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Alles steht und fällt mit der Finanzierung

Gehen die Deutschkurse weiter?

Bad Pyrmont. „Wir hatten im vergangenen Jahr einen Anfängerkurs und danach einen für Fortgeschrittene und können uns schon recht gut in der deutschen Sprache verständigen“, sagt Aragsan und in der Runde nicken die anderen zustimmend. Sie stammt mit ihrem Mann aus Somalia. Beide sind nun schon über zwei Jahre in Bad Pyrmont und erst seit September des vergangenen Jahres haben sie über die Flüchtlingshilfe die Chance erhalten, an Deutschkursen teilnehmen zu können.

veröffentlicht am 24.03.2016 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 29.03.2016 um 16:44 Uhr

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Autor:

von Klaus Titze

Mit insgesamt 16 Teilnehmern startete der Anfängerkurs im Schloss. Eine ausgebildete Pädagogin der Volkshochschule vermittelte ihnen die Kenntnisse in einer ihnen völlig fremden Sprache, während ehrenamtliche Helfer der Flüchtlingshilfe nebenan die Kinder der Kursteilnehmer betreuten. „Das war sehr wichtig, denn nur so konnten sie sich auf den Unterricht konzentrieren oder überhaupt teilnehmen“, erklärt Gülseren Aybay, die als Mitarbeiterin der AIBP (Arbeit- und Integration Bad Pyrmont) gemeinsam mit der Volkshochschule den Kurs organisatorisch begleitete.

Die Flüchtlingshilfe Bad Pyrmont finanzierte die beiden Deutschkurse nahezu komplett, da zu diesem Zeitpunkt weder vom Bund noch vom Land derartige Kurse bezahlt wurden. Pastorin Bettina Burghardts Augen strahlen, wenn sie über die Hilfsbereitschaft einer ganzen Reihe von Privatpersonen und Institutionen Bad Pyrmonts spricht, die mit ihren Spendengeldern die Flüchtlingshilfe überhaupt erst in die Lage versetzte, früh einsetzende Sprachbildung vermitteln zu können. Sie und das für die Finanzverwaltung zuständige Team sorgen dafür, dass die gespendeten Gelder auch wirklich für die erforderlichen Sprachkurse verwendet werden.

„Inzwischen hat sich die Situation etwas verändert, da für alle Flüchtlinge ein Anfängerkurs vom Bundesamt bezahlt wird“, berichtet Aybay. Nachfolgende Sprachschulungen als Integrationskurse erhalten bislang nur Zuwanderer, die eine Bleibeberechtigung für Deutschland haben. Für alle anderen endet das Lernen der deutschen Sprache nach dem Anfängerkurs. „Man kann doch aber nicht auf dem untersten Niveau stehenbleiben. Für Ausbildungs- oder Arbeitschancen ist mindestens ein B1-Abschluss anzustreben“, klagt die für Migration in der AIBP zuständige Mitarbeiterin und zeigt damit auf, dass ein erneutes Dilemma bevorsteht.

„Die Flüchtlinge können mit ihrer geringen finanziellen Unterstützung keine Sprachkurse bezahlen und auch die Kinderbetreuung ist meistens nicht mit durchdacht“, sagt auch Sieglinde Patzig-Bunzel, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagiert. „Wir werden nun schauen, wie wir Fortbildungskurse mit bis zu 20 Teilnehmern gemeinsam mit der Volkshochschule organisieren und finanziell absichern können“, ist sie sich mit der Finanzgruppe der Flüchtlingshilfe einig.

„Ich bin überglücklich, mich im Alltag beim Einkaufen oder in meiner Nachbarschaft verständlich machen zu können“, freut sich Joy, die aus Liberia stammt und ebenfalls beide von der Flüchtlingshilfe finanzierten Kurse besuchen konnte. Sie ist die Nachbarin von Edina und Jasmin aus Bosnien, die auch fleißig an den Deutschkursen teilnahmen und nun eine gemeinsame Sprache für ihr nachbarschaftliches Miteinander gefunden haben. „Allerdings werden wir für unsere Mühe wohl nicht belohnt, denn obwohl wir uns schon sehr gut in der deutschen Sprache verständigen können, haben wir die Aufforderung bekommen, nach Bosnien zurückzukehren“, sagt Jasmin mit trauriger Stimme, auch weil seine Kinder, die hier seit fast einem Jahr die Schule besuchen, ebenfalls ihre gefundenen Freundschaften verlassen müssen.

Anmerkung der Redaktion: Beim Erscheinen des Artikels haben Edina und Jasmin mit ihren Kindern Deutschland bereits wieder verlassen.

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