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Friseurin holt Aktion nach Hameln / 30 Flüchtlinge kommen zur Walkemühle

Freier Haarschnitt im Freiraum

Hameln. 30 Flüchtlinge nutzten das Angebot und kamen in die Walkemühle. Dort arbeiteten am Sonntag drei Friseure unentgeltlich und verpassten den Männern und Jungen neue Haarschnitte. Jetzt wird überlegt einen extra Tag anzubieten, ohne Männer, um die Frauen und Mädchen in der Linsingen-Kaserne zu erreichen.

veröffentlicht am 05.10.2015 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 12.10.2015 um 17:59 Uhr

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Autor:

Rüdiger Pradella

Hameln. Als ich höre, die Leute vom Hamelner Freiraum wollen Flüchtlingen die Haare schneiden, fällt mir dieser T-Shirtspruch wieder ein: „Meine Freundin hat mich verlassen, und alles was mir blieb, ist dieses T-Shirt.“ Umgewandelt könnte er heißen: „Ich bin aus Krieg und Elend geflohen, und nun bekomme ich einen Haarschnitt.“ Haareschneiden – mehr nicht?

Heni, Mariana und Carmen sehen das anders. Die drei Friseurinnen wollen helfen. Für sie ist ihr Job ein ganz besonderer. „So nah wie wir, kommen eigentlich nur die Ärzte an die Flüchtlinge ran“, erzählt Heni. „Man kann ihnen was Gutes tun und sie aus ihrem langweiligen Alltag rausholen.“ Heni stammt aus Hameln-Pyrmont, ging aber für die Lehre nach Hamburg. Dort war sie dabei, als die Aktion unter dem Motto „Free Haircuts for Refugees“ zum ersten Mal startete. 50 Friseure und Friseurinnen schnitten 300 Flüchtlingen die Haare. Der Erfolg verlieh dem Projekt Flügel. Nach weiteren Aktionen in Hamburg und Berlin schneiden nun bundesweit immer wieder Friseure kostenlos Flüchtlingen die Haare. Dank Heni ist die Aktion in Hameln angekommen.

Etwa 30 Flüchtlinge aus der Linsingen-Kaserne haben den Weg in die Walkemühle gefunden. Darunter sind viele Kinder. Sie scheinen nicht ganz sicher zu sein, was sie hier erwartet, aber dank Billardtisch und selbst gebackenen Muffins ist die Unsicherheit schnell gelöst.

Ahameds Haare sind schon recht kurz, nur hinten findet er sie etwas zu lang. Er kommt aus Afghanistan, floh wegen des Krieges. Hameln sei eine schöne Stadt, alle seien nett zu ihm. Er würde gerne hier arbeiten, erzählt er auf Englisch. Erst einmal wolle er versuchen, Deutsch zu lernen, aber die Sprache sei sehr schwer.

Seine Freunde, die neben ihm auf dem Sofa sitzen und für die er übersetzt, kommen ebenfalls aus Afghanistan. Es gibt jedoch auch welche aus Syrien, Irak und Pakistan, die den Friseur-Service nutzen wollen. Einer hilft immer wieder: Homan. Er ist bei den Freiwilligen in der Walkemühle ein geschätzter Ansprechpartner und Dolmetscher. Homan hat in Bagdad Jura studiert, wollte Anwalt werden. Er floh aus dem Irak in die Türkei, dort blieb er zwei Monate. Dann ging es für ihn über Griechenland weiter nach Deutschland, so seine Erzählung. Gerne würde er hier zu Ende studieren. Seine schwarzen Haare kräuseln sich und sind ihm etwas zu lang. Einen Undercut vielleicht? Nein, möchte er nicht. Nachts vor dem Schlafengehen lernt er Deutsch mit einem Duden, erzählt er. Einige Sätze kann er schon stockend. Mit seiner Familie telefoniere er so oft es geht – doch die Regierung im Irak kappe allzu oft einfach die Leitung.

Ursprünglich hatten sich sechs Friseure gemeldet. Dass nur drei gekommen sind, ist für Organisator Marcel Hinz okay. „Sie machen das ja freiwillig. Und für das erste Mal in Hameln läuft es richtig gut.“ Auch ist ein Friseurzimmer direkt in der Kaserne in Planung. Gerade für Frauen ist das wichtig. Es fällt erst nach einer Weile auf: Unter den 30 Gästen sind weder Frauen noch Mädchen. „Wir wissen nicht genau, woran es liegt“, meint Marcel, „aber wir werden wohl einen extra Frauentag ohne Männer machen müssen.“

Die Flüchtlinge sind neugierig und sehen sich in der Walkemühle alles genau an. „What means this A?“, wollen zwei Syrer von Deike wissen. Deike hat die Flüchtlinge abgeholt und wird sie alle wieder zurücklotsen. Sie findet Aktionen wie diese wichtig. „Sie geben den Leuten Abwechslung. Einige sind wohl selber Friseure. Da ergeben sich ganz neue Möglichkeiten.“ Das A an der Wand steht für Anarchie.

Angst vor Krankheiten haben die Friseurinnen keine. „Das ist doch egal. Wenn wir krank werden, gehen wir zum Arzt oder in die Apotheke und kaufen uns einfach was. Wir haben den ganzen Tag mit Menschen zu tun. Da kann immer was passieren.“ Ich habe mich schon manchmal gefragt, was ist eigentlich diese Willkommenskultur? Heute habe ich eine Antwort bekommen: Haareschneiden. Praktisch. Brauchbar. Auf keinen Fall umsonst.

Improvisierter Friseursalon in der Walkemühle. Mädchen und Frauen sind nicht unter den Flüchtlingen, denen hier Friseure unentgeltlich die Haare schneiden.

rp

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