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Im Hamelner Forum spricht Dr. Hans-Jürgen Marcus über Flucht und Asyl, Chancen und Überforderung

„Flüchtlinge retten die Kirchen“

Die Flüchtlingssituation ist eine Chance für die Gesellschaft, viele Dinge neu zu erlernen, sagt der Direktor des Caritasverbandes der Diözese Hildesheim, Dr. Hans-Jürgen Marcus, der am Donnerstag im Hamelner Forum zu Gast ist. Auch, weil die Kirchen aus der Selbstbeschäftigung herauskommen. Wir haben mit ihm gesprochen.

veröffentlicht am 18.11.2015 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 20.11.2015 um 16:26 Uhr

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Hallo Herr Marcus, Sie sagen, „Die Bibel sei ein Flüchtlingsbuch“, ohne Flucht und Vertreibung sei die christliche Tradition nicht zu verstehen. Heißt das, dass bibeltreue Christen mehr Verständnis für die Flüchtlinge haben?

Das heißt zumindest, dass es zum christlichen Urgestein gehört, der Schutz der fremden, der Willkommenskultur, der Gastfreundschaft – ohne diese Werte ist Christentum nicht zu denken. Im Deutronomium steht „mein Vater war ein heimatloser Aramäer, vielleicht das älteste christlich-jüdische Glaubensbekenntnis, was wir biblisch kennen. Das heißt, Christen sind in ihrer Identität angesprochen angesichts des Flüchtlingsthemas und ich finde, das funktioniert im Moment in unserer Gesellschaft recht gut, ich sehe im Bereich von katholisch-evangelischen Kirchengemeinden ein erhebliches Engagement, ich formuliere etwas flapsig manchmal: ‚Flüchtlinge retten die Kirchen. Weil die Kirchen aus der Selbstbeschäftigung rauskommen und sich vernünftigen Aufgaben zuwenden.

Die Angst vor der Überfremdung unserer Kultur ist derzeit groß. Kann das auch damit zu tun haben, dass diejenigen, die zu uns kommen, oft viel stärker in ihrem Glauben verwurzelt sind, ihre Traditionen viel mehr leben als wir?

Ich glaube, dass bei Zuzügen die Angst vor dem Fremden immer eine große Rolle spielt. Was auch richtig ist: Dass wir an der Stelle Erfahrungen machen, die uns vor Herausforderungen stellen. Die Frage stellt sich: Wer sind wir eigentlich? Wie sind wir religiös verwurzelt? Was macht unsere Identität aus? Das ist sicher eine spannende Frage, ob es die entscheidende für Fremdheitsangst ist, weiß ich nicht.

Der IS vermischt bewusst Religion und Politik, und die Tragödie in Paris hat wieder vor Augen geführt, wie nah und unberechenbar der Terror ist. Viele Politiker fordern nun schärfere Kontrollen, warnen aber gleichzeitig vor einer Vermengung mit der Flüchtlingspolitik. Wie kommt man heil aus der schwierigen Situation heraus?

Ich glaube in der Tat, dass die Perspektive bleiben muss: Wir reden über Flüchtlinge, die Opfer von Terror sind und nicht die Terroristen. An der Stelle muss man alles tun, um diese Themen massiv zu trennen. Was ich schon glaube ist, dass wir in Syrien und im Nahen Osten Situationen haben, die hochproblematisch sind, was den internationalen Terrorismus angeht. Da muss man Strategien für Terrorismusbekämpfung entwickeln, und die lassen sich, glaube ich, nicht über Grenzsicherungsthemen regeln.

Der IS hat auch viele Sympathisanten in der westlichen Welt, vor allem auf junge Menschen hat er eine große Anziehungskraft. Was können wir dagegen tun?

Wir haben in Niedersachsen vor eineinhalb Jahren einen Verein für Salafismusprävention geründet. Ich glaube in der Tat, dass wir an der Stelle wachsam bleiben müssen und das wir da, wo es Orientierungen in Richtung Terrorszene gibt, Fachleute brauchen, die das Thema weiter bearbeiten. Man vermutet ja, dass das ein paar Hundert Jugendliche in Deutschland sind, ich glaube, die muss man identifizieren, begleiten und gut im Blick behalten.

Brennende Flüchtlingsheime, streitende Parteien, die Bilder im Fernsehen signalisieren bisweilen, Staat und Politik hätten die Kontrolle verloren. Wie sehen Sie das?

Ich glaube, dass man aufpassen muss: Wir hatten eine Phase, wenn ich das so sagen darf, hoher politischer und medialer Pegida-Fixierung bis zu den Sommerferien. Dann, nach Frau Merkels Satz ,Wir schaffen das‘ ein tolles eherenamtliches Engagement. Seit Anfang November haben wir, glaube ich, viele unsinnige politische Debatten über Transitzonen, Einreisezentren und Familiennachzug. Wir unterstützen politisch eine Atmosphäre der Irritation und das muss aufhören. Ich glaube, wir brauchen an der Stelle eine stringente, klare Orientierung auch in der Flüchtlingspolitik und nicht zunehmende Verunsicherung. Ich glaube, das ist politisch gemacht.

Darf das Grundrecht auf Asyl für politisch Verfolgte eine Obergrenze haben?

Nein. Wir müssen eine Steuerung der Flüchtlingsbewegung hinkriegen. Wir können uns sicher nicht auf Dauer jedes Jahr eine Million leisten, insofern wird man zu einer Steuerung kommen, die aber eher davon lebt, sehr ruhig miteinander zu verhandeln, wie Wanderungsbewegungen gehen, wie legale Einreisemöglichkeiten aussehen, wie Zuzüge gehen, wie wir in Europa zu besseren Konsensen kommen. Alles, was im Moment in Richtung „Zaun zu“ geht, führt zu noch stärkerem Verlassen von Herkunftsländern, das wäre kontraproduktiv.

