weather-image
15°
Rund 50 Flüchtlinge ziehen spontan in die Innenstadt / Im April 2016 können sie ihre Asylanträge stellen

Gegen das lange Warten

Hameln. Rund 50 Flüchtlinge zogen am Dienstagvormittag in einer spontanen Kundgebung von der Linsingen-Kaserne zur Hochzeitshausterrasse. Mit selbst geschriebenen Plakaten machten sie auf monatelange Wartezeiten aufmerksam, bis sie ihren Antrag auf Asyl stellen können. Die Polizei begleitete sie.

veröffentlicht am 20.10.2015 um 20:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 12:46 Uhr

270_008_7785214_hm109_Dana_2110.jpg
Birte Hansen

Autor

Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite

Hameln. Rund 50 Flüchtlinge zogen am Dienstagvormittag mit handgeschriebenen Plakaten von der Linsingen-Kaserne zur Hochzeitshausterrasse, um ihrem Unmut über lange Wartezeiten bis zur Asylantragstellung Luft zu machen: 6. April 2016, 7.30 Uhr, steht auf dem Papier der Landesaufnahmebehörde Niedersachsen, das einige der Flüchtlinge bei sich tragen. In fünf Monaten also haben sie einen Termin, bei dem sie ihren Antrag auf Asyl beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) stellen können.

„It takes too long“, es dauert zu lange, erklären einige Flüchtlinge. Viele von ihnen sehnen sich danach, ihre Familien aus ihren Heimatländern nach Deutschland zu holen. „Rettet meine Mama, sie ist in Gefahr – Wiedervereinigung“ steht auf einem Plakat. Ein junger Mann, Khaled, erklärt, etliche Flüchtlinge schämten sich, dass sie jetzt in Sicherheit in Deutschland seien, während ihre Familien zuhause in Gefahr lebten. Unverständlich sei, dass beispielsweise ein Freund, mit dem man gemeinsam geflüchtet sei, in Essen in Nordrhein-Westfalen bereits seine Papiere in den Händen halte. Hier dagegen müssten die Menschen so viele Wochen, Monate warten, bis es überhaupt weitergeht. Einige seien bereits seit drei Monaten in Deutschland und müssten nun noch einmal fünf Monate warten.

Die Polizei hat den spontanen Zug der Flüchtlinge, darunter vereinzelt Frauen und Kinder, von der Kaserne in die Innenstadt mit fünf Streifenwagen begleitet. Normalerweise müssen Demonstrationen angekündigt werden, aber es sei ein Auge zugedrückt worden, erklärt Polizeioberkommissar Jens Petersen. Die Polizisten waren laut DRK „zur Sicherheit“ am Dienstagmorgen in die Kaserne gerufen worden, weil zum einen erstmals Geld an die Flüchtlinge ausgegeben wurde und sich zum anderen die rund 50 Männer und Frauen auf dem Gelände versammelt hatten, um Fragen zu stellen. Als „ganz normale Lage und unaufgeregt“, bezeichnet Bretzing die Situation. Es sei normal, bei solchen Lagen die Polizei hinzuzuziehen. Bretzing hatte versucht, den Flüchtlingen Rede und Antwort zu stehen, habe jedoch nach eigenen Angaben „nicht gleich auf alles eine Antwort“ gehabt. Er habe erklärt, er werde sich kümmern und ihnen „nächste Woche Bescheid geben“. Es sei um Gesetzesänderungen gegangen und eben um die Frage, warum die Wartezeit bis zum Termin der Antragstellung so lang ist. Bei den Flüchtlingen wiederum scheint sich laut ihren Erzählungen der Eindruck breitzumachen, sie würden hingehalten und vertröstet. Das BAMF als zuständige Behörde für die Antragstellung hat sich gestern zur Anfrage der Dewezet nach den Bearbeitungszeiten nicht geäußert.

270_008_7785208_hm105_Dana_2110.jpg
270_008_7785205_hm102_Dana_2110.jpg
270_008_7785215_hm110_Dana_2110.jpg
  • Hauptsächlich junge Männer, einige Frauen, wenige Kinder ziehen von der Linsingen-Kaserne zur Hochzeitshausterrasse. Dana

Eine Stunde Zeit räumte die Polizei den Demonstranten auf der Hochzeitshausterrasse ein, nach einer Dreiviertelstunde etwa löste sich die Gruppe wieder auf. Zu dem Zeitpunkt hatte sich der Frust offenbar noch verstärkt – einige Flüchtlinge kündigten an, in den Hungerstreik treten zu wollen, damit etwas passiert. „Das ist kein Leben, ohne meine Familie“, versuchte ein Mann zu erklären. Andere distanzierten sich von solchen Äußerungen. Immer wieder betonten sie, wie dankbar sie seien, in Deutschland so gut aufgenommen worden zu sein. Nur die Wartezeit müsste kürzer sein, so der Wunsch aller. Zum einen, weil es für sie nichts zu tun gebe außer essen und schlafen, zum anderen, weil sie wieder mit ihren Familien zusammen sein wollen.

INFO: Seit Dienstag erhalten die ersten 500 Flüchtlinge, die registriert wurden, ein Taschengeld. Für einen Volljährigen, der alleine nach Deutschland gekommen ist, beträgt das 143 Euro pro Monat. Das Geld wird rückwirkend für die Zeit seit ihrer Ankunft ausgezahlt. Erwachsene, die als Partner einen Haushalt teilen, bekommen je 129 Euro. Für Kinder stehen den Familien je nach Alter zwischen 85 und 92 Euro zu. Nach Angaben des paritätischen Wohlfahrtsverbandes liegen die Sach- und Geldleistungen zusammen bei einem Flüchtling etwa zehn Prozent unter den Hartz-IV-Regelsätzen.dpa/bha

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2017
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare