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Initiative von Hannelore Niemeyer kommt bei Flüchtlingen gut an

Handarbeit gegen die Langeweile

Hameln. „Die Flüchtlinge in der Linsingen-Kaserne müssen doch ganz viele Langeweile haben“, dachte sich Hannelore Niemeyer aus Hemeringen und brauchte nicht lange zu überlegen, um aktiv zu werden. Seit sie mithilfe des DRK in der Linsingen-Kaserne einen Handarbeitskurs eingerichtet hat, wird dort einmal in der Woche fleißig gestrickt, gehäkelt und gestickt. Waren es beim ersten Mal nur acht Teilnehmerinnen, kamen in der zweiten Woche bereits rund 15 Frauen, Mädchen und auch Kinder, um Schals, Waschlappen und kleine Deckchen anzufertigen. Das Material hatte Hannelore Niemeyer aus ihren eigenen Beständen mitgebracht; außerdem auch Spielzeug, das sie von drei Familien aus Hemeringen erhalten hatte. „Sie glauben gar nicht, wie das hier weggeht! Das wird hier alles dringend benötigt“, schildert die 71-jährige ehemalige Finanzbuchhalterin die Nachfrage. Und reichlich Stoff habe auch die Firma Wollweber gespendet.

veröffentlicht am 09.11.2015 um 15:56 Uhr
aktualisiert am 10.11.2015 um 19:44 Uhr

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Autor:

Wolfhard F. Truchseß

Die 15-jährige Sadaf Moussawi hat schon einige Worte Deutsch gelernt und übersetzt bereits die eine oder andere kleine Frage. „Alles perfekt hier“, lobt sie den Kurs und das Leben in der Kaserne. Auf ihrem langen Treck aus Afghanistan ist sie mit den Eltern und einer kleinen Schwester nach Deutschland gekommen. Zu viert mit ihren 13, 15 und 16 Jahre alten Kindern hat es auch die 43-jährige afghanische Journalistin Fausia Popal, die drei Jahre in Moskau studiert hat, nach Hameln geschafft. „Wir hatten Angst um unsere Töchter“, begründet sie ihre Flucht. „Die sollten mit älteren Männern zwangsverheiratet werden; das wollten wir nicht.“ Ihr Mann, Inhaber einer größeren Firma in Kabul, ist noch in der afghanischen Hauptstadt und hat die zweimonatige Flucht zu Fuß, teilweise mit Bussen und per Boot über den Iran, Kurdistan, die Türkei und die Balkan-Route finanziert. Insgesamt habe sie 80 000 Dollar an die verschiedenen Schlepper zahlen müssen, berichtet Fausia Popal. „Das war ein teurer Spaß.“ Jetzt hofft sie hier leben zu dürfen, damit ihre Kinder eine vernünftige Ausbildung erhalten, übersetzt der Sprachmittler Abdoul Karim Murad, der Arabisch, Kurdisch und Persisch beherrscht und 1980 aus dem Nordirak nach Deutschland gekommen war. Auch die achtjährige Parastu Mirdeli strickt fleißig an einem weißen Waschlappen. Sie hat den langen Weg mit dem Vater und zwei Brüdern geschafft. Die Mutter sei im Krieg in Afghanistan gestorben. Nachwuchs erwartet die 20-jährige Fatemir Ahmedi, die gemeinsam mit einem Kleinkind und ihrem Ehemann die Flucht heil überstanden hat. Ohne ihren Ehemann ist dagegen Latifa Nasari aus Kabul geflohen. „Der kämpft noch im Krieg gegen die Taliban“, übersetzt Murad.

Die 37-jährige Sadighe Hoseini hat vor ihrer Flucht noch einen Englisch-Kurs in Kabul absolviert und hilft Hannelore Niemeyer, sich mit den häkelnden und strickenden Frauen zu verständigen. Flugbegleiterin zu werden, ist ihr Wunschtraum. „Aber vor allem soll mein Sohn Zakaria hier zur Schule gehen und eine gute Ausbildung erhalten“, erklärt sie. Schon 75 Jahre alt ist Habibe Haideri. Mit ihrem siebenjährigen Enkelkind und der Schwiegertochter hofft sie jetzt eine Bleiberecht in Deutschland zu erhalten. Ihr Sohn ging auf der Flucht im Iran verloren. Seitdem hat die Familie keinen Kontakt mehr zu ihm. Dass vor allem afghanische Frauen und Mädchen den Handarbeitskurs in der Linsingen-Kaserne besuchen, hat einen einfachen Grund: Ein afghanischer Dolmetscher brachte die Nachricht von der Initiative Hannelore Niemeyers zu den Frauen.

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