Kanzlerin Merkel sagt: „Wir schaffen das“. Schaffen wir das?

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass wir das schaffen, und ich bin auch zutiefst davon überzeugt, dass das unserer Gesellschaft guttut. In der Tat sind die Flüchtlinge eine Antwort auf die demografische Situation in Deutschland. Ich erlebe, dass da viele junge engagierte Menschen kommen, die Integration wollen, die arbeiten wollen, die Bildung wollen. Dass das nicht eins zu eins dazu führt, dass die in unseren Arbeitsmarkt integrierbar sind, ist auch klar, das kostet schon Anstrengung, aber langfristig wird es aus dem Flüchtlingsthema eine demografische und volkswirtschaftliche Rendite geben. Das andere Thema ist, dass ich glaube, wir hatten noch nie einen solchen Impuls für die Zivilgesellschaft, für ehrenamtliches Engagement, für sich Kümmern um andere. Gesellschaftliche und das kann man schon auf die nächsten Jahrzehnte sagen, brauchen wir eher mehr Solidarität, mehr Eigenverantwortung als weniger. Und ich glaube die Flüchtlingssituation ist eine Riesenchance für unsere Gesellschaft, diese Dinge neu zu lernen.

Ängste auf der einen Seite, eine große Willkommenskultur auf der anderen und scheinbar wenig dazwischen. Nach einer Umfrage des Allensbach-Instituts haben 40 Prozent der Bürger – quer durch alle Parteien – das Gefühl, dass man seine Meinung nicht offen sagen kann. Wie ist ihre Erfahrung?

Das teile ich nicht so ganz. Ich finde auch, das vertrete ich in Kirchen sehr stark, dass wir Orte schaffen müssen, an denen Menschen mit ihren Ängsten gehört werden. Überhaupt keine Frage, wir brauchen eine offene Diskussionskultur, aber ich glaube nicht, dass wir eine Situation haben, wo diese Kultur nicht da ist. Ich glaube eher, dass wir sie im Moment in die Polarisierung zwingen, dass wir für diesen Zwischenraum zu wenig Gelegenheiten haben. Wo wir Ängste ernst nehmen, wo wir Chancen deutlich machen, wo wir vielleicht auch aushalten, dass wir nicht auf alles eine Antwort haben

Wie kann man gegensteuern?

Räume schaffen, Gespräche führen und wir brauchen einfach einen langen Atem immer wieder neu nachzudenken, denn natürlich wird diese Situation unsere Gesellschaft ganz stark verändern. Wir werden noch bunter, noch vielfältiger, wir werden noch mehr Debatten von Grundrechten haben. Da liegt noch viel vor uns.

Debatten von Grundrechten, was meinen sie damit?

Wir müssen mit dem Anspruch den Menschen, die kommen entgegentreten, dass unser Grundgesetz über allem anderen steht, auch über dem Koran und über allen anderen Ideologien. Wer sich nicht an das Grundgesetz hält und sich daran orientiert, der hat in dieser Gesellschaft keine Chance und ich glaube, von daher muss es auch ein offensives, engagiertes Bürgertum geben.

Viele Menschen, die spontan helfen wollen, scheitern erst mal an bürokratischen Hürden. Können wir uns das in dieser Situation leisten? Wäre mehr Flexibilität – auch bei Verwaltungen – nicht wünschenswert?

Allemal. Ich erlebe allerdings auch, dass wir im Bereich von Verwaltungen zurzeit erhebliche Lernprozesse haben. Ich beteilige mich ungern sozusagen an Beschimpfungen von Verwaltungen, ich erlebe ganz viel Flexibilität, viele Versuche, sich zu kümmern über das normale Maß hinaus. Ich finde, und das sind wir im Moment auf Landesebene dabei, wir müssten Grundkonflikte identifizieren und dann politisch lösen. Also insofern weiter an der Frage Verwaltungsflexibilität und Flexibilität insgesamt zu arbeiten. Ich glaube man darf zurzeit nicht den Fehler machen, in Deutschland ist alles mit Beamtenmentalität besetzt, die nicht flexibel sind.

Haben Sie praktische Tipps für Menschen die helfen wollen.

Ich glaube, dass es richtig ist, sich Strukturen und Organisationen anzuschließen. Sei es in den Erstaufnahmeeinrichtungen, sei es im Bereich von Projekten. Es ist immer gut, sich zusammenzutun und es ist vor Ort gut, wenn wir dieses ehrenamtliche Engagement gut unterstützen und begleiten. Da sehe ich eine große Herausforderung für Wohlfahrtsverbände, Kirchen aber auch Kommunen. Wir müssen Runde Tische schaffen, wir müssen hauptberufliche Unterstützung schaffen, an den Stellen, wo es nicht weitergeht. Ansonsten ist die Palette extrem groß.

Interview: Dorothee Balzereit Zur Person:

Hans-Jürgen Marcus, geboren 1958 in Westernkotten, Dr. (phil), hat katholische Theologie und Pädagogik in Münster studiert, ist Direktor des Caritasverbandes für die Diözese Hildesheim. Er war von 2004-2007 Sprecher der Nationalen Armutskonferenz.

Am Donnerstag, 19. November. Beginn ist um 19 Uhr im Medienraum der Dewezet, Osterstr. 16. Der Eintritt beträgt 7,50 Euro. Karten im Vorverkauf sind erhältlich: Buchhandlungen Matthias, Seifert, von Blum, am Markt (Emmerthal), im FiZ (Familie im Zentrum), bei Tickets im Hefehof sowie im vhs-Haus.

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