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Ein DRK-Team soll jetzt Beschäftigung koordinieren

Gegen die Langeweile

Hameln. Nichts zu tun. Nur Warten. Dazu kommen: fremdes Land, fremde Sprache, keine Familie, keine Freunde. Die Flüchtlinge in der Linsingen-Kaserne finden sich an jedem Morgen in dieser Situation wieder. „Aufstehen, frühstücken“, und dann komme das lange Nichts, erzählt Alaa Ihsan aus Syrien. Ein 55-köpfiges Team des DRK arbeitet jetzt an der Erstellung und Koordination von Angeboten.

veröffentlicht am 12.10.2015 um 13:20 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 12:46 Uhr

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Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite

Zum Beispiel ein Theaterstück wäre toll, schlägt Alaa Ihsan vor. Eines, in dem auch Flüchtlinge mitspielen könnten, und oder eines, in dem Hamelns Geschichte erklärt würde. Oder Basketballspiele gegen andere Mannschaften oder Deutschkurse … Ihm fallen spontan mehrere Sachen ein, die den Menschen in der Kaserne gefielen.

Legal hier arbeiten dürfen die Flüchtlinge noch lange nicht, aber sie in den Alltag auf dem Kasernengelände einbinden, das geht. „Wir wollen diesen Ort zu einem Ort des Lebens machen“, sagt Lieselotte Sievert, Kopf des DRK-Teams, und zwar nicht über die Köpfe der Flüchtlinge hinweg, sondern mit ihnen. „Was wollen die Menschen, was brauchen sie?“, seien die zentralen Fragen.

Viele Ehrenamtliche, die sich engagieren wollen, scharrten schon mit den Füßen, weiß Lieselotte Sievert, und würden am liebsten sofort all ihre guten Angebote an den Mann bringen, doch es brauche ein gewisses Maß an Strukturen, ohne überbordend bürokratisch zu werden. Und: „Die Kommunikation mit den Menschen ist einfach schwierig“, nennt sie eine Hürde, die für alle Angebote genommen werden muss. Längst nicht jeder Flüchtling spricht Englisch oder Französisch. „Eine Information haben wir neulich 20 Mal mit der Hand schreiben lassen“, weil noch keine Tastatur vorhanden war, mit der persisch hätte getippt werden können. Als Schwarzes Brett dienen die Monitore in der Mensa und der Turnhalle. Auch der Flurfunk gehöre zu den Kommunikationsmitteln.

Für die jüngste Zielgruppe, die Eins- bis Sechsjährigen, wurde bereits ein Angebot geschaffen: Kinderbetreuung. Anders als von den Organisatoren angenommen, haben die Frauen überhaupt keine Berührungsängste und geben ihre Kinder in so großer Anzahl vertrauensvoll in die Hände der ehrenamtlichen Betreuerinnen, dass sie „überrannt wurden“. Als nächstes sollen Freizeitangebote für die Sechs- bis Zwölfjährigen gestrickt werden.

Jungen Männern, die nicht wissen, wohin und was tun, ist damit noch nicht geholfen. Ein Fokus in der Planung von Beschäftigungen auch für sie liegt auf dem Linsingen-Gelände selbst. „Viele Flüchtlinge wollen helfen“, sagt Sievert. Jetzt werde organisiert, dass sie sich selbst einbringen, wenn es ums Müllaufsammeln geht, ums Rasenmähen, zudem soll ein Waschsalon eingerichtet werden. Zwar gibt es Waschmaschinen in den Wohnblocks, doch dort gebe es auch Probleme. Der eine wasche seine Schuhe darin, der nächste wolle die Maschine danach nicht mehr benutzen – böse Auseinandersetzungen gebe es dort hin und wieder. Ein Waschsalon mit Industriemaschinen und Platz zum Tee-Trinken und Quatschen soll mehr Maschinen und damit Abhilfe schaffen.

Wesentlich sei, dass die Menschen in der Kaserne wieder einen Hauch von „Selbstwirksamkeit“ erführen. „Sie können ja kaum noch etwas selbst bestimmen“, erklärt Lieselotte Sievert. Ein Stück weit sollen sie wieder Kontrolle über ihr Leben bekommen. Ein ambivalentes Thema – während Frauen und Kinder diesbezüglich besonderen Schutz erfahren müssen (für sie wurde jetzt ein eigener Bereich geschaffen, der vom Sicherheitsdienst extra bewacht wird), werden Männer dadurch in die Schranken gewiesen, nachdem es Übergriffe gegeben hat.

Sport spielt eine besondere Rolle und hat neben der körperlichen die mentale Komponente, unsagbaren Stress der vergangenen Monate abzubauen. Einiges organisieren die Flüchtlinge selbst – Fußball, Cricket. Aber auch Vereine bieten Unterstützung an. Laufangebote sollen in Kürze geschaffen werden, ein Fitnessraum ist in Planung. Mitglieder des Kreissportbundes entwickeln ebenfalls Ideen. „Jede Art von Sport“ werde laut Lieselotte Sievert gebraucht. Was dem einen die körperliche Betätigung ist, ist dem anderen die musische – „wir würden sehr gerne einen Trommelworkshop anbieten“, erzählt Sievert. Überhaupt sei die Kombination von Musik und Bewegung in Form von Kursen eine wünschenswerte Freizeitaktivität.

Was auf dem Gelände passiert, sei das eine. Das andere: Auch außerhalb der Kasernenmauern können und sollen sich Menschen einbringen. Das Kinderspielhaus, beispielsweise, die Sportvereine, vielleicht die Jugendmusikschule. Möglichkeiten gibt es reichlich. Zusammen mit der Stadt und dem Landkreis errichtet das DRK zurzeit eine Datenbank, in der alle Angebote gelistet werden. Und dann geht’s wieder ans Übersetzen. Denn das ist derzeit auch noch ein Problem: Selbst wenn „draußen“ etwas stattfindet – davon erfahren die Flüchtlinge eher zufällig. So wie Alaa Ihsan, selbst Basketballer, der sich dann ein Spiel der Basketballer vom VfL ansehen konnte.

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