Kinder und Jugendliche nach Deutschland kommen werden, 30 000 davon allein nach Niedersachsen.

veröffentlicht am 02.09.2015 um 19:11 Uhr
aktualisiert am 12.01.2017 um 22:05 Uhr

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Wiebke Kanz

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Wiebke Kanz Reporterin (in Elternzeit) zur Autorenseite

Da in Deutschland auch Ausländer der Schulpflicht unterliegen, ist die Frage, wie die vielen Flüchtlingskinder ohne Deutschkenntnisse möglichst schnell in den Lernalltag integriert werden können, in den letzten Wochen in vielen Kommunen sowie auf Länderebene in den Fokus gerückt. Im Schnitt dauert es drei Monate, bis die Flüchtlinge vom Erstaufnahmelager auf die Kommunen verteilt werden – dann beginnt die Schulpflicht. Es gibt spezielle Sprachlernklassen, in denen in der Regel zwischen zehn und 16 Schüler sprachlich auf den Besuch einer Regelklasse vorbereitet werden. Ziel ist es, die Kinder nach etwa drei Monaten Sprachtraining in den normalen Unterricht zu integrieren.

Für die Einrichtung solcher Klassen ist die Niedersächsischen Landesschulbehörde zuständig, die reagiert, wenn Schulen ihr ihren Bedarf melden. In der Stadt Hannover gab es im vergangenen Schuljahr 21 solcher Sprachlernklassen, zum neuen Schuljahr werden 15 hinzukommen. Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt verkündete gestern, das Angebot niedersachsenweit ausbauen zu wollen, die Anzahl der Sprachlernklassen im Bundesland soll sich im heute beginnenden Schuljahr von bislang 240 auf rund 300 erhöhen – fast 15 Millionen Euro sollen dafür zur Verfügung gestellt werden.

Und in Hameln? Die Frage nach neuen Sprachlernklassen im Stadtgebiet wurde gestern auf Nachfrage bei der zuständigen Regionalabteilung der Niedersächsischen Landesschulbehörde in Holzminden verneint. Kreisweit werde zum Schulstart eine einzige neue Förderklasse eingerichtet, an der Oberschule Hessisch Oldendorf; im Kreishaus ist zudem von einem neuen Angebot an der KGS Salzhemmendorf die Rede.

Bei der Stadt Hameln allerdings gab es gestern keine Auskunft darüber, wie viele Kinder ohne Deutschkenntnisse heute oder am Wochenende an Hamelner Schulen eingeschult oder in den nächsten Wochen erwartet werden – und wie viel Sprachförderbedarf es gibt. Grund: Usus ist es, dass die Schulen die Zahlen der neu aufgenommenen Schüler erst nach Schulstart an die Stadt melden – und diese erst dann eine Statistik erstellt. Während anderorts Politiker der besonderen Situation durch besondere Maßnahmen Herr zu werden versuchen – indem man sich nämlich bereits vor Schuljahresbeginn auf Tausende Flüchtlingskinder vorbereitet –, scheint man in Hameln erst einmal abzuwarten und alles beim Alten zu belassen.

Im Zweifel könnte diese Taktik auf Kosten der Kinder gehen: Denn selbst wenn die Schulen ihren Bedarf nach Schuljahresbeginn zügig an die Landesschulbehörde melden, wird dadurch eine bürokratische Mühle in Gang gesetzt. Es wird geprüft, wo die Kinder leben, welche Schulwege man ihnen zumuten kann, an welchen Schulen entsprechende Sprachlernklassen für Kinder welcher Altersstufen eingerichtet werden können, wer den Deutschunterricht geben soll – das alles dauert. Sechs Wochen dauerte die Einrichtung einer Sprachlernklasse am Schiller-Gymnasium nach den Osterferien – für eine deutsche Behörde ist das zwar sehr schnell, für Kinder, die sechs Wochen lang durch eine Sprachbarriere von Schulalltag und Mitschülern getrennt werden, jedoch eine lange Zeit.

Weitsichtig ist das Vorgehen der Stadt Hameln nicht. Denn Fakt ist: Neue Flüchtlinge werden auch in Hameln ankommen – und jeder zweite bis dritte davon ist ein Kind.

